Mutmacher, Mahner und das Morgen

Nicht Datenschutz sondern Interessenschutz bremst Digitalisierung

Auf Lorbeeren ausruhen? Das ist nicht die Sache der CEOs Jens Baas, TK, und David Stachon, Cosmos­Direkt. Das Gesundheitswesen ist vital? Im digitalen Morgen ­vielleicht nicht mehr. Was sich heute schon ändern muss.

Blick in die Zukunft David Stachon (l.) und Jens Baas gelten als Vordenker ihrer Branchen
Blick in die Zukunft
David Stachon (l.) und Jens Baas gelten als Vordenker ihrer Branchen (Foto: Jann Klee)

Der eine ist von Haus aus Mediziner, der andere Biochemiker: Die Doktoren Jens Baas, Vorstandschef der Techniker Krankenkasse TK, und David ­Stachon, sein Pendant beim Direktver­sicherer der Generali-Gruppe Cosmos­Direkt, verfügen über den Hintergrund, um Vordenker zu sein. Ein Spitzen­gespräch über Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Hindernisse bei der Transformation des Gesundheits- und Versicherungswesens.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Das deutsche Gesundheitssystem ist leistungsfähig. Doch ist es auch zukunftsfähig mit Blick auf die Möglichkeiten, aber auch Rahmenbedingungen der Digitalisierung?

Jens Baas: Obwohl wir eines der besten Systeme der Welt haben, droht uns die große Gefahr, am Ende hinterherzuhinken. Jeder hat hier Zugang zu einem Facharzt oder zu einem Krankenhaus, wenn er dies braucht. Auch der Leistungskatalog ist riesig im Vergleich zu allen anderen Ländern. In Bezug auf die Digitalisierung nicht den Anschluss zu verlieren ist ein ganz wesentliches Thema für das System. Vielleicht ist sogar die Tatsache, dass wir so ein gutes System haben, ein Grund. Schaut man sich die Gesundheitssysteme an, die heute in der Digitalisierung ganz weit vorn sind, dann sind es diejenigen, die vorher gar nicht funktioniert haben: zum Beispiel in Lettland, Litauen und Estland. Diese Länder hatten als sowjetisches Erbe katastrophale Systeme, mussten bei null anfangen und schauen, wie sie ihr System zum Laufen bekommen. Datenschutz war dabei gut und wichtig – noch wichtiger aber war es, ein effektives System zu haben. Entsprechend liegen diese Länder heute in der Digitalisierung des Gesundheitswesens weit vorn. Deutschland muss aufholen, aber den Datenschutz stärker im Blick behalten.

David Stachon: Mir fallen nicht viele Länder ein, in denen es eine bessere Versorgung im Krankheitsfall gibt als in Deutschland. Vielleicht kann man unserem Gesundheitssystem vorwerfen, dass man bei der Optimierung an der einen oder anderen Stelle etwas Effizienz verlor. Übersetzt heißt das: Wir können nicht das preiswerteste System haben, wenn wir überall Zugang für jeden und nahezu jederzeit bieten. Hier finden wir ein wundervolles Beispiel für die gesamte Digitalisierungsdiskussion in dieser Republik: Unser Systemerbe – auch wenn das System im Grundsatz ja gut ist – behindert den direkten Sprung auf die neueste Stufe der Technologien. Es wird darüber diskutiert, Glasfaserkabel in entlegenere Regionen zu legen, anstatt gleich auf den nächsten Mobilstandard zu gehen – ohne jedes Kabel. Zum Vergleich reicht ein Blick auf die heutigen chinesischen oder indischen Mobilfunkstandards und die daraus resultierenden technologischen Möglichkeiten.

Baas: Und wir diskutieren noch über Gesundheitskarten – eine solche Karte ist heute weltweit keine zeitgemäße Technologie mehr. Sie wird einfach vom Smartphone abgelöst.

Der Chef einer privaten Krankenkasse sagte uns jüngst, dass der Datenschutz hierzulande – bei aller Bedeutung – eine Art Selbstbeschränkung darstellt. Inwieweit hindern wir uns durch unsere strikten Regularien daran, Fortschritte zu machen, obwohl die Voraussetzungen alle gegeben sind?

Baas: Man muss das differenziert betrachten. Datenschutz ist oft gar nicht das Problem, sondern lediglich ein vorgeschobenes Argument. Und zwar für den Interessensschutz – es geht um Einfluss oder die Position einer Organisation. Mit der EU-Datenschutzgrundverordnung können wir eigentlich leben. Es sind nicht die grundsätzlichen Regeln, sondern es ist deren Interpretation. Die wird zum Problem, wenn man die DSGVO regional anpasst und auslegt. Nicht selten stellt sich die Frage, ob diese Interpretation aus dem Schutz der Versichertendaten heraus vollzogen wird – oder eben aus dem Schutz eigener Interessen.

Stachon: Was momentan passiert, ist eine wundervolle Stilblüte des Föderalismus. Nehmen Sie unsere Situation. Wir als Versicherer sitzen in Saarbrücken, die Datenspeicherung erfolgt in Aachen. Jetzt versichern wir jemanden in Brandenburg. Und der hat einen Unfall mit jemandem aus Bayern. Und in jedem Bundesland gibt es eine Datenschutzbehörde, welche die aktuelle Rechtslage anders interpretiert. Fakt ist: Datenschutz muss bundeseinheitlich, eigentlich europaeinheitlich geregelt werden. Das ist zwar Ziel der DSGVO, aber es wird nicht so umgesetzt. Internationale Unternehmen wie Apple, Google und Co. – mit denen wir intensiv zusammenarbeiten – fliehen mit ihren Daten ganz einfach über die Grenze nach Irland.

Teil 1: Nicht Datenschutz sondern Interessenschutz bremst Digitalisierung

Teil 2: Sensible Gesundheitsdaten nicht Google oder Apple überlassen

Teil 3: Data Analytics und Robotik revolutionieren Gesundheitsversorgung

Teil 4: Droht uns eine digitale Zweiklassengesellschaft?

Teil 5: „Doktor Google“ macht Patienten nicht mündiger

Teil 6: Elektronische Gesundheitskarte als Disruption der Gesundheitsbranche

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