Unternehmensnachfolge

Grenzenlos Nachfolgen: Erfolgsfaktor ESG bei internationalen M&A-Prozessen

Wer Unternehmensnachfolge grenzüberschreitend denkt, muss neue Risiken managen und neue Chancen erkennen. ESG wird dabei vom Randthema zum zentralen Prüfstein für Deals mit Zukunft.

ESG-Würfel auf Weltkarte

Globale Nachfolge ist mehr als nur Internationalisierung

Unternehmensnachfolge war lange ein primär lokales Thema: Käufer und Verkäufer saßen in derselben Region, kannten sich teils persönlich und rechtliche Rahmenbedingungen waren überschaubar. Doch mit der zunehmenden Globalisierung von Kapitalströmen, Nachfolgemodellen und Investoreninteressen wächst auch der Anteil internationaler M&A-Transaktionen in der Nachfolge, sogenannte Cross-Border Deals.

Was zunächst wie eine Erweiterung des Spielfelds klingt, bringt neue Komplexitäten mit sich: Unterschiede im Steuerrecht, kulturelle Divergenzen bei der Verhandlungsführung oder regulatorische Hürden machen internationale Nachfolgeprojekte zu einem anspruchsvollen Vorhaben. Vor allem ein Aspekt gewinnt zunehmend an Bedeutung und wird oft unterschätzt: ESG-Faktoren als Dealbreaker oder Erfolgshebel.

ESG: Vom Nice-to-have zur harten Prüfgröße

Environmental, Social, Governance

Was lange als Modewort galt, ist heute in der Due Diligence angekommen. Spätestens seitdem auch mittelständische Unternehmen entlang ihrer Lieferketten EU-Vorgaben wie die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) oder das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz erfüllen müssen, reicht eine oberflächliche Betrachtung nicht mehr aus.

Internationale Käufer, ob strategische Investoren, Private Equity oder Family Offices, stellen verstärkt ESG-spezifische Anforderungen an Übernahmeziele. Der Fokus reicht von CO₂-Bilanzen über Arbeitsstandards bis hin zur Governance-Struktur. Wer hier als Verkäufer nicht vorbereitet ist, riskiert nicht nur Bewertungsabschläge, sondern den vollständigen Abbruch der Verhandlungen.

Fallbeispiel: Nachhaltigkeitsdefizit als Deal-Breaker

Ein familiengeführter Maschinenbauer aus Baden-Württemberg sollte an ein kanadisches Family Office übergeben werden. Die finanzielle Performance überzeugte, doch in der Due Diligence zeigte sich: Das Unternehmen verfügte über keinerlei CO₂-Erhebung, der Fuhrpark war überwiegend nicht elektrifiziert, und es gab keine Richtlinien zu Arbeitsschutz oder Diversität.

Das Ergebnis: Der Käufer stufte das Unternehmen als 'nicht zukunftsfähig' ein. Trotz wirtschaftlicher Attraktivität platzte der Deal und der Verkäufer musste ein Jahr später, nach ESG-Optimierung, mit deutlich schlechteren Konditionen erneut auf Käufersuche gehen.

Cross-Border = ESG²: Warum grenzüberschreitende Deals doppelt sensibel sind

In grenzüberschreitenden M&A-Prozessen potenzieren sich ESG-Fragestellungen durch rechtliche und kulturelle Unterschiede. Drei Beispiele aus der Praxis:

• Umweltstandards: Ein Käufer aus Skandinavien erwartet detaillierte Nachhaltigkeitskennzahlen, ein deutsches KMU ohne strukturierte CO₂-Bilanz wirkt unprofessionell.

• Governance: Angelsächsische Investoren erwarten dokumentierte Entscheidungsprozesse und Compliance-Strukturen, eine patriarchalisch geprägte Führungsstruktur irritiert.

• Soziales: Französische Käufer legen Wert auf Gleichstellung und Mitbestimmung, da wirken fehlende Betriebsräte und Männerdomänen eher abschreckend.

Deal Readiness: ESG beginnt vor dem Verkaufsprozess

Was bedeutet das für Verkäufer? Sie müssen heute nicht nur ihre Bilanz und Strategie aufbereiten, sondern auch eine nachhaltige Storyline liefern. ESG-Fitness wird zur Visitenkarte und zum Beweis der Zukunftsfähigkeit.

Konkret heißt das:

• Frühzeitige ESG-Diagnose: Welche Risiken existieren? Welche Chancen bleiben ungenutzt?

• Strukturierte Nachhaltigkeitsdaten: Kennzahlen, Berichte, Standards – professionell dokumentiert.

• ESG-Narrativ als Teil des Investment Case: Warum ist dieses Unternehmen resilient, verantwortungsvoll und attraktiv für die nächste Generation von Eigentümern?

Fallbeispiel: Erfolgreich dank ESG-Readiness

Ein Hersteller von Verpackungstechnik in NRW hatte bereits vor dem Verkaufsprozess ein ESG-Scoring etablieren lassen. Die Ergebnisse wurden nicht nur in einem Nachhaltigkeitsbericht kommuniziert, sondern in die Verkaufsunterlagen integriert. Ergebnis: Ein US-amerikanischer Private-Equity-Investor stieg mit überdurchschnittlicher Bewertung ein. Das ESG-Profil galt dabei als strategischer Wettbewerbsvorteil.

Checkliste: ESG-ready für Cross-Border Deals

• ESG Quick Check: Gibt es bereits belastbare Kennzahlen (CO₂, Diversity, Governance)?

• Lückenanalyse: Wo bestehen Defizite im Vergleich zu Marktstandards?

• Reporting-Struktur: Existieren dokumentierte ESG-Berichte oder Nachhaltigkeitsziele?

• Lieferkette: Sind Lieferanten auf ESG-Kriterien überprüft?

• Internationale Standards: Ist das Unternehmen auf ausländische ESG-Erwartungen vorbereitet?

• Kommunikation: Wird ESG aktiv als Teil der Unternehmensstory präsentiert?

• Integration in den M&A-Prozess: Wird ESG in Teaser und IM systematisch berücksichtigt?

Fazit: ESG ist das neue Vertrauen

Cross-Border-Nachfolge ist eine Chance für Verkäufer, Käufer und nicht zuletzt für die Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen, doch sie erfordert mehr als klassische M&A-Expertise. Wer ESG nicht mitdenkt, riskiert Rückschläge. Wer ESG aktiv integriert, erhöht seinen Unternehmenswert und öffnet sich für eine neue Klasse an Investoren.

Gerade im Mittelstand ist es Zeit für einen Perspektivwechsel: Nachhaltigkeit ist kein Stolperstein, sondern das Fundament für erfolgreiche grenzüberschreitende Übergaben.

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