Von Amazon lernen

Immer öfter entdecken Unternehmen ihre eigene Logistik als Kernkompetenz. Vier Mittelständler erzählen

Hier arbeitet kein Mensch. Nur ein Zischen ist zu hören. Mit fünf Metern pro Sekunde katapultieren funkgesteuerte Aufzüge die Kartons mit Oberhemden der Marke Olymp nach oben und legen sie in eine der 37 Ebenen des Hochregallagers ab. 14 Meter ragt der gewaltige graue Industriebau aus dem Boden des Bietigheimer Industriegeländes. Sechs Meter geht es in die Tiefe.

Mit 40 Millionen Euro ist das neue Logistikzentrum die größte Investition in der Geschichte der meistverkauften Hemdenmarke Europas. Zur Eröffnungsparty ließ Firmenchef Mark Bezner im Oktober sogar Mick Hucknall, Gründer der Band Simply Red, in die schwäbische Provinz einfliegen.


Jeder zweite deutsche Produktionsbetrieb plant nach einer Untersuchung der Beratungsfirma Miebach, Teile seiner Logistik an externe Dienstleister abzugeben. Aber was bewegt einen Mittelständler, ein Fünftel seines Umsatzes in eine Lagerhalle zu investieren und sich gegen den Outsourcing-Trend zu stemmen?

Die Antwort klingt banal: Das eigene Lager mit Kommissionierung ist für clevere Mittelständler mit spezifischen Anforderungen ein Schlüssel zum Erfolg. Nicht nur Design, preiswerte Produktion in Asien und geschicktes Marketing entscheiden den Wettbewerb im seit Jahren schrumpfenden Markt für Herrenhemden, sondern vor allem die schnelle Lieferfähigkeit. Die Shops konkurrieren mit dem Internet, wo der Kunde alles von überall her bekommt. Da muss der Fachhändler flexibel reagieren können und sein Lieferant eben auch. "Bestellt ein Händler in Deutschland, Österreich oder den Niederlanden bei Olymp ein Hemd bis 13 Uhr mittags nach, dann ist es schon am nächsten Morgen im Laden", verspricht Bezner.

Die Hälfte des Umsatzes erzielt Olymp inzwischen mit Nachlieferungen. Mal gehen besondere Muster, mal Farben oder bestimmte Größen gut. "Keiner ist bei Nachlieferungen so schnell und präzise wie wir", behauptet der Olymp-Chef. Im Endausbau werden hier 10 000 Hemden pro Stunde bewegt, jedes einzelne elektronisch registriert. Diese Logistik sei Kernkompetenz von Olymp.

Ralph Beranek, Geschäftsführer des Lebensmittelherstellers Seeberger in Ulm, sieht das genauso. "Neben der Produktkompetenz wollten wir die Logistik im Haus behalten." Auch Seeberger investierte mit 25 Millionen Euro mehr als je zuvor in ein einzelnes Projekt und baute 2013 ein Hochregallager mit Raum für rund 200 Einfamilienhäuser voll mit Nüssen, Feigen, Ingwer, Kaffee und Co. Das Unternehmen, das in 60 Länder exportiert, steuert die interne Logistik mit führerlosen Transportsystemen. "Wir müssen schnell auf die hohen Anforderungen des nationalen und internationalen Handels an den Datentransfer bei der Auftragsbearbeitung reagieren", sagt Beranek. Außerdem ist bei der sensiblen Ware spezifisches Know-how gefragt, damit die Qualität der Früchte bei der Lagerung nicht leidet.

Mit dem neuen Logistikzentrum konnte Seeberger in eine neue Dimension vorstoßen. Der Umsatz wuchs in den vergangenen drei Jahren zweistellig und liegt nunmehr bei 180 Millionen Euro. "Wir profitieren als Marke überproportional vom Trend zu gesunder und fleischloser Ernährung", erzählt der Unternehmenschef.

Die hochgerüsteten Läger sollen es ermöglichen, auf Kosten der Konkurrenz zu wachsen, wie auch der Fall Olymp zeigt. Während Wettbewerber Seidensticker zuletzt fast zehn Prozent Umsatz einbüßte, legte Olymp im Kerngeschäft Hemden im vergangenen Jahr um 8,3 Prozent auf 202,4 Millionen Euro zu. Rund 100 Beschäftigte arbeiten in der Kommissionierung neben dem Hochregallager. Das ist die selbe Anzahl wie zuvor, doch die Leistung hat sich dank der Technik deutlich erhöht. Drei sogenannte Pufferläger kann sich Bezner jetzt sparen und auch einen Logistikpartner: "Wir haben herausgefunden, dass wir es selbst am besten können."

Ein weiteres Beispiel, wie sich ein Unternehmen mit Logistik aus eigener Hand einen Wettbewerbsvorteil verschafft, ist der Weltmarktführer für Verpackungsroboter Schubert in Crailsheim. Der Verpackungsmaschinenhersteller nahm vor zehn Jahren für sechs Millionen Euro ein vollautomatisches Material- und Teilelager in Betrieb. "Das intelligente Kommissionieren von auftragsbezogenen Teilen war die Grundvoraussetzung, um mit der Montage am Fließband 30 Prozent effizienter, als zuvor arbeiten zu können", sagt Geschäftsführer und Gründersohn Gerald Schubert. Und es gibt noch einen wichtigen Grund: Schubert bevorratet dort Teile im Gesamtwert von sieben Millionen Euro, um den Kunden, insbesondere bei Elektro-Hardware, eine schnelle und dauerhafte Ersatzteilversorgung garantieren zu können. Service für die Kunden ist Schubert wichtiger als eine niedrige Kapitalbindung im Lager.

Beim Büroartikel-Anbieter Kaut Bullinger in Taufkirchen bei München gehört die Logistik zur Kernkompetenz, 70 Prozent des Umsatzes von 126 Millionen im vergangenen Jahr erzielt das Unternehmen mit der Kommissionierung von Büroartikeln für Unternehmen, weitere 20 Prozent kommen aus dem Drucker-, Kopierer- und Möbelgeschäft und rund zehn Prozent steuern die in Süddeutschland betriebenen Schreibwarengeschäfte bei. Geschäftsführer Johannes Peter Martin ist gerade dabei, die bisherige Lagerkapazität auf 24 000 Quadratmeter zu verdoppeln. 20 Millionen will er investieren, das Grundstück ist bereits gekauft. Die schnelle Lieferung ist heute wichtiger als früher, weiß er. "Und da hat Amazon einiges bei den Kunden bewegt", sagt Martin. Mittelständler sind durchaus in der Lage, dieses neue Tempo mitzugehen, wie die Beispiele zeigen.

 

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