"Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte"

Das dezentrale Transaktions-Protokoll Blockchain könnte die Finanzbranche revolutionieren. Nun macht die Ethereum Foundation die Technologie der breiten Masse zugänglich. Das DUB UNTERNEHMER-Magazin sprach auf der WIRED Money 2016 mit einem von Ethereums führenden Entwicklern.

Begegnung auf der WIRED Money 2016: Redakteur Eike Benn (li.) mit Dr. Christian Reitwiessner (re.) von Ethereum

Von der Digitalwährung Bitcoin dürften inzwischen die meisten gehört haben – das ihr zugrundeliegende Datenbankprinzip Blockchain hingegen ist der breiten Masse noch weitgehend unbekannt. Dabei könnte es die Art und Weise, wie wir Vermögenswerte übertragen, grundlegend verändern.

Eine Blockchain ist eine Art digitaler Kontoauszug. Er setzt sich aus aneinandergereihten Datenblöcken zusammen und kann Informationen über alle möglichen Geschäfte enthalten. Indem diese Informationen gleichzeitig auf vielen Rechnern abgelegt werden, sind sie beinahe hundertprozentig vor Manipulation geschützt. Das DUB UNTERNEHMER-Magazin sprach mit Dr. Christian Reitwiessner, Leiter der C++-Entwicklung von Ethereum, über Chancen und Grenzen der Blockchain-Technologie.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Sie arbeiten für die von Vitalik Buterin gegründete Ethereum Foundation. Welche Konsequenzen hat die Stiftungsform für ihr Verhalten am Markt?
Christian Reitwiessner:
Im Prinzip haben wir ja keinen wirklichen Markt. Man kann Ethereum eher mit Wikimedia vergleichen, das auch eine Stiftung ist. Wir stellen eine Plattform zur Verfügung. Auf dieser Plattform kann jeder sein eigenes Produkt bauen. Wir sind komplett neutral gegenüber Anwendungen und Firmen, die mit unserer Plattform arbeiten.

Sie sind also nicht an Gewinnen interessiert?
Reitwiessner:
Genau, denn die Gesellschaftsform ist eine Non-Profit-Stiftung mit Sitz in der Schweiz. Alles, was wir machen, ist Open Source. Unser Funding haben wir 2014 durch einen Cryptocurrency-Crowdsale bekommen. Diese Gelder verwenden wir nun, um unsere Plattform zu entwickeln. In Zukunft wollen wir auch ein Spendenmodell aufbauen, um uns so längerfristig finanzieren zu können.

„Im Wesentlichen geht es bei der Blockchain darum, Vertrauensprobleme zu lösen“, hat Buterin einmal gesagt. Inwiefern halten Sie die Blockchain-Technologie dafür geeignet, korrumpierte Wirtschaften zu rehabilitieren?
Reitwiessner:
Wenn die Menschen das wollen, können mit Ethereum sehr leicht Auditierungen durchgeführt werden, also Kontrollen, ob Transaktionen korrekt abgewickelt wurden. Alles, was über unsere Blockchain passiert, ist transparent.

„640 Kilobyte dürften für jeden genug sein“, sagte Bill Gates einmal über den Speicherbedarf von PC-Benutzern – und irrte sich gewaltig. Wie groß ist die Gefahr, dass unsere digitale Infrastruktur einer umfassenden Umstellung auf Blockchains nicht gewachsen ist?
Reitwiessner:
Sicherlich, wir haben ja bei Bitcoin schon jetzt das Problem, dass die Blöcke voll sind. Teilweise können Transaktionen dann nicht mehr ausgeführt werden. Ethereum wird auf lange Sicht das gleiche Schicksal ereilen, obwohl wir den Vorteil dynamischer Blöcke haben und es deshalb nicht ganz so schlimm ist. Aber im Prinzip wird es ähnliche Schwierigkeiten geben. Das liegt nicht so sehr an der Kapazität des Netzwerkes. Denn man kann einfach parallel Netzwerke starten, die dann miteinander kommunizieren. Das entlastet das Hauptnetz. Problematisch ist daran nur, dass man Sicherheit einbüßt. Das Netzwerk lässt sich sozusagen leichter zu Fall bringen, wenn es in viele kleine Netzwerke aufgesplittet wird. Doch die Frage der Skalierbarkeit ist einer unserer Kernforschungsbereiche und wir sind zuversichtlich, dass wir sie lösen können.

Peter Smith, CEO des Bitcoin-Wallet-Anbieters Blockchain.info, sagt, Ethereum müsse sich beweisen, weil es noch keine darauf basierenden realen Produkte gebe. Wann kommt die erste Killer-App auf Ethereum-Blockchain-Basis?
Reitwiessner:
Ich stimme Smith nicht zu. In Berlin-Kreuzberg kann ich zwar in drei Restaurants mit Bitcoin bezahlen. Ether nehmen die nicht an. Aber das liegt auch daran, dass es nicht unser Hauptanwendungsfall ist. Über die Musikplattform Mycelia, die Ethereums Blockchain nutzt, kann man etwa schon ein Lied kaufen. Der Erlös wird dann automatisch an die beteiligten Kreativen verteilt. Ich glaube, Ethereum wird dadurch in den Mainstream kommen, dass Menschen die Blockchain von Ethereum benutzen, ohne es notwendigerweise zu bemerken. Wer jetzt per Kreditkarte bezahlt, weiß auch nicht genau, was im Hintergrund passiert. Auch Smart Devices dürften der Technologie zusätzlichen Schwung geben.

Smart Devices?
Reitwiessner:
Zum Beispiel ein Smart Lock, das ich in meine Wohnungstür einbaue. Es beobachtet die Blockchain und weiß, wer sein Besitzer ist. Es lässt sich über einen bestimmten Zeitraum an andere Personen ausleihen. Das geschieht über eine Transaktion, einen Smart Contract. Das Schloss sieht die Transaktion und erlaubt den Empfängern, es zu öffnen. Nach Ablauf des Vertrags geht die Fähigkeit, das Schloss zu öffnen, wieder allein auf mich über.

1 / 2

Das interessiert andere Leser

  • Wie Unternehmen von der Zusammenarbeit mit Hochschulen profitieren
    Fleißig wie die Bienen

    Die erfolgreiche Kooperation zwischen einer Hochschule und Firmen zeigt, was Unternehmen von Bienen und Ameisen lernen können.

  • Wie Wladimir Klitschko Probleme ausknockt
    Wie Wladimir Klitschko Probleme ausknockt

    Boxchampion und Entrepreneur Wladimir Klitschko erklärt, wie Unternehmer mit Problemen richtig umgehen.

  • Digitalisierung für Unternehmen
    Digitalisierungs-Europameister

    Hat Deutschland bei der Digitalisierung den Anschluss verpasst? Mitnichten! Kleine und mittelgroße Unternehmen haben in Europa sogar die Nase vorn.

  • Fusionskontrolle - Gibt es ein Risiko zu großer Marktmacht durch Unternehmenskäufe?
    Mit Kanonen auf Start-Ups

    Zwischen Wirtschaftsminister Gabriel und Start-up-Verbänden tobt ein Streit um die Fusionskontrolle.

  • Franchise-System: Wachstum mit Marke und Konzept
    Beziehungsstress im Franchising

    Vertrauen ist die Grundlage aller Beziehungen – nicht zuletzt von geschäftlichen. Doch beim Franchising wird es häufig auf eine harte Probe gestellt.

  • „Profi allein kann nicht das Ziel sein“
    Göttliche Erfolgsfaktoren

    Kult und Kommerz müssen kein Widerspruch sein. Wie dass geht, zeigt Oke Göttlich, Präsident des Fußballklubs FC St. Pauli.

  • Heatmap Europe
    Wo die Talente wohnen

    Entrepreneure gründen dort, wo auch die Talente wohnen - und zwar in Berlin, London oder Amsterdam.

  • Es geht auch ohne Kredit
    Es geht auch ohne Kredit

    Banken werden kritischer bei der Bonitätsprüfung, wie eine Umfrage zeigt. Mit diesen zwölf Tipps sichern Sie sich Ihre Finanzierung.

  • Zur Erforderlichkeit und Methodik der Bewertung Ihres Unternehmens
    Was ist meine Firma wert?

    Verkauf, Erbschaft, Finanzierungen – Anlässe, den Wert der eigenen Firma zu ermitteln, gibt es reichlich. Die vier wichtigsten Berechnungsmethoden im Überblick.

  • Deutschlands Firmen haben ein Nachfolgeproblem
    Chefs händeringend gesucht

    Deutschlands Unternehmen stehen vor einem gewaltigen Nachfolgeproblem. Wie virulent die Krise ist, zeigen aktuelle Zahlen der KfW-Bankengruppe.

  • Drei Top-Start-ups der FU Berlin
    Drei Top-Start-ups der FU Berlin

    Drei junge Unternehmen aus der Hauptstadt verraten, wie ihnen die Uni unter die Arme gegriffen hat und welche Tipps sie für angehende Entrepreneure parat haben.

  • Das Berater-ABC
    Das Berater-ABC

    Banker, Juristen, Transaktionsberater, Unternehmensberater – Spezialisten für den Mittelstand gibt es reichlich. Wann brauche ich wen?

  • Mensch 4.0
    Kollege Roboter

    Kein Computer hat das Bewusstsein eines Menschen – noch nicht. Aber in wenigen Jahrzehnten dürfte es laut Experten so weit sein. Und dann?

  • Bärenstarke Starthilfe der Hauptstadt

    Profund Innovation, der Inkubator der FU Berlin, hilft gründungswilligen Studenten auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Porträts dreier starker Kandidaten aus der Start-up-Schmiede.

  • Wenn nach dem Kind das Start-up kommt
    Mama managt das

    Sie sind jung, sie sind erfolgreich, sie sind Mütter: Deutschlands Mompreneure setzen Milliarden um. Wie machen die das?

  • Verkaufen leicht gemacht
    Verkaufen leicht gemacht

    Der Bundesverband M&A hat Standards für den Verkauf eines Unternehmens entwickelt, die den Prozess erheblich vereinfachen.

  • Firmeninhaber verstirbt plötzlich – was tun?
    Risiko Familienunternehmer

    Bei ihnen laufen alle Fäden zusammen: Familienunternehmer sind unersetzlich. Und genau das kann einer Firma zum Verhängnis werden.

  • Visionäre im Visier
    Reise zu den Digital-Mekkas

    Texas, Vancouver, Hamburg: Die DUB-Redaktion und XING-Gründer Lars Hinrichs haben sich auf Pilgerfahrt begeben und berichten von den neuesten Trends.

  • Top-Noten für Franchising

    Eine neue Befragung zeigt: 85 Prozent der Franchisenehmer würden es wieder tun. Trotzdem gibt es noch Luft nach oben.

  • Aus alt mach neu
    Tortenschlacht

    Mit dem Tod des Firmenpatriarchen Aloys Coppenrath 2013 schlingerte Coppenrath & Wiese in eine Führungskrise. Was Firmenchefs besser machen können.

  • Unternehmen suchen verstärkt Chefs außerhalb ihrer Grenzen
    Verwaiste Chefsessel

    Zehntausende Unternehmen haben keinen Nachfolger. Doch der Mittelstand tut sich weiter schwer mit Managern von außen.

  • Helden von morgen
    Helden von morgen

    Start-ups brauchen Ideen, Kapital – und Rat. Heute fördern viele Hochschulen Gründer während der schwierigen Anfangsphase. DUB stellt die besten Gründungen von fünf Top-Hochschulen vor.

  • Wie Unternehmen durch CVC innovativer werden
    Dem Tod von der Schippe springen

    Experten rechnen damit, dass die meisten heute etablierten Firmen ihren 50. Geburtstag nicht erleben werden. Aber es gibt Abhilfe.

  • Moritz Fürste (Hockeyspieler)
    Erst Rio, dann Vollzeit

    Hockeystar Moritz Fürste über Olympia und seine Karriere im Sportmarketing. Plus: Wie die Praktikantenbörse Top-Athleten und Unternehmer zusammenbringt.

  • Darum wachsen Gazellen-Unternehmen so schnell
    Das Geheimnis der Gazellen

    Gazellenunternehmen werden Firmen genannt, die extrem schnell wachsen. Eine Studie ist ihrem Erfolgsgeheimnis auf den Grund gegangen

  • Lea-Sophie Cramer von Amorelie
    Berliner Fräuleinwunder

    Sie gilt als einer der erfolgreichsten Gründer Deutschlands, ist Business Angel und Mutter: Lea-Sophie Cramer. Ein Interview.

  • Investoren aus dem Ausland
    Die Chinesen kommen

    Kuka ist kein Einzelfall: Bei deutschen Unternehmen stehen chinesische Käufer Schlange. Doch was passiert nach der Übernahme?

  • Mentalitätswandel unter Deutschlands Firmeninhabern
    Blut ist dünner als Wasser

    Statt den eigenen Nachwuchs auf den Chefsessel zu setzen, greifen Familienunternehmen immer häufiger auf Fremdmanager zurück.

  • Franchise-Spezial
    Franchise-Spezial: Mit starken Marken unterwegs

    Wie Franchising zu einem Win-win-Konzept wird: ein Ein- und Ausblick.

  • Franchise Spezial: Partner gesucht
    Partner gesucht

    Die Zahl der Franchisegründer in Deutschland ist rückläufig. Doch jetzt gibt es einen neuen Weg, etablierte Franchisesysteme und Unternehmer in spe zusammenzubringen: die DUB-Franchisebörse.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen
Jetzt Newsletter bestellen
DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick