Das Portal für Unternehmer, Gründer und Investoren
 

Die Entdeckung Europas

Immer mehr deutsche Firmen werden ihrer Rechtsform nach europäisch. Hinter dem Namen steht dann SE, das Kürzel für Societas Europaea. Die Vorteile: mehr Flexibilität beim Management - aber auch bei Mitbestimmung und Verlagerungen.

Große Konzerne wie Allianz oder Porsche haben es vorgemacht. Jetzt rollt die zweite Welle. Für viele Mittelständler und Familienunternehmen ist die Societas Europaea (SE) - oder kurz Europa-AG - eine Alternative. Mit ihr ermöglicht die Europäische Union (EU) seit dem Jahresende 2004 die Gründung von Aktiengesellschaften nach weitgehend einheitlichen Rechtsprinzipien.

So wandelte sich der Softwaredienstleister GFT im Juni nach dem Beschluss der Hauptversammlung von der AG in die SE. "Die Rechtsform spiegelt in erster Linie unsere internationale Ausrichtung wider und schafft die Basis für eine weitere Expansion", sagt GFT-Hauptaktionär Ulrich Dietz.

Auch der Automatisierungsspezialist Festo machte vor wenigen Wochen seine Bildungstochter Festo Didactic zur europäischen Aktiengesellschaft. Der Geschäftsführer des Spezialisten für Lernsysteme, Theodor Niehaus, spricht ebenfalls von "globaler Unternehmenskultur" und unterstreicht "die wachsende Bedeutung seines internationalen Geschäfts".

"Die Anforderungen an eine flexible Unternehmensstruktur, die globale Vernetzung erleichtert, wachsen", begründet der Klebstoffspezialist Jowat seine Umstellung Anfang Januar. Das Unternehmen erlöst 75 Prozent seines Umsatzes im Ausland. Knapp die Hälfte der rund 950 Mitarbeiter ist in weltweit agierenden Produktions- und Vertriebsgesellschaften tätig.

Die Liste der Unternehmen, die bereits auf die Europa-AG umgestellt haben, wird immer länger. Das Verlagshaus Springer, der Spediteur Dachser, die Berner-Gruppe oder der Elektronik-Händler Conrad: Insgesamt sind es bislang 170 Firmen in Deutschland, hat die Hans-Böckler-Stiftung errechnet.

Die Gründe für eine Umstellung sind unterschiedlich. Offiziell wird häufig zuerst die Internationalität genannt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. "Ich bin jetzt 57 Jahre alt. Die Steuerung über einen Verwaltungsrat anstelle des bisherigen, zweigeteilten Modells mit einem operativen Vorstand und einem kontrollierenden Aufsichtsrat ist sehr interessant", sagt GFT-Chef Dietz. "Wenn das Unternehmen einmal von Fremdmanagement geführt wird, kann ich als Verwaltungsrat direkter am Geschehen sein, im Gegensatz zum Aufsichtsrat einer AG."

Der Vorstandsvorsitzende der Hager Group aus Blieskastel im Saarland, Daniel Hager, hat bereits viel Erfahrung mit der SE. Das 1955 gegründete Unternehmen produziert mit 11 400 Mitarbeitern an 23 Standorten Elektroinstallationen. Bereits seit 2007 ist das Unternehmen, das als einer der wenigen Familienbetriebe auch einen ausländischen Vorstand beschäftigt, eine SE. Damals habe der Generationswechsel bevorgestanden, erklärt Hager. Sein Unternehmen war von Anfang an in Deutschland und in Frankreich aktiv und wird "in vielen Ländern als ein lokaler Marktteilnehmer wahrgenommen". Und, fügt Hager hinzu: "Wir konnten damit unseren Mitbestimmungsstatus zementieren."

Dirk Jannott, Partner bei der Kanzlei CMS Hasche Sigle, bestätigt, dass "Gesellschafter aus verschiedenen Familienstämmen in einem Verwaltungsrat viel näher an das Tagesgeschäft gebracht werden." Auch dass die etwas lockerere Regel bei der Mitbestimmung für die Wahl der SE den Ausschlag gibt, kann Jannott bestätigen. Nur sagt das selten ein Unternehmen so offen. "Die Gestaltungsmöglichkeiten bei der Mitbestimmung sind ein wesentlicher Treiber dafür, warum sich auch mittelständische Unternehmen umwandeln", beobachtet Experte Jannott. In der Praxis relevant wird es, wenn das Unternehmen kurz davor steht, die Schwelle von 2 000 Mitarbeitern zu überschreiten - und damit die paritätische Mitbestimmung gelten würde, erklärt Lasse Pütz, Fachmann der Hans-Böckler-Stiftung.

Durch die Umwandlung wird zumeist das Mitbestimmungsmodell eingefroren, welches vor der Umwandlung galt. Das gefällt den Gewerkschaften naturgemäß nicht. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung führt Buch über die Umwandlungen in der deutschen Unternehmenslandschaft: Von Anfang 2014 bis 1. Juli dieses Jahres wurden 78 SEs gegründet.

"Weniger Mitbestimmung ist für uns nicht der Grund", behauptet hingegen GFT-Chef Dietz. Im Gegenteil: Bei der SE hätten auch Arbeitnehmervertreter der Auslandstöchter ein Mitspracherecht darüber, welche Form der Mitbestimmung gewählt werde. Experte Pütz von der Hans-Böckler-Stiftung bestätigt dies; dennoch werde die SE auch genutzt, um die Mitbestimmung zu umgehen.

Aber bei einem Thema wird Dietz dann doch deutlicher: "Die SE verschafft der GFT mehr Unabhängigkeit. Die Verlässlichkeit der Politik ist zurückgegangen, wie das Beispiel Erbschaftsteuer zeigt." Mit der SE wäre auch eine Verlagerung des Unternehmenssitzes etwa nach Österreich oder in die Niederlande möglich. "Es gibt keine Pläne dazu, aber wir wollen uns von der Politik nicht überraschen lassen, sondern vorbereitet sein und Alternativen haben", unterstreicht Dietz ganz offen. "Und da fühlen wir uns mit der SE als Rechtsform wohler."


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten
Mehr auf www.handelsblatt.com

Nach oben

Das interessiert andere Leser

  • Neue Quellen erschließen

    Kapital ohne Kredit

    Darlehen sind derzeit besonders günstig, aber längst nicht jedes Unternehmen bekommt eins. Hier werden die besten Alternativen erklärt.

  • „Kenne deinen Kunden“ - Eckhard Geulen über Risikomanagement

    Wenn die Bänder stillstehen

    Zahlungs- und Produktionsausfälle sind Gift für das Unternehmen. Wie Big Data helfen kann, solche existenziellen Risiken zu verhindern.

  • „Die letzten fünf Prozent herauskitzeln“

    Startrainer im Interview

    Jürgen Klopp verrät, wie er die letzten fünf Prozent Leistung aus seiner Mannschaft herauskitzelt – und warum das Gehalt nicht alles ist.

  • Im Fokus - Die neuen Senioren als Zielgruppe

    Das Geheimnis der Best Ager

    Die Generation 50 plus ist kaufkräftig und technikaffin. Trotzdem gelingt es nur wenigen Unternehmen, diese Zielgruppe erfolgreich anzusprechen.

  • Raus aus dem Raster

    Raus aus dem Raster

    Ungezwungene Mitarbeiter-Events wie Hackathons und Barcamps bringen oft frische Ideen.

  • Ihr Porträt

    Aktive Unternehmenssuche

    Wenn attraktive Unternehmen bei DUB.de verkauft werden, stehen die Käufer Schlange. So erhöhen Sie Ihre Kaufchance.

  • Raus aus der Komfortzone

    Raus aus der Komfortzone

    Vertriebsexperte Dirk Kreuter sagt, wie Verkäufer in der digitalen Welt überleben.

  • Jetzt testen: Der WirtschaftsWoche Digitalpass

    1 Pass – 5 Produkte. Inklusive BörsenWoche, der wöchentliche Finanzbrief der WirtschaftsWoche für Privatanleger. Jetzt 4 Wochen gratis.

  • Struktur braucht Zeit - Dietmar Beiersdorfer zum HSV-Umbau

    Struktur braucht Zeit - Dietmar Beiersdorfer zum HSV-Umbau

    Dietmar Beiersdorfer hat eine Vision: die arg gebeutelte Traditionsmarke HSV zukunftsfähig aufzustellen. Über den langen Restrukturierungsprozess, kurzfristige Erfolge und neue Spielregeln.

  • Das Kreditgespräch gedanklich vorbereiten

    Das Kreditgespräch gedanklich vorbereiten

    Wie Firmenchefs ihrem Banker offen und plausibel ihre Zukunftsfähigkeit darlegen können.

  • Ob Betriebsablauf, Arbeitsschutz oder Produktqualität – als Leitungsorgan der Gesellschaft tragen GmbH-Geschäftsführer viel Verantwortung.

    Haftungsrisiken minimieren

    Ob Betriebsablauf, Arbeitsschutz oder Produktqualität – als Leitungsorgan der Gesellschaft tragen GmbH-Geschäftsführer viel Verantwortung.

  • Niederlagen nutzen

    Niederlagen nutzen

    Im Exklusivinterview mit dem DUB UNTERNEHMER-Magazin verrät Wladimir Klitschko, warum er für die Niederlage dankbar ist und wie er seine Karriere als Dozent gestaltet.

  • Besser streiten

    Besser streiten

    Konflikte können Geschäftsbeziehungen nachhaltig beschädigen. Ein Rechtsanwalt erklärt, wie Mediation besonders in Franchise-Systemen zu besseren Lösungen führt.

  • Mahnung für Maas

    Mahnung für Maas

    Die EU-Kommission fordert, das Insolvenzrecht zu vereinheitlichen – doch Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) zaudert. Warum es Zeit zu handeln ist.

  • Bio, Burger, Balkongarten

    Bio, Burger, Balkongarten

    Immer mehr Kunden legen Wert auf Bio-Produkte statt Erzeugnisse aus Massentierhaltungen. Fünf der wichtigsten Ernährungstrends im Überblick.

  • Interview mit Martina Koederitz (IBM)

    Watson spricht bayrisch

    Iron Man hat Jarvis, IBM hat Watson. Das intelligente Computersystem ist aber kein Science Fiction. Watson soll aus der Datenflut lernen.

  • Vom Sattel in den Job - Mentoring und Praktika für Top-Sportler

    Die Spitzenkräfte von morgen

    Top-Athleten haben kaum Zeit, sich auf das Leben nach der Sportkarriere vorzubereiten. Mentoring-Programme und die DUB Praktikantenbörse unterstützen sie auf ihrem Weg in den Beruf.

  • Last minute für Feinschmecker

    Last minute für Feinschmecker

    Zwei Ex-Google-Mitarbeiter wollen mit ihrem Start-up Table4You die Gastronomie-Szene in Deutschland aufmischen.

  • asant verändert die digitale Transformation Wirtschaft und Gesellschaft. Die CeBIT 2016 zeigt, was die Zukunft bringt.

    Humanismus auf der CeBIT

    Auf der CeBIT 2016 stehen der Mensch und sein Einfluss auf eine digitale Wirtschaft und Gesellschaft im Mittelpunkt. Ein Blick auf die wichtigsten Trends.

  • Fördern und vorleben

    Der Transformation vorangehen

    Beim DUB-Talk beschrieben drei Entscheider, wie sie die Digitalisierung in ihrer Firma umsetzen. Dabei entdeckten sie an ihren Firmen ganz neue Seiten.

  • Sei dein eigener Regisseur

    Keine Lust mehr auf die alte Firma? Worauf Führungskräfte bei beruflichen Veränderungen achten müssen, sagt Coach Claudia Michalski.

  • Rotes Tuch Digitalisierung

    Rotes Tuch Digitalisierung

    Zu teuer, zu komplex, zu wenig Personal: Das Thema Industrie 4.0 wird von der Mehrheit der Mittelständler kritisch gesehen.

  • Friedman schlägt Schumpeter

    Kampf der Top-Ökonomen

    Werden in Krisen innovative Unternehmen geboren? Die Theorie von Schumpeter sagt ja, die von Friedman nein. Wer hat Recht?

  • Kopenhagens Must-Sees

    Kopenhagens Must-Sees

    Wie wäre es mit einem Wochenend-Trip nach Kopenhagen? Wir haben die besten Locations für Sie aufgestöbert.

  • Gekommen, um zu bleiben

    Gekommen, um zu bleiben

    Kommt das nächste Apple, Google oder Microsoft aus Deutschland? Diese drei Newcomer haben das Zeug, zu bleiben.

  • Bock auf Gründen

    Bock auf Gründen

    „Ich hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen“ – der Tweet einer Schülerin sorgte für eine riesige Debatte. Auch über das Gründen wissen Kids zu wenig.

  • Lexus-Europa-Chef Alain Uyttenhoven: Hybrid ist die Zukunft

    Hybrid ist die Zukunft

    Lexus-Europa-Chef Alain Uyttenhoven spricht über die Evolution alternativer Antriebe als Antwort auf immer strengere Umweltauflagen.

  • Aus Scheitern wird man klug

    Erfolgreich scheitern

    Mike Mühlberger hat seinen hochdotierten Job als BMW-Manager geschmissen, um die deutsche Start-up-Szene aufzumischen. Ein Porträt.

  • Neues Erb-Gesetz 2016

    Neues Erb-Gesetz

    Brüssel mischt die Karten neu: Ein Gesetz regelt Erbschaften in der Europäischen Union. Ein Experte erklärt, welche Aspekte Unternehmer beachten müssen.

  • Wenn Eltern gründen

    Nicht immer gelingt der berufliche Wiedereinstieg nach der Familienphase. Vor allem Frauen müssen oft zurückstecken. Die Flucht nach vorn: eine Unternehmensgründung.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen

Jetzt Newsletter bestellen

DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick