Keine falsche Bewegung

Der Einsatz von Sensoren in der Industrie 4.0

Kinexon-Chef Alexander Hüttenbrink über Sensoren, mit denen sich die Produktion lückenlos überwachen lässt – und die auch im Profisport Anwendung finden.

Dr. Alexander Hüttenbrink ist Mitgründer und Geschäftsführer von Kinexon Industries. Er studierte Wirtschaftsingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie und promovierte an der TU München.
Dr. Alexander Hüttenbrink:
Er ist Mitgründer und Geschäftsführer von Kinexon Industries. Er studierte Wirtschaftsingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie und promovierte an der TU München (Foto: PR)

Dejan Radonjic, Trainer der Basketballer des FC Bayern München, entgeht nichts mehr. Sprunghöhen, Laufgeschwindigkeit, Herzschlag: Dank eingenähter Chips in den Hosen kann Radonjic die Leistung seiner Athleten in Echtzeit überwachen und analysieren. Möglich macht dies Kinexon, ein Hersteller von Präzisions-Ortungstechnologie und Analysesoftware. Das Unternehmen hat die Spielstätte der Basketballer mit einem Sensorennetzwerk ausgestattet, das die zentimetergenaue 3-D-Lokalisierung, Bewegungserfassung und Datenübertragung garantiert. Warum die Technologie auch für die Industrie interessant ist, erklärt Kinexon-Mitgründer Alexander Hüttenbrink.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Ihre Sensoren helfen bereits bei der Navigation von fahrerlosen Transportsystemen, der Werkzeugortung und Kommissionierung. Was kommt als Nächstes?

Alexander Hüttenbrink: Prinzipiell sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Heute erfassen wir mit Sensoren das Geschehen in Produktionsstätten in Echtzeit und bereiten es grafisch auf. So haben wir die Bewegungen und Eigenschaften aller am Wertschöpfungsprozess beteiligten Objekte im Blick. Dadurch können wir rechtzeitig reagieren und den nächsten Schritt einer Maschine, eines Roboters oder auch eines Werkzeugs beeinflussen – noch bevor ein Fehler passiert. Wohin sich das in der Logistik entwickeln wird, zeigt die nahtlose Verfolgung von Gütern innerhalb und außerhalb von Gebäuden bereits. Wir kombinieren in unseren Sensoren GPS-Technologie mit unserer Indoor-Lokalisierung, die über Funk läuft. So können wir den gesamten Wertschöpfungsprozess optimieren.

Ihre Annahme: Je größer die Vernetzung in der Industrie, desto einfacher ist es, den Überblick über Vorgänge zu behalten und Prozesse zu automatisieren. Was ist dabei für Sie die größte Herausforderung?

Hüttenbrink: Die intelligente Auswertung der Daten. Unsere Systeme erheben täglich in jedem Werk viele Gigabyte an Daten. Und die Vernetzung steht in der Industrie erst am Anfang. Die Datenmenge nimmt deutlich zu. Big Data in Smart Data zu transformieren ist die größte, aber auch spannendste Herausforderung. Teils kommen wir mit konventionellen Algorithmen nicht mehr weiter. Dann hilft Künstliche Intelligenz. Darin bauen wir unser Know-how gerade aus, denn unsere Software muss auch bei immer mehr Daten das Wesentliche herausfiltern und intelligente Entscheidungsempfehlungen erarbeiten können.

Ist die Vernetzung mit den Möglichkeiten zur Kostenreduktion und Produktivitätssteigerung sowie größerer Transparenz das Herzstück der Industrie 4.0?

Hüttenbrink: Das kann man so sagen. Die Kombination von Sensorik und intelligenter Software ermöglicht es, neue Arten von Daten zu erzeugen und zu verarbeiten. Immer mehr Unternehmen erkennen, dass ihnen Technologie in vielen Teilen der Wertschöpfungskette hilft, besser zu werden. Beispiele sind die automatisierte Qualitätskontrolle, die Optimierung von Prozessen durch Erkennen von Ineffizienzen sowie das Vorausahnen von Stillstandzeiten.

Society 5.0 – die komplett vernetzte Gesellschaft

Und wie profitiert der Sport von Ihrer Technik?

Hüttenbrink: Die Analysen helfen Trainern, spieltaktische Entscheidungen zu treffen. Wir kooperieren etwa mit 13 Teams der US-Basketballliga NBA. Auch Kunden aus der Fußballbundesliga nutzen die Sensoren und unsere Analysesoftware während des Trainings und bei Spielen. Seit diesem Jahr erheben wir zudem spannende Daten in der Volleyball-Bundesliga und bereiten sie grafisch auf. Ähnlich wie im Herbst 2017 beim Regionalligaspiel zwischen dem TSV 1860 München und FC Bayern München II. Da hatten wir Sensoren im Ball und den Trikots installiert. Die Daten wurden live im TV eingespielt. Unsere Technologie macht so auch kleinere Sportarten für ein immer „digitaleres“ Publikum attraktiver.

Experten schätzen, dass durch Industrie-4.0-Anwendungen mittelfristig sieben Millionen Jobs in den Industrieländern wegfallen. Steht das nicht im Widerspruch zu den Chancen, die mit Industrie 4.0 einhergehen?

Hüttenbrink: Die Wechselwirkung von technologischem Fortschritt und Beschäftigung ist ein Thema, das seit vielen Jahrzehnten diskutiert wird. Dass sich beides nicht gegenseitig ausschließt, sieht man am Standort Deutschland. Wir haben in der Vergangenheit konsequent in Fortschritt und Digitalisierung investiert. Gleichzeitig sind die Arbeitslosenzahlen aktuell auf einem äußerst niedrigen Stand. Daran erkennt man, dass das kontinuierliche Investment in Technologie und Automatisierung nicht zwangsläufig zu weniger Beschäftigung führt. Allerdings werden sich die Qualifikationsprofile der Arbeitnehmer in der Industrie sicherlich verändern, so wie es in der Vergangenheit auch der Fall gewesen ist. Grundsätzlich ist es für Unternehmen und ihre Mitarbeiter wichtig, die Produktion und Logistik effizienter zu gestalten. Dies ermöglicht es, die inzwischen globale Wettbewerbsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Das ist eine Chance, die man nicht verpassen sollte.

Laut Japans Premierminister Shinzo Abe stehen wir am Anfang des fünften Zeitalters der Menschheitsgeschichte. Er spricht von der „Society 5.0“, der komplett vernetzten Gesellschaft. Teilen Sie die Vision?

Hüttenbrink: Die zunehmende Vernetzung der Gesellschaft ist ein Fakt, der nicht von der Hand zu weisen ist. Bei all den Vorteilen, die daraus erwachsen, zeigen jüngste Ereignisse wie die Datenpannen rund um Facebook, welchen Herausforderungen wir im Hinblick auf den sicheren und verantwortungsvollen Umgang mit der Vernetzung und den dabei gesammelten Daten gegenüberstehen.

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