„Die Spatzen pfeifen lassen”

Entschleunigung und Soziale Medien

Anselm Bilgri war bis 2004 Benediktinermönch und Prior des Klosters Andechs. Seit dem Ordens­austritt ist er unter anderem als Coach und Speaker tätig. 2013 hat er in München die „Akademie der Muße” gegründet
Anselm Bilgri
war bis 2004 Benediktinermönch und Prior des Klosters Andechs. Seit dem Ordens­austritt ist er unter anderem als Coach und Speaker tätig. 2013 hat er in München die „Akademie der Muße“ gegründet (Foto: PR)

Die Informationsflut und die ständige Erreichbarkeit über die modernen Medien führen zu einer enormen Inanspruchnahme der Aufmerksamkeit. Ist das „alter Wein in neuen Schläuchen“, sprich: Ging es unternehmerisch Denkenden nicht schon immer so?

Bilgri: Früher bekamen wir Unmengen von Post, die sich auch gestapelt hat. Wir müssen lernen, mit der digitalen Informationsflut ebenso selektiv umzugehen. Was hilft: Nicht sofort auf jede E-Mail oder WhatsApp-Nachricht antworten, sondern sich ähnlich viel Zeit lassen wie beim Öffnen und Bearbeiten von postalischen Informationen. Und die Bearbeitung in einem fest umgrenzten Zeitfenster bündeln.

Viele Stimmen fordern eine Rückkehr und/oder eine Wende zur wertegeleiteten Unternehmensführung- und -kultur. Die Forderung erzielt naturgemäß ein positives Echo, doch wie gelingt so ein Wandel konkret? Welche Rolle spielen dabei etwa sozialen Medien?

Bilgri: Die sogennanten sozialen Medien sind nicht mehr wegzudenken, daher müssen sie in eine Wertediskussion miteinbezogen werden. Wenn sie für die „gute Sache“ der Werteorientierung eingesetzt werden, können sie zu deren Verbreitung beitragen. Ohne immaterielle Werte sind langfristig und dauerhaft keine bleibenden materiellen Werte zu schaffen.

Wie beurteilen Sie die Debattenkultur in der heutigen Gesellschaft, gerade auch in den sozialen Medien?

Bilgri: Sicher gibt es niveaulose Kampagnen in den sozialen Medien, aber auch Beispiele gelungener Debatten und zukunftsorientierter Aktionen. Man mag zu den „Fridays for Future“-Demos der Schüler stehen, wie man will, aber Wirkung in unsere Gesellschaft hinein wird man ihnen nicht absprechen können. Oder nehmen Sie „Pulse of Europe“. Da wird einmal für etwas demonstriert statt gegen etwas. Vielleicht ist die Ära der starken Typen wie Helmut Schmidt oder Franz Josef Strauß einfach vorbei und wird durch neue Formen der Willens- und Meinungsbildung ersetzt, an die wir uns erst gewöhnen müssen.

Stichwort Entschleunigung: Trend ist, sich mit fernöst­lichen Entspannungs-, Atmungs- oder Fokussierungstechniken zu beschäftigen. Was bietet unser mitteleuropäisches kulturelles Erbe in dieser Hinsicht?

Bilgri: Alle Kulturen und Religionen haben Meditationstechniken entwickelt. Allerdings wurden diese Dinge früher eher im „inner circle“, also bei Mönchen, Sufis und Gurus praktiziert. Diese sitzenden Traditio­nen sind überall sehr ähnlich. Ich glaube schon, dass westliche Methoden, wie sie bei den verschiedenen Orden zu finden sind, etwa den Karmeliten oder Jesuiten, auch für unseren Kulturkreis Zugänge zu Entschleunigung eröffnen können.

Wie kann und sollte eine zeitgemäße Führungskultur im Zeitalter des Wandels (nicht nur des digitalen) aussehen?

Bilgri: Führung muss beides im Blick haben: herkömmliche erfolgreiche Unternehmensbereiche müssen genauso im Fokus stehen wie zukünftige Entwicklungen, die erst noch erprobt werden müssen.

Was ist Ihr Rezept für ein glückliches, erfülltes und erfolgreiches Leben?

Bilgri: Ich könnte sehr banal mit dem Spruch eines katholischen Heiligen aus dem 19. Jahrhundert antworten. Johannes Bosco, Gründer des Salesianer­ordens, sagte: „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.“ Oder sehr philosophisch das Postulat der heiteren Gelassenheit reklamieren: das Leben mit einer Portion Humor aktiv gestalten, dabei loslassen vom krampfhaften Bemühen und akzeptieren, dass andere Menschen anders sind.

Teil 1: Was Manager von Mönchen lernen können

Teil 2: Entschleunigung und Soziale Medien