Risikofaktor "Just in time"

Viele Konzerne fürchten, dass ihre Lieferkette reißt. Neue Dienstleister machen aus dieser Angst ein Geschäft.

Eine 100 Meter hohe Stichflamme zerstörte am 31. März 2012 die Chemieanlage von Evonik im münsterländischen Marl. Nur Fachleuten war das dort produzierte "Polyamid 12" bis dahin bekannt - was sich bald ändern sollte. In den folgenden neun Monaten erlebte die Automobilindustrie schlimme Lieferengpässe, auch Sportartikelhersteller und Produzenten von Haushaltswaren stoppten ihre Bänder, weil der Hochleistungs-Kunststoff fehlte.

Schon im Sommer 2013 hätte sich das Chaos wiederholen können. BASF geriet in Schwierigkeiten, einen begehrten Polyamid-Kunststoff in ausreichenden Mengen zu produzieren. Doch die Abnehmer hatten aus der vorangegangenen Krise gelernt - und in Frühwarnsysteme investiert. Auf der Internetplattform "Riskmethods", einer 2013 gestarteten Mischung aus Facebook und Wikipedia für Einkaufsmanager, postete ein mächtiger Automobilzulieferer gleich zu Beginn den Beschaffungsengpass. So blieb Zeit, Ausweichmöglichkeiten zu finden.

Die Monatsgebühr von meist mehr als 10 000 Euro zahlen Firmen wie Siemens, Bosch oder Swisscom dort gern, um Schlimmeres zu verhindern. Die Alternative wäre teurer. "Von Zulieferern, die für Produktionsausfälle sorgen", sagt ein Insider, "verlangen Automobilhersteller eine Pönale von 200 000 Euro - pro Stunde." Ein Geschäft, das auch anderswo floriert. 58 Prozent aller global tätigen Großunternehmen, fand eine Untersuchung der Unternehmensberatung Accenture heraus, lassen ihre Lieferkette inzwischen durch Risiko-Organisationen überwachen. Dabei sind es vor allem Rückversicherer wie Munich Re, die detaillierte Risikoprofile erstellen für Regionen, in denen Vorlieferanten produzieren. Auch Kreditversicherer wie Euler Hermes sind im Geschäft. Der Darmstädter Pharmakonzern Merck ließ sich von einer Unternehmensberatung sogar eine Risikosimulation für sämtliche Produktionsstandorte erstellen.

Aufgeschreckt von jüngsten Flutkatastrophen, politischen Unruhen oder Rohstoffengpässen wollen viele Firmen noch tiefer in die Tasche greifen. 76 Prozent von ihnen, ermittelte Accenture, planen Zusatzausgaben fürs Risikomanagement - ein Viertel will sie um mehr als 20 Prozent aufstocken. Für die Aufregung gibt es allen Grund. "In den vergangenen 15 Jahren haben die meisten Unternehmen mehrstufige Lieferketten rund um den Globus aufbaut", berichtet Accenture-Experte Markus Hayek. Gleichzeitig sei an der Kostenschraube gedreht worden, etwa durch Zusammenlegung von Lägern oder Outsourcing. Eine größere Störanfälligkeit ist nun die Kehrseite der Medaille. "Mehr Risikoquellen treffen auf weniger Puffer im System", klagt Hayek.

Der explosive Mix aus "Just in time" und Globalisierung gerät immer häufiger außer Kontrolle. Den bislang schlimmsten Schock erlebte die deutsche Industrie, als nach der Tsunami-Katastrophe in Japan 2011 viele Lieferketten rissen. Bei Autoherstellern wie Opel fielen Schichten aus, weil elektronische Bauteile am Band fehlten, Honda drosselte in Nordamerika seine Produktion, und auch Volvo, Ford und Renault meldeten Probleme. Jedes sechste deutsche Elektronikunternehmen klagte über Engpässe, insbesondere Speicherchips wurden knapp. Nur Monate später bei der Flutkatastrophe in Thailand wiederholte sich die Situation. Nun waren es Festplatten, die der IT-Industrie fehlten. Kamerahersteller warteten vergeblich auf Objektive und Zubehörteile.

Oft geht es bei den Reaktionszeiten nur um Stunden. Das zeigte sich Anfang Juli im texanischen Port Arthur, wo ein Brand die Ethylen-Anlage von Chevron Phillips vernichtete. 24 Stunden verharrte der Spotmarkt-Preis für den PET-Rohstoff in der Schockstarre, dann aber kletterte er auf einen Rekordstand. Entsprechend setzen Risikomanager auf schnelle Computerprogramme. Einer der Hauptlieferanten ist Jonova aus Seattle, der sich auf Notfallpläne, Risikoszenarien und Kapazitätsplanungen spezialisiert hat. Der Nischenanbieter rechnet auch aus, wie teuer das Risiko werden kann, nicht mehr lieferfähig zu sein.

Zudem gewinnt die Strategie Anhänger, sich bei alternativen Lieferanten Kapazitäten zu sichern. Weil dies Intel während der Tsunami-Katastrophe das Geschäft rettete, haben sich inzwischen Großkonzerne wie Toyota oder Procter & Gamble Fließbänder und Anlagen bei möglichen Zulieferern vertraglich gesichert. Bei Bosch, wo man parallel zur Globalisierung eine steigende Zahl von Ausfällen beobachtet, ist das längst Firmenpolitik. "Wir haben für unsere A-Teile immer zwei Quellen", sagt Logistikdirektor Martin Wiedemann. Wie profitabel das Geschäft mit der Risikoüberwachung ist, zeigt das Münchener Start-up Riskmethods. Es vernetzt nicht nur Mitglieder, sondern greift auch auf wichtige Datenbanken zu.

Hinzu kommen Informationen von Kreditauskunfteien und Rückversicherungen, die regionale Risiken wie Erdbebenhäufigkeit oder mögliche Unwetterwahrscheinlichkeiten ermitteln. "Außerdem scannen wir minütlich das Internet nach neuen Ereignissen", berichtet Firmengründer Heiko Schwarz. 

 

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten
Mehr auf www.handelsblatt.com

Das interessiert andere Leser

  • Firmenmakler Pro und Kontra

    Der Verkauf der eigenen Firma ist einer der sensibelsten und komplexesten Geschäftsprozesse, die es gibt. Die Auswahl eines seriösen Beraters kann dem Verkäufer Zeit, Geld und Ärger ersparen.

  • Standortanalyse für Franchisebetriebe
    Standortanalyse für Franchisebetriebe

    Es liegt in der Verantwortung des Franchisenehmers, sich über die Chancen und Risiken eines in die engere Wahl gezogenen Standortes eingehend zu informieren und sie zu bewerten.

  • Frauen im Franchise
    Mehr Möglichkeiten für Frauen im Franchise

    Eine Umfrage des Deutschen Franchise-Verbands zeigt: Unter den Führungskräften in den Systemen gibt es relativ wenige Frauen. Das dürfte sich in den nächsten Jahren aber ändern.

  • Wie intelligent ist mein Unternehmen?

    Gratis: DUB startet Deutschlands größte Unternehmer-Umfrage – zusammen mit KPMG und den Hochschulen in Paderborn und Regensburg. Am Schnelltest teilnehmen und sofort Auswertung erhalten!

  • Town und Country Haus
    Town & Country im Interview

    Town and Country Franchise Leiter Benjamin Dawo erläutert den Erfolg des Geschäftsmodells und spricht über Franchise-Partner, Neugründung und Nachfolge beim Bau Franchise.

  • Gelungene Firmenübernahme

    Praxis-Beispiel: Nach dreieinhalb Jahren geduldiger Suche konnte Loes Fröhlich sein Maschinenbau-Unternehmen erfolgreich an einen Nachfolger übergeben. Was waren die Erfolgsfaktoren?

  • Unternehmerische Kompetenz

    Reine Bauchentscheidungen sollten bei der Unternehmensnachfolge vermieden werden. Hier ist unternehmerische Kompetenz gefragt, die sich in vier Ebenen gliedern lässt.

  • Neue TV-Show - Unternehmen sucht Nachfolger

    Gemeinsam mit Pro TV Produktion sucht DUB Unternehmenskäufer für mehrere Betriebe in NRW. Die Sendung wird im Herbst ausgestrahlt. Jetzt bewerben!

  • Die Regeln des Spiels

    Die Franchise-Branche hat ihre ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. Tom Portesy, CEO des Franchise-Expo-Veranstalters MFV Expositions, erklärt, was in der Branche zählt.

  • Titelthema: Die Tech Trends 2018

    Künstliche Intelligenz, Robotik, E-Mobilität und Co. dominieren die Zukunft. Was die technologische Umwälzung bringt und wie Elon Musk und Co. Trends setzen.

  • Autoreninterview: Außer Kontrolle?

    Frank Schätzing über die Folgen der Künstlichen Intelligenz für Mensch und Gesellschaft. Der Romanautor tritt für ein neues menschliches Selbstbild ein.

  • Haustüren Franchise Expandiert in Deutschland
    Haustüren Franchise auf Expansionskurs

    Pirnar sucht engagierte Verkaufstalente als Franchisenehmer für seine neuen Standorte in Deutschland. Der Produzent ist am 27.-29. September 2018 auf der Franchise-Expo in Frankfurt anzutreffen.

  • Motivation zur Selbstständigkeit
    Gründen 2018 - neue Studie zur Motivation

    Unterscheidet sich der Gründungswunsch nach Altersgruppe? Und was sind die wichtigsten Motivationen und Hindernisse auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Hier erfahren Sie mehr.

  • Franchise im Handwerk

    Die Rahmenbedingungen für Franchise im Handwerk sind gut. Durch Gesetzesänderungen sind viele Franchisesysteme im Handwerk auch für Berufs- oder Quereinsteiger offen.

  • Verkaufsmotiv beim Firmenverkauf

    Die objektive Beurteilung Ihres Verkaufsmotivs ist spielentscheidend für den Verkauf Ihrer Firma.

  • Elon Musk
    Zwischen Genie und Wahnsinn

    Hyperloop und Marsmissionen revolutionieren Mobilität. Eines muss man ihm lassen: Elon Musk hat visionäre Ideen – und den Mut, sie zu verwirklichen.

  • Sommer im Glas

    Die Vielfalt bei Weinen scheint unermesslich. Und die Qualität steigt stetig. Das DUB UNTERNEHMER-Magazin befragte ausgewählte Weinhändler nach ihrem Geheimtipp für die warme Jahreszeit.

  • Nachfolgeberatung für Familienunternehmen und KMUs
    Berater gesucht - gefunden

    Eine gute Nachfolgeberatung kann bei Unternehmensverkäufen helfen. Wie aber finden Unternehmen den richtigen Fachmann?

  • Immer weniger Nachfolger in Sicht

    Die deutsche Wirtschaft brummt, die Grundlage für Gründerwachstum ist gelegt. Tatsächlich sinkt die Zahl der Gründer, damit sind auch weniger potentielle Unternehmensnachfolger auf dem Markt.

  • Franchise boomt in Deutschland

    Die Firmen haben 2017 ein Umsatzplus von acht Prozent gegenüber 2016 erwirtschaftet. Nun präsentiert sich der Wirtschaftszweig auf einer großen Messe in Frankfurt am Main - mit mind. 125 Marken.

  • Revolution in der Storage-Branche

    JAMES-Box will die Storage-Branche revolutionieren. Geschäftsführer Marcus Rey plant nach einem gelungenen Start die Expansion und sucht dafür Investoren.

  • Daimler kooperiert mit Taxify
    Daimler kauft sich bei Uber-Konkurrent ein

    Der Stuttgarter Automobilkonzern Daimler beteiligt sich nach exklusiven Informationen des DUB UNTERNEHMER-Magazins an dem estnischen Mobilitätsanbieter Taxify.

  • Industrie 4.0
    Spezial Industrie 4.0: Schrittmacher der Industrie

    Voll automatisierte Fertigung, Cobots, Digitale Zwillinge –Experten von Kuka, Linde und KPMG erklären die Metamorphose der Industrie im Interview.

  • Auf und davon

    Eine neue Generation von Selbstständigen erobert die digitale Geschäftswelt. Sie sind gut ausgebildet, kreativ – und reisen um die Welt. Warum immer mehr digitale Nomaden unterwegs sind.

  • Land der Handwerker?

    Das deutsche Handwerk steuert in die Krise: Ein Fünftel aller Handwerksunternehmer muss in den nächsten Jahren einen passenden Nachfolger finden. Wie das Kunststück gelingen kann.

  • Pension ohne Murren und Knurren

    Unternehmensverkauf mit Pensionszusage für den scheidenden Inhaber – bislang ein Hindernis für viele Nachfolger. Ein neues Urteil macht es beiden Parteien nun leichter.

  • Progression versus Tradition

    Unternehmerische Freiheit oder lieber finanzielle Sicherheit? Gute Preiskonditionen oder Erfolgsgarantie? Was Franchise-Pioniere und -Traditionalisten voneinander unterscheidet.

  • Innovative Behandlungsmethoden
    Zukunftsmedizin

    Die privaten Krankenversicherungen sehen sich selbst als Motor für Innovationen – und unterstreichen damit ihre Position im Gesundheitssystem. Was ist dran an dieser Vorreiterrolle?

  • Ebikes, Pedelec und Lastenrad liegen im Trend
    Auf die Räder, fertig, los!

    Fahrrad statt Dienstwagen. Das ist nicht nur gut für die Fitness, sondern schont auch die Umwelt. Zusätzliches Plus: Betrieb und Mitarbeiter sparen dabei Geld.

  • Roland Berger Interview
    Exklusiv: „Übernehmt Verantwortung“

    Audienz bei einer Eminenz. Warum Überzeugungen gerade für Unternehmer entscheidend sind und wie Menschlichkeit zum Erfolgsfaktor wird – Beraterlegende Roland Berger im Tacheles-Talk.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen
Jetzt Newsletter bestellen
DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick
Das interessiert andere Leser
  • Firmenmakler Pro und Kontra

    Der Verkauf der eigenen Firma ist einer der sensibelsten und komplexesten Geschäftsprozesse, die es gibt. Die Auswahl eines seriösen Beraters kann dem Verkäufer Zeit, Geld und Ärger ersparen.

  • Standortanalyse für Franchisebetriebe
    Standortanalyse für Franchisebetriebe

    Es liegt in der Verantwortung des Franchisenehmers, sich über die Chancen und Risiken eines in die engere Wahl gezogenen Standortes eingehend zu informieren und sie zu bewerten.

  • Frauen im Franchise
    Mehr Möglichkeiten für Frauen im Franchise

    Eine Umfrage des Deutschen Franchise-Verbands zeigt: Unter den Führungskräften in den Systemen gibt es relativ wenige Frauen. Das dürfte sich in den nächsten Jahren aber ändern.

  • Wie intelligent ist mein Unternehmen?

    Gratis: DUB startet Deutschlands größte Unternehmer-Umfrage – zusammen mit KPMG und den Hochschulen in Paderborn und Regensburg. Am Schnelltest teilnehmen und sofort Auswertung erhalten!

  • Town und Country Haus
    Town & Country im Interview

    Town and Country Franchise Leiter Benjamin Dawo erläutert den Erfolg des Geschäftsmodells und spricht über Franchise-Partner, Neugründung und Nachfolge beim Bau Franchise.

  • Gelungene Firmenübernahme

    Praxis-Beispiel: Nach dreieinhalb Jahren geduldiger Suche konnte Loes Fröhlich sein Maschinenbau-Unternehmen erfolgreich an einen Nachfolger übergeben. Was waren die Erfolgsfaktoren?

  • Unternehmerische Kompetenz

    Reine Bauchentscheidungen sollten bei der Unternehmensnachfolge vermieden werden. Hier ist unternehmerische Kompetenz gefragt, die sich in vier Ebenen gliedern lässt.

  • Neue TV-Show - Unternehmen sucht Nachfolger

    Gemeinsam mit Pro TV Produktion sucht DUB Unternehmenskäufer für mehrere Betriebe in NRW. Die Sendung wird im Herbst ausgestrahlt. Jetzt bewerben!

  • Die Regeln des Spiels

    Die Franchise-Branche hat ihre ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. Tom Portesy, CEO des Franchise-Expo-Veranstalters MFV Expositions, erklärt, was in der Branche zählt.

  • Titelthema: Die Tech Trends 2018

    Künstliche Intelligenz, Robotik, E-Mobilität und Co. dominieren die Zukunft. Was die technologische Umwälzung bringt und wie Elon Musk und Co. Trends setzen.

  • Autoreninterview: Außer Kontrolle?

    Frank Schätzing über die Folgen der Künstlichen Intelligenz für Mensch und Gesellschaft. Der Romanautor tritt für ein neues menschliches Selbstbild ein.

  • Haustüren Franchise Expandiert in Deutschland
    Haustüren Franchise auf Expansionskurs

    Pirnar sucht engagierte Verkaufstalente als Franchisenehmer für seine neuen Standorte in Deutschland. Der Produzent ist am 27.-29. September 2018 auf der Franchise-Expo in Frankfurt anzutreffen.