Tech Trends 2018 - Sprachlos in China

China Inc. – Bürgermeister agieren als Abteilungsleiter

Die Regierung Chinas arbeitet mit Hochdruck daran, das Land im Tech-Bereich voranzubringen. Katja Nettesheim hat sich in der Volksrepublik umgeschaut.

Ständiger Begleiter: Kaum ein Fahrgast ist in Schanghai ohne Smartphone unterwegs

Ständiger Begleiter: Kaum ein Fahrgast ist in Schanghai ohne Smartphone unterwegs (Foto: Getty Images/Tzido)

Selten erlebt man mich ohne Worte. Doch bin ich nach zwei intensiven Wochen mit einer EU-Delegation auf Reise in China genau das: sprachlos. Unter anderem, weil mir diese Nation Angst macht. Aber auch, weil sich noch zeigen muss, wo die Europäer im künftigen Innovationsspiel zwischen den USA und China Raum gewinnen können. Ich habe zwei Anekdoten zur Illustration mitgebracht.

Mobile Metro

Selbst bei ausgiebiger Nutzung der U-Bahn in Schanghai habe ich nur eine einzige Person mit etwas anderem als einem Smartphone in der Hand gesehen. Smartphone-Nutzung in öffentlichen Verkehrsmitteln ist ja nichts Neues, aber das hatte schon eine besondere Qualität. Was wurde so intensiv konsumiert? Bei einem Blick auf die Screens sah ich: Social Media, viele Videos, häufig Messaging, gelegentlich Spiele. Gleichzeitig erwartete ich ständig, dass diese „Smombies“ jeden Moment aus diesen Geräten einen Befehl erhalten und sich im Gleichschritt in Bewegung setzen würden.

Der Ort, an dem ich China verstand

Im Nachhinein hat sich dieses Gefühl bestätigt: Es gibt die „50 Cent Party“, etwa zwei Millionen Internetarbeiter, die auch bei der Regierung angestellt sind. Ein Schalk, wer Böses dabei denkt! Sie setzen pro Jahr eine halbe Milliarde Posts ab, angeblich zu je 50 Cent Vergütung. Zweck ist nicht, Gegner von den Positionen der Regierung zu überzeugen, sondern die Bevölkerung durch Gute-Laune-Posts abzulenken. Man schätzt, dass inzwischen zirka ein Drittel der Posts vom Staat gesteuert ist.

Apropos „steuern“: In Wuxi, einer aufstrebenden Stadt nördlich von Schanghai, besuchten wir Forschungszentren und Unternehmen. Beim Dinner mit dem Bürgermeister unterhielt ich mich mit dem Vorsitzenden eines Verbands, gleichzeitig Parteisekretär. Er hatte schon mit großem Engagement tagsüber unsere Tour begleitet – wie Politiker überhaupt intensiv da­ran interessiert waren, wie unsere Delegation empfangen wurde. So bestanden sie auf gemeinsame Bilder und eine – absolut verfrühte – Zeremonie zur Unterzeichnung von Absichtserklärungen.

Später am Abend wagte ich zu fragen, was der Grund war für dieses Engagement. Die Antwort ist seitdem mein Schlüssel zum Verständnis Chinas: „Weißt du, Katja, dieses Land wird wie ein Unter­nehmen geführt. Der Staat macht Pläne, langfristige Pläne. Sie werden auf Regionen oder Städte und auch auf Unternehmen heruntergebrochen. Der Staat ist die Partei und die Partei ist in den Unternehmen. Daher unterliegen  Amtsträger und CEOs dem gleichen System von Zielen und Anreizen. Im Fall des Politikers wird er, wenn er sein Bruttoinlandsprodukt-Ziel erreicht hat, ‚wiedergewählt‘ oder sogar befördert.“ Die regionalen Wirtschaftsziele zu erreichen ist der heilige Gral für die Karriere der Politiker. Daher die große Anstrengung, ausländische Firmen anzulocken – inklusive der Absicherung gegen Avancen von Nachbarpolitikern. Die Bürgermeister benahmen sich also wie Abteilungsleiter.

Teil 1: China Inc. – Bürgermeister agieren als Abteilungsleiter

Teil 2: China: Staat steuert Bürger und Unternehmen

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