Spezial E-Health: Nachziehen nötig

Großer Aufholbedarf im internationalen Vergleich

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf arbeitet an digitaler Vernetzung von Medizin, Forschung und Lehre. Vorstand Professor Dr. Burkhard Göke erklärt wie.

Professor Dr. Burkhard Göke ist Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKE in Hamburg
Professor Dr. Burkhard Göke
ist Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKE in Hamburg (Foto: PR)

Dass Deutschland in Sachen E-Health international noch Nachholbedarf hat, deckt sich auch mit den Erfahrungen, die Professor Dr. Burkhard Göke, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), täglich macht – nicht im eigenen Haus, aber im Austausch mit anderen Playern. Zwar investieren immer mehr Kliniken wie das UKE in die Digitalisierung, aber es ist für viele noch ein weiter Weg. Welche Strategie das UKE verfolgt, erläutert Professor Dr. Göke.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Das UKE hat als erstes Universitätsklinikum in Europa ein flächendeckend verfügbares Krankenhausinformationssystem implementiert. Arbeiten Sie inzwischen tatsächlich -papierlos?

Professor Dr. Burkhard Göke: (lacht) Ja, wenn es um unsere eigene elektronische Patientenakte geht. Aber leider drucken wir jeden Tag etwa 5.000 Briefe aus, wenn wir mit niedergelassenen Kollegen kommunizieren oder Patienten Dokumente mitgeben. Es gibt zwar von unserer Seite Angebote, auch diese Kommunikation digital über ein Portal zu lösen, aber das wird bisher noch unzureichend angenommen.

Kann das System Stand heute bereits zufriedenstellend in die Ablaufplanung des Klinikums integriert werden?

Göke: Ja. Die Abläufe im UKE funktionieren auf Basis der elektronischen Patientenakte effizient und sicher. Wir behandeln über 500.000 Patienten pro Jahr. Die Vorteile sind eindeutig: Die Akte ist immer auf dem aktuellsten Stand, denn neueste Befunde und Informationen kommen automatisch dazu. Jeder kann parallel von überall im Haus auf die jeweilige Patientenakte zugreifen, wenn er dazu berechtigt ist. Und auf Basis der Aktendaten gibt das System auch Hinweise, zum Beispiel bei auffälligen Laborwerten. Ebenso können Checklisten integriert werden, die automatisiert prüfen, ob zum Beispiel vor einer OP alle relevanten Informationen auch im System vorhanden sind. All das sorgt für eine hohe Qualität der Abläufe.

Welchen Stand hat die Digitalisierung in der Branche allgemein erreicht? Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich dar?

Göke: Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zur Digitalen Gesundheit hat Ende des vergangenen Jahres sehr deutlich gezeigt, wie groß der Aufholbedarf im internationalen Vergleich ist. Deutschland ist auf dem vorletzten Platz in einer Vergleichsgruppe der EU-Länder und drei weiterer OECD-Länder gelandet – und zählt damit neben der Schweiz, Frankreich und Polen zu den Schlusslichtern. Das deckt sich mit unseren eigenen Erfahrungen. Wir nehmen zwar wahr, dass immer mehr Kliniken, auch hier in Hamburg, endlich in die Digitalisierung investieren. Aber es ist für viele noch ein weiter Weg.

Aktuell warnt eine Studie der Versicherungswirtschaft davor, dass Patientendaten nicht ausreichend geschützt sind – in 60 Prozent der Kliniken werden hiernach Passwort-Kombinationen verwendet, die auch von Kriminellen im Darknet angeboten werden. Unterschätzen Ärzte und Kliniken die Cyberrisiken?

Göke: Das Bewusstsein für diese Risiken, nicht nur im Gesundheitswesen, steigt meiner Ansicht nach stark an. Es vergeht ja kaum mehr eine Woche, in der nicht in den Medien über Cyberkriminalität berichtet wird. Das UKE hat massiv in die IT-Sicherheit investiert und tut dies weiterhin, weil für uns der sichere Schutz der Patientendaten essenziell ist. Das UKE war 2011 die erste Klinik in Deutschland, die sich nach dem BSI-Grundschutz hat prüfen und zertifizieren lassen.

Stichwort elektronische Patientenakte: 2020 soll sie für alle kommen. Momentan gibt es aber nur viele Insellösungen. Inwieweit arbeitet das UKE aktiv an Gemeinschaftlichem?

Göke: Wir begrüßen sehr, dass an der Entwicklung einer einheitlichen Lösung für Deutschland gearbeitet wird. Wir planen eine frühzeitige Verbindung mit unserer Patientenakte. Aber wir sehen auch, dass bisher noch nicht alle aus unserer Sicht sinnvollen Anwendungsszenarien in den bisherigen Konzepten berücksichtigt sind.

Welche nächsten Schritte planen Sie im Bereich E-Health?

Göke: Wir haben heute bereits eine Vielzahl von E-Health und telemedizinischer Kooperationen mit anderen Kliniken und niedergelassenen Ärzten. Das geht von Telestroke für die Schlaganfalldiagnose über Teledermatologie bis hin zu konsiliarischer Unterstützung auf Kreuzfahrtschiffen. Diese Kooperationen werden wir konsequent ausbauen und noch stärker den Patienten direkt mit einbinden.

Wie sieht für Sie die Medizin der Zukunft aus? Werden wir dann von 3D-Druckern mit Organen versorgt? Operieren uns Roboter statt Menschen?

Göke: Auch 3D-Drucker und Roboter stehen hier bereits auf dem Campus. Die 3D-Drucker werden heute primär für Prothetik verwendet. Noch nicht alle Entwicklungen befinden sich auch bereits in der Regelversorgung. Im Bereich der Robotik verfügt das UKE derzeit über fünf Da Vinci-Operationssysteme. Diese Systeme operieren aber nicht selbstständig, sondern unterstützen den Operateur bei besonders „filigranen“ Operationen. Auch der beste Operateur hat keine so ruhige Hand wie ein solcher Roboter. Hier sehen wir definitiv weitere Entwicklungen, sind auch in Forschungsvorhaben involviert. Aber es wird aus meiner Sicht immer der Mensch sein, der die Entscheidungen trifft und die Technologien zum Wohle der Patienten einsetzt.

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