Spezial Industrie 4.0: "In der Kreidezeit"

Deutschland muss mehr in Industrie 4.0 investieren

Mario Ohoven, Chef des Mittelstandsverbands BVMW, sieht auf die deutsche Wirtschaft ernsthafte Probleme zukommen. Im Interview erklärt er welche Möglichkeiten Wirtschaft, Forschung und Politik haben.

Mario Ohoven ist seit über 20 Jahren Präsident des BVMW, ein geschätzter Wirtschafts- und Finanzanalyst
Mario Ohoven
ist seit über 20 Jahren Präsident des BVMW, ein geschätzter Wirtschafts- und Finanzanalyst 
(Foto: PR)

Die Hälfte der weltweit 2.700 Hidden Champions kommt aus Deutschland. Noch, sagt Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW). Investiert die Politik nicht mehr in Infrastruktur und Innovationsförderung, könnte es mit der Weltmarktführerschaft in vielen Bereichen bald vorbei sein.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Was müssen Wirtschaft, Forschung und Politik Ihrer Meinung nach unternehmen, um den richtigen Rahmen für den Erfolg von Industrie 4.0 zu schaffen?

Mario Ohoven: Zusammenarbeiten. Deutschland darf nicht abgehängt und zur Dependance der Chinesen und Amerikaner werden. Deshalb muss die Politik verstehen, dass es hierzulande zu 99 Prozent kleine und mittlere Betriebe gibt und dass 80 Prozent aller Patente aus diesen Unternehmen kommen. Wir müssen Innovation stärker unterstützen, zum Beispiel durch eine steuerliche Förderung für Forschung und Entwicklung. 77 Prozent der Mittelständler in einer aktuellen Umfrage unseres Verbandes fordern ein solches Modell, was mittlerweile übrigens in 31 von 36 OECD-Ländern implementiert ist. Wir freuen uns daher, dass die Bundesregierung bis zur Sommerpause ein Gesetz zur steuerlichen FuE-Förderung vorlegen will, hier wird es aber sehr auf die Details ankommen.

Welche Rolle spielt der Breitbandausbau?

Ohoven: Er ist entscheidend für unsere Zukunftsfähigkeit. Die Politik handelt viel zu langsam. Von 4,4 Milliarden Euro für den Breitbandausbau sind ­bisher erst 100 Millionen abgeflossen. Aber es gibt Lösungsvorschläge – etwa den einheitlichen Förderantrag für Länder und den Bund oder die Abschaffung der Vorkasse für Gemeinden.

Sie fordern zudem ein starkes Digitalministerium für den Bund. Reicht eine Staatsministerin nicht aus?

Ohoven: Es könnte der Dreh- und Angelpunkt für die Digitalisierung sein. Denn momentan herrscht Zuständigkeits-Chaos innerhalb der Regierung. In 14 Bundesministerien beschäftigen sich 482 Mitarbeiter in 244 Teams und 76 Abteilungen mit Digitalfragen. Die Position der Staatsministerin für Digitalisierung ist gut gemeint, wird der Sache aber nicht gerecht.

Bildung ist in der vierten industriellen Revolution erfolgsentscheidend. Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Probleme?

Ohoven: Dass die Schüler oftmals mehr Digitalkompetenz als ihre Lehrer haben. Kein Wunder, denn 87 Prozent der Lehrer stehen der digitalen Schule eher skeptisch gegenüber. Unsere Politik kommt in der digitalen Bildung nicht hinterher. Zwei Drittel der Mittelständler sehen den Fachkräftemangel schon jetzt als größte Herausforderung. Und mehr als acht von zehn Arbeitskräften brauchen künftig digitale Kompetenzen. Darauf müssen Schulen und Lehrer vorbereitet sein.

Ist der Digitalpakt für Schulen der richtige Schritt?

Ohoven: Die Debatte darum zeigt, was die Politik in Sachen Digitalisierung falsch macht. Viele Schulen stecken in der Kreidezeit – Bund und Länder verstricken sich in Grundsatzdebatten und streiten um viel zu wenig Geld. Wir fordern, einen Prozentpunkt des Mehrwertsteueraufkommens zusätzlich in die Modernisierung der Bildung zu investieren. Das wären in fünf Jahren 50 Milliarden Euro statt der von der Bundesregierung avisierten fünf Milliarden.

Wie bringt sich der BVMW in Sachen Bildung ein?

Ohoven: Es fehlt den jungen Menschen neben digitaler Kompetenz vor allem an Unternehmergeist. Seit mehr als 20 Jahren bringen wir deshalb Unternehmer an Schulen, die für ihren Beruf begeistern sollen. Das ist heute wichtiger denn je. Immer weniger Schüler wollen Unternehmer werden. Im Ergebnis landet Deutschland im Ranking der Weltbank bei der Gründungsaktivität auf Platz 107 von 189 Ländern – noch hinter Armenien, Georgien oder Weißrussland.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Ohoven: Unternehmer müssen sich insgesamt besser verkaufen. Es geht nicht mehr um Produktmarketing, denn viele Produkte unterscheiden sich kaum noch voneinander. Wichtiger ist das Image von Unternehmen und Chefs, das Egomarketing. Das beherrschen die meisten deutschen Unternehmer noch nicht.

Wie unterstützen Sie Ihre Mitglieder, damit sie in der digitalen Wirtschaft und Industrie 4.0 erfolgreich bleiben?

Ohoven: Wir setzen auf ein breites Informationsangebot und Best-Practice-Beispiele. Wenn etwa die Inhaberin eines Modegeschäfts in Kiel ihren Jahresumsatz durch digitale Angebote von 186.000 auf 590.000 Euro steigern kann, hören die Mittelständler zu. Zudem arbeiten wir eng mit Wissenschaftlern zusammen, wie mit dem Hasso-Plattner-Institut. Und mit dem Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum in Berlin haben wir eine Anlaufstelle für Unternehmer geschaffen. Dort konnten wir in zwei Jahren über 30.000 Unternehmer direkt erreichen.

Welche weiteren Themen beschäftigen Unternehmer mit Blick auf eine immer vernetztere Wirtschaft?

Ohoven: Zum Beispiel die Cybersicherheit. Cyberattacken können für kleine und mittlere Betriebe schnell existenzbedrohend sein. Bei einem digitalen Diebstahl beläuft sich der durchschnittliche Schaden auf rund 50.000 Euro. Hier muss der Staat besser unterstützen. Wenn ich auf der Straße bestohlen werde, weiß ich, an wen ich mich wenden kann. Bei einem Datendiebstahl wissen die meisten Klein- und Mittelunternehmen das nicht. Die zuständigen Behörden wie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik müssen weiter gestärkt werden.