Was du wirklich willst

Von der Managerin zur Unternehmerin. Eine echte Medienkarriere hat Claudia Michalski hingelegt. Letzte Station: Geschäftsführung der Verlagsgruppe Handelsblatt. Jetzt stehen die Zeichen auf Veränderung: Sie wagt den Schritt in die Selbstständigkeit.

Ganz oben und doch angestellt. Genau das kennt Claudia Michalski zur Genüge: Nach vielen Jahren an der Spitze das Beuth Verlages und drei Jahren als Geschäftsführerin der Verlagsgruppe Handelsblatt weiß die 49-Jährige, was Top-Manager leisten können, müssen – und dürfen. Nun hat sich Michalski entschieden – und zwar dafür, sowohl ihre Managementposition als auch die Medienbranche zu verlassen. Zugunsten der Selbstständigkeit. Im Januar 2016 beginnt sie mit der Arbeit in ihrem eigenen Unternehmen: der Management Consulting-Agentur OMC in Berlin, die sie von Gründer Dieter Ortleb gekauft hat. Gemeinsam mit Geschäftsführerin Claudia Cord will sie sich dort ganz dem Thema Executive Consultancy, also: Beratung von Führungskräften, die sich beruflich verändern wollen – oder im Rahmen von Outplacement müssen – , widmen. „Ich wollte in meinem Leben Regie führen“, sagt Michalski. Diese Erkenntnis ist mehr und mehr gewachsen, genau wie ihr Wunsch nach Eigenständigkeit. „Die Gefügigkeit, die in größeren Organisationen gebraucht wird, ist mir zunehmend schwergefallen. Ich bin mittlerweile weniger anpassungsfähig und -willig als früher.“ Die Entscheidung zur Selbstständigkeit war damit irgendwann nur folgerichtig.

Unternehmer brauchen Flexibilität

Selbstständige Unternehmerin zu sein fordert allerdings auch ein ganz neues Mindset. „Flexibilität ist wichtig. Vor allem Sicherheitsgedanken müssen erst einmal zurückgestellt werden – das fühlt sich natürlich anders an, als es eine langjährige Festanstellung tut“, erklärt Michalski. „Man fängt ja wieder ganz neu an. Zu erwarten, dass alles sofort funktioniert, wäre blau- äugig. Die Königsdisziplin: das Ziel weiter vor Augen haben, darauf hinarbeiten, aber auch dann, wenn es sich als nicht erreichbar herausstellt, umdisponieren.“ Besonders wichtig für Selbstständige ist dabei die Vernetzung mit anderen. Networking bietet Austausch, Sicherheit und hilft, die Dinge mal wieder aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Beratung in Change-Prozessen

Die engen Strukturen im Top-Management und der Wunsch nach mehr Einflussnahme auf die Unternehmensgeschicke sind jedoch nicht der Hauptgrund, warum Michalski sich für den Kauf von OMC entschied. „Mein Interesse an Menschen ist während meiner beruflichen Laufbahn immer stärker gewachsen, sodass ich mich darauf freue, mich jetzt ganz auf Führungskräfte in Veränderungssituationen fokussieren zu können“, erklärt sie. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass diese Beratungsleistung gebraucht wird.“ Die Transformation der Medienbranche von Print ins Digitalgeschäft hat Michalski hautnah miterlebt. So stand sowohl bei Beuth als auch bei der Verlagsgruppe Handelsblatt das Thema Change-Management auf ihrer Agenda. Zu ihren Aufgaben gehörte es, die Häuser marktgerecht aufzustellen, was sie zu den größten Erfolgen ihrer Karriere zählt – nicht zuletzt deshalb, weil ihr der Umgang mit den Mitarbeitern am Herzen lag. „In zwölf Jahren als Geschäftsführerin habe ich unzählige Personalgespräche geführt, und die Mitarbeiter haben mir dabei oft großes Vertrauen geschenkt. Auch das hat mit Mut gemacht für diesen Schritt.“

Work-Life-Balance im Blick

Veränderungen in der Berufswelt sind heute für die meisten Angestellten, ob Führungskräfte oder Sachbearbeiter, immer wieder an der Tagesordnung. Die Zeiten, in denen der Arbeitgeber von der Ausbildung bis zur Rente der gleiche bleibt, sind unwiederbringlich vorbei. Aber die Menschen selbst gehen ebenfalls mit anderen Ansprüchen ins Berufsleben, weiß Michalski: „Der Job steht auch bei Führungskräften oft nicht mehr zwingend an erster Stelle – die Work-Life-Balance wird wichtiger. Und das ist auch gut so. Mich hat in diesem Zusammenhang das Buch der australischen Palliativpflegerin Bronnie Ware sehr beeindruckt, die Sterbende befragt hat, was sie bereuen würden. Zu viel Arbeit stand mit oben auf der Liste – und dass zu viel Arbeit nicht glücklich macht, setzt sich als Erkenntnis allmählich auch im Arbeitsleben durch.“ Damit bedeutet die Beratung in Übergangsphasen immer zugleich Life-Coaching. „Es geht nicht nur um Karrierekurven, sondern auch um die ganz individuelle Frage, wie sich ein glückliches Leben und eine befriedigende berufliche Tätigkeit finden und halten lassen. Darauf aufbauend entwickeln wir neue persönliche und berufliche Perspektiven – da wird es dann richtig spannend.“

Als Chefin gilt: Das Team zählt

Für sich selbst hat Claudia Michalski diese Frage nun beantwortet, „und ich freue mich auf die praktische Umsetzung. In meiner neuen Rolle möchte ich mich weiterhin von meinen bisher wichtigsten beruflichen Learnings leiten lassen: authentisch und bodenständig zu bleiben, mich nicht zu verbiegen. Und weiterhin meinen kooperativen Führungsstil zu pflegen, auch wenn ich gerne das letzte Wort habe.“ Denn die Beteiligung der Mitarbeiter, weiß sie, verbessert in der Regel das Ergebnis. „Teamgeist und Toleranz werden bei mir großgeschrieben – ebenso wie Diversität. Gut gemischte Teams sorgen für Austausch und Innovation.“ Dazu gehört zwingend der Blick über den Tellerrand. Messebesuche, Fortbildungen, Workshops: All diese Aktivitäten sind wichtig und regen zum Querdenken an. „Und wenn es doch einmal zu Fehlern oder gar Krisen kommt, können auch diese ein Anstoß sein, mehr zu lernen, neu zu gucken – und sich zu verändern.“ Gleichzeitig ist ihr die soziale Verantwortung ein Anliegen: „Eines meiner Vorbilder ist der dm-Gründer Götz Werner. Er verbindet Verantwortungsbewusstsein mit Erfolg. Das finde ich löblich.“

Veränderung braucht innere Klärung

Was also rät die Neu-Unternehmerin Managern, die sich verändern wollen oder müssen? „Im Fall einer Kündigung ist die erste Regel: Ruhe bewahren. Denn es geht nicht darum, möglichst schnell wieder in Lohn und Brot zu kommen, sondern genau den Job zu bekommen, den man möchte. Dazu sollte der oder die Betroffene sich genug Zeit nehmen, die beruflichen wie persönlichen Ziele zu überdenken und gegebenenfalls neu zu definieren. Ganz wichtig: positiv formulieren - also nicht festlegen, was man nicht mehr möchte, sondern was man wirklich will. Das ist in der Regel nicht so leicht, wie es scheint. Und dann, wenn es möglich ist: dem Herzen folgen. Das tun, was am meisten Freude auslöst. Auch dann, wenn es nicht dem herkömmlichen Weg entspricht, den alle als ‚natürlichen nächsten Schritt‘ erwarten.“ Für den einen oder die andere wird dabei ein Berufsmodell herauskommen, das dem von Michalski ähnelt: der Schritt in die Selbstständigkeit. Der sollte aber nicht zu schnell erfolgen, so Michalski: „Die Geschäftsidee muss auf Herz und Nieren geprüft werden: Was ist das Alleinstellungsmerkmal? Ist mein Angebot wirklich attraktiv?“ Wichtig sei zudem ein langer Atem. Angehende Unternehmer sollten vor allem zu Beginn ihrer Selbstständigkeit in der Lage sein, mehrere Monate zu akquirieren und noch keine Erlöse zu erwirtschaften, ohne dadurch unter schlaflosen Nächten zu leiden. Das geht natürlich nur, wenn die Finanzdecke stabil ist, so Michalski: „Wer sich selbstständig machen möchte, sollte für mindestens ein Jahr in der Lage sein, seinen Lebensstandard zu halten, ohne etwas zu verdienen.” Und schließlich ist die Frage zu klären, ob man ein ganz neues Unternehmen gründen möchte – oder, wie Claudia Michalski, ein Unternehmen kaufen will. „Allgemeingültige Ratschläge gibt es hier nicht. Nur eines sollte all denjenigen, die sich in Veränderungsprozessen befinden, klar sein: Wenn sie etwas wirklich wollen, können sie das auch schaffen.“