Spezial Industrie 4.0: Baggern an der Zukunft

Traditionsbranchen 4.0

Die Industrienation Deutschland soll auch von der vierten industriellen Revolution profitieren. Maschinen kommunizieren miteinander, aus Datenmassen entwickeln sich neue Produkte und Services rund ums Kerngeschäft, die Kunden werden zu Produktdesignern. Eine ideale Welt – oder?

Wertet man die Daten von Baumaschinen zielgerichtet aus, lassen sich Prozesse optimieren
Schätze bergen:
Wertet man die Daten von Baumaschinen zielgerichtet aus, lassen sich Prozesse optimieren
(Philipp Möller/JDB MEDIA)

Auf einer Baustelle irgendwo in Deutschland steht alles still. Ein Bagger ist ausgefallen – ein Verschleißteil ist defekt. Eine andere Baumaschine erscheint nicht rechtzeitig vor Ort, weil sich ihr Transport verzögert hat. Kein ungewöhnliches Szenario. Laut einer McKinsey-Studie stieg die Arbeitsproduktivität auf dem Bau in den vergangenen 20 Jahren um gerade einmal ein Prozent, das produzierende ­Gewerbe kam immerhin auf 3,6 Prozent. Heillos verteuerte Projekte à la Hamburger Elbphilharmonie, Stuttgart 21 und Berliner Flughafen runden das negative Bild ab. Laura Tönnies will das ändern. „Wir wollen Baustellen gänzlich effizient machen“, sagt die 24-jährige Gründerin von corrux. Ihr ambi­tionierter Plan: Mithilfe von Daten will sie bekannte Probleme, die immer wieder zu Bauverzögerungen und Kostenexplosionen führen, bekämpfen.

„Wir können mit einer wachsenden Population nicht immer noch an unproduktiven Baustellen hängen und immer wieder auf die gleichen Probleme treffen. Es sind ja Erfahrungswerte da“, argumentiert Tönnies.

Gesagt, getan. Die Mathematikerin nutzt das Internet der Dinge (IoT), um Baumaschinen zu überwachen. Sie analysiert die Daten von Großbaugeräten wie Baggern und Radladern, sowohl im Tiefbau als auch im Untertagebau. Letzteres sei aufgrund der oft mangelnden Internetanbindung eine ganz besondere Herausforderung, sagt Tönnies, die dafür in einer ersten Finanzierungsrunde kürzlich 3,1 Millionen Euro eingesammelt hat. Über eine Plattform von corrux können Bauunternehmer all ihre Maschinen verschiedener Hersteller zentral überwachen, deren Einsätze analysieren und so optimieren. IoT par excellence. Und das in einer Traditionsbranche wie dem Baugewerbe.

Traditionsbranchen, aufgewacht!

Was sich hierzulande unter dem Schlagwort Industrie 4.0 etabliert hat, beschreibt die weltweite Entwicklung des Industrial Internet of Things (IoT). Gemeint ist die intelligente Vernetzung von Maschinen und in­dustriellen Abläufen. Was deutsche Unternehmen gegenüber Google, Facebook, Alibaba und Co. im B2C-Geschäft nicht mehr aufholen können, soll die Industrie in Sachen B2B richten. „Wenn es darum geht, die traditionelle Industrie mit den Möglichkeiten der Digitalisierung zu verbinden, schaut die Welt genau hin, was wir machen“, sagt Professor Christoph Meinel, Direktor des Potsdamer Hasso-Plattner-Instituts. Das sei aber kein Selbstläufer, so der ­Experte.

Die Zahlen geben ihm recht. Zwar ist laut einer Studie, die der Digitalverband Bitkom anlässlich der Hannover Messe vorstellte, aktuell im Schnitt jede vierte Maschine in der deutschen Fertigung mit dem Internet verbunden. In jedem zehnten Unternehmen ist sogar mehr als die Hälfte der Maschinen vernetzt. In diesem Jahr wollen die Befragten zudem durchschnittlich rund fünf Prozent ihres Gesamtumsatzes in IoT-Anwendungen investieren. Auch bei der Umsetzung von Testprojekten rund um IoT haben europäische Unternehmen laut den Beratern von Bain & Company gegenüber den USA die Nase vorn.

Jedoch fällt es vielen noch schwer, aus den Pilotprojekten auch funktionierende Geschäftsmodelle zu entwickeln. Und bei McKinsey heißt es, erst in 21 Prozent der deutschen Unternehmen werden Anwendungen wie digitales Performancemanagement, auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierte Nachfrage­pro­gnosen oder 3-D-Druck eingesetzt. Während 69 Prozent der deutschen Industrieunternehmen solche Projekte hoch priorisieren, sind es in China 87 Prozent und in Indien sogar 94 Prozent.

Teil 1: Traditionsbranchen 4.0

Teil 2: Digitale Lösungen müssen her

Teil 3: Für IoT fehlen Fachkräfte