Tech Trends 2018 - Sprachlos in China

China: Staat steuert Bürger und Unternehmen

Katja Nettesheim ist Gründerin von _MEDIATE sowie Aufsichtsrätin bei der DEAG Deutsche Entertainment AG und bei den Wirtschaftbsetrieben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels

Professor Dr. Katja Nettesheim ist Gründerin und Geschäftsführerin von _MEDIATE. Zudem ist sie Aufsichtsrätin, unter anderem bei der DEAG Deutsche Entertainment AG und den Wirtschaftsbetrieben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Foto: PR)

Nach meiner Rückkehr fand ich eine interessante ­Tabelle mit den Performance-Management-Richtlinien für die Stadt Foshan. Sie hätte einem betrieblichen Bonussystem alle Ehre gemacht: 90 Prozent der Beurteilung beruhen auf vier objektiven Primärkriterien, jeweils gewichtet zwischen 19 und 31 Prozent. Die höchste: „economic development“. Sie sind nochmals unterteilt in drei oder vier sekundäre Kriterien, die wiederum in tertiäre Kriterien ausdifferenziert sind – auf dieser Ebene insgesamt 32 Stück. Knallhartes staatliches Steuern der Bürger und des öffentlichen beziehungsweise wirtschaftlichen Sektors – so kann man schon etwas bewirken.

Diese Kraft hat sich bereits mehrfach gezeigt: So stellten chinesische Unternehmen schon 2009 knapp 50 Prozent der globalen Top-Ten der Turbinenbauer. Und das nur sechs Jahre nach der Anweisung an die staatlich geförderten Windparks, 70 Prozent inländische Komponenten zu verbauen. Gleiches wiederholt sich ­gerade im Bereich Elektromobilität.

Da kann einem in Deutschland angst und bange werden, oder? Zumal wir uns schon lange nicht mehr zurückziehen können auf den Spruch: „Die Chinesen können doch nur kopieren!“ Seit dem Mittel- und Langfristplan 2006 bis 2020 haben Innovation und wirtschaftliche Entwicklung Priorität. Die Staatsausgaben für Forschung und Entwicklung haben sich auf rund zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ver­doppelt. Und mit dem Plan „Made in China 2025“ wird auch das Konzept Industrie 4.0 importiert.

Das Know-how dazu haben übrigens wir trainiert: 2017 studierten 608.400 Chinesen im Ausland, und neuerdings geht ein Viertel davon zurück – unter anderem aufgrund großzügiger Steuer- und Gründungsvorteile. Wie ernst es der Regierung damit ist, sieht man auch auf mancher Mauer mit Slogans wie: „Mass Innovation and Entrepreneurship“.

Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt. In China trübte sich zuletzt die Wirtschaft zeitweise ein: Das Wirtschaftswachstum sinkt auf „nur noch“ rund sieben Prozent – wobei die Tendenz wieder steigt –, die Staatsverschuldung liegt bei 260 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, und Chinas Börsen rutschen aktuell ab. Und viele Fortschritte sind – bemessen an westlichen Menschenrechts- und Freiheitsvorstellungen – zu einem hohen Preis erkauft. Aber was sind dann die deutschen oder die europäischen Hebel in diesem Innovationsspiel? Wie erwähnt, ich bin sprachlos …


Neun Städte Vernetzt

Foshan ist eine von neun Städten im Perlflussdelta Südchinas, die bis 2030 so mit Hongkong und Macao verbunden werden, dass sie trotz dreier Rechtsordnungen einen Wirtschaftsraum bilden. Voraussetzung dafür ist unter anderem, dass zwischen diesen Städten mit 67 Millionen Einwohnern (fünf Prozent der chinesischen Bevölkerung, zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts) das Pendeln nur eine Stunde dauert. Zudem sollen die jeweiligen Stärken ausgebaut werden. Das sind zum Beispiel der Finanzsektor in Hongkong, Hightech-Produktion und Inno­vation in Shenzhen sowie Fertigung in Guangzhou.


 
Teil 1: China Inc. – Bürgermeister agieren als Abteilungsleiter

Teil 2: China: Staat steuert Bürger und Unternehmen

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