Spezial Industrie 4.0: Bereitschaft zur Veränderung

 

Um die Chancen der Industrie 4.0 nutzen zu können, müssen Abläufe automatisiert werden

Sabine Neuß von Linde Material Handling setzt dabei auf
Investments in die Optimierung von Prozessabläufen und die Mitarbeiterweiterbildung.

Sabine Neuss: Die Maschinenbau-Ingenieurin gehört seit 2013 der Geschäfts­führung von Linde Material Handling an. Als COO treibt sie die Modernisierung des Linde-Produktionsnetzwerks voran, seit 2016 auch für alle anderen Standorte des Mutterkonzerns KION GROUP AG (Foto: PR)

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Viele Experten sehen in der Industrie 4.0 eine Chance für die Wirtschaft hierzulande, einen Gegenpart amerikanischen und chinesischen Unternehmen gegenüber einnehmen zu können. Wie schätzen Sie diese These ein?

Sabine Neuß: Grundsätzlich sind für uns die aktuellen Entwicklungen ein willkommener Anlass, viele Prozesse, die bereits seit Langem bestehen, kritisch infrage zu stellen. Um neue Potenziale zu entdecken, nehmen wir sehr gerne Anregungen hinsichtlich der Industrie 4.0 von außen auf. Aber wir schauen dabei ganz genau, was zu uns passt. Gegenpart würde ich das nicht nennen. Eher einen selbstbewussten eigenen Standpunkt.

Manager auf dem Weltwirtschaftsforum 2018 in Davos schätzten die Einsparpotenziale an Mitarbeitern durch Industrie 4.0 auf sieben Millionen Per­sonen in den Industrieländern. Steht das nicht im Widerspruch zu den Verheißungen?

Neuß: Nein. Zwar stimmt es, dass einige Jobs wegfallen werden, weil Prozessschritte stärker digitalisiert und vernetzt werden. Das führt allerdings auch zu mehr Effizienz und in der Folge zu gut gefüllten Auftragsbüchern – die wiederum Beschäftigung sichern. Ich glaube, die Herausforderung liegt in der Parallelität der Entwicklungen: Einerseits verändern sich die Anforderungsprofile der Beschäftigten, wenn beispielsweise beschwerliche Arbeiten durch Roboter ersetzt werden. Gleichzeitig aber brauchen wir eine Vielzahl von intelligenten Köpfen, die entsprechende Prozesse sauber aufsetzen und Automaten oder Roboter richtig programmieren können. Dieser Bedarf steigt exponentiell an.

Welche Ansatzpunkte hat Linde Material Handling im Bereich der beruflichen Weiterbildung, um auf neue Anforderungsprofile reagieren zu können?

Neuß: Wir wollen unser Aus- und Weiterbildungszentrum mit der sogenannten Linde-Akademie neu aufstellen und damit beispielsweise in der Ausbildung die Berufsbilder anpassen. Das Thema Programmierung spielt eine große Rolle. Wir diskutieren hierbei unter anderem mit Hochschulen, wie wir Mitarbeiter gezielt weiterbilden können. Entscheidend ist es aber auch, die Belegschaft dazu zu bewegen, Angebote für das lebenslange Lernen wahrzunehmen. Das ist natürlich immer zuerst eine Frage des Angebots. Leider fehlt bisweilen aber auch die Nachfrage. Die Bereitschaft, sich zu verändern, hat nicht jeder.

Ist die Datenvernetzung aufgrund ihrer Möglich­keiten zur Kostenreduktion, Steigerung der Produktivität und größeren Transparenz während der Produktion das Herzstück der Industrie 4.0?

Neuß: Es ist richtig, dass Effizienz und Qualität steigen und Kosten reduziert werden, wenn wir entscheidende Arbeitsschritte automatisieren. Die Vernetzung kann hierbei zusätzliche Potenziale erschließen, sie muss aber von Fall zu Fall auf den konkreten Nutzen geprüft werden. Die Vernetzung nur um ihrer selbst willen macht aus meiner Sicht absolut keinen Sinn.

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