Am Anfang war das Wasser

Samstags gibt es Schokolade, am Sonntag steht die Produktion still: Adelholzener gehört einem Orden - und ist einer der erfolgreichsten deutschen Getränkekonzerne.

So etwas wie Quartalsdenken ist Schwester Theodolinde Mehltretter wahrlich fremd. Gerade kommt sie aus einem Gespräch mit einem indischen Priester über ein Hilfsprojekt geeilt, nun sitzt die 68-jährige Generaloberin gut gelaunt in der Ordenskongregation der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul in München. Hinter sich eine geschnitzte Heiligenfigur vom Heiligen Vinzenz, vor sich eine Phalanx von Mineralwasserflaschen und Fruchtsaftschorlen. Natürlich alles von Adelholzener. Lange Jahre hat Schwester Theodolinde den Mineralwasserkonzern selbst geführt, nun lenkt sie die Geschicke aus dem Beirat. Ihre Devise dabei: "Wir denken in Jahrtausenden."

Gerade im süddeutschen Raum ist Adelholzener unter den Markenwässern mit weitem Abstand Marktführer. In dieser Region war vor wenigen Jahrzehnten noch Überkinger das Synonym für Mineralwasser. Die Erfolgsgeschichte endete zwischenzeitlich in der Insolvenz, weil das Unternehmen wichtige Trends wie den Siegeszug der Plastikflaschen verpasst hatte.

Die Ära Überkinger ist lange beendet, nun dominiert Adelholzener, also ausgerechnet ein Unternehmen in Ordensbesitz. Dieser Erfolg, ist Geschäftsführer Stefan Hoechter überzeugt, liegt auch an der besonderen Firmenkultur und Gesellschafterstruktur. "Wir haben einen wunderbaren Gesellschafter. Ein Besitzer, der rein gewinnmaximierend denkt, würde ganz anders vorgehen." 

Auf verschlungenen Wegen geht es zur Firmenzentrale in Bad Adelholzen. In idyllischer Hügellandschaft liegen der Brunnen und die Abfüllerei, durch die Wolken blitzt der Gipfel des 1 674 Meter hohen Hochfelln hervor. Dieser ziert auch - man braucht etwas Fantasie, um ihn zu identifizieren - das Logo von Adelholzener. Die Kongregation hatte 1907 hier ein Schwesternheim erworben, die Quelle mit dem besonders reinen Alpen-Heilwasser gelangte so eher zufällig in ihren Besitz. Füllten die neuen Besitzerinnen anfangs nur ein paar Flaschen ab, entwickelte sich daraus in den folgenden Jahrzehnten ein florierendes Unternehmen. Im vergangenen Jahr wuchs der Umsatz um 3,9 Prozent auf 131 Millionen Euro. Der Absatz legte sogar um mehr als fünf Prozent zu. Zum Vergleich: Der Pro-Kopf-Verbrauch an Mineral- und Heilwasser stieg im vergangenen Jahr in Deutschland um ein Prozent auf 140,2 Liter.

In der Produktionsstätte in Adelholzen deutet zunächst wenig darauf hin, dass es sich um ein Unternehmen handelt, das in Ordensbesitz ist. Im Untergeschoss bei den Labors und in der Kantine hängen Kruzifixe. Doch längst nicht alle Mitarbeiter sind katholisch. "Wir haben auch muslimische Beschäftigte", betont Werksleiter Christian Stephan. Er hatte vor seinem Wechsel bei einem Discount-Unternehmen gearbeitet, bei dem permanent die Kosten gedrückt werden mussten.

Bei Adelholzener sieht das anders aus. Das Essen in der Kantine ist gratis. Brot und Gemüse kommen aus der eigenen Bäckerei und Gärtnerei. Wer samstags arbeiten muss, bekommt seit jeher eine Tafel Schokolade. Neun Kästen "Haustrunk" dürfen die Beschäftigten jeden Monat mit nach Hause nehmen, Betriebsausflüge und Weihnachtsfeiern sind fester Bestandteil des Firmenlebens. "Der Mensch ist das wichtigste Kapital", drückt es Schwester Theodolinde aus. Als sie die Geschäfte noch operativ führte, drückte sie jedem Beschäftigten den Lohnzettel persönlich in die Hand. Bei inzwischen 400 Mitarbeitern ist das nicht mehr möglich. Der Geist aber ist erhalten geblieben. Die Tür der Firmenleitung sei stets offen, sagt eine Mitarbeiterin.

Eine "profunde Wertschätzung der Menschen" sei die Basis aller Arbeit, meint Geschäftsführer Franz Demmelmair. Motivierend für die Beschäftigten sei, dass die Gewinne, die nicht investiert werden, ausschließlich für gute Zwecke genutzt werden. Krankenhäuser und Altenheime profitieren von den sprudelnden Gewinnen bei Adelholzener. Nun ist es nicht so, dass Unternehmen mit einem kirchlichen Eigentümer automatisch besser wirtschaften. Die Pleite von Weltbild hat das gezeigt. Der Verlag hatte beim Sprung ins digitale Zeitalter wichtige Trends zu spät erkannt. Zudem verfolgten die Bistümer höchst unterschiedliche Ziele. Der Streit unter den Gesellschaftern lähmte das Unternehmen.

Einer, der sich mit kirchlichen Unternehmen auskennt, ist Anselm Bilgi. Der frühere Benediktinermönch führte einst als Prior die Geschäfte im Kloster Andechs. Heute ist er Unternehmensberater. "Kirchliche Unternehmen können sehr erfolgreich sein", ist er überzeugt. Die großen Klöster hätten jahrhundertelange Erfahrung mit dem Wirtschaften. Gerade Orden wie im Fall Adelholzener führten Unternehmen oft sehr erfolgreich. "Das liegt daran, dass Orden ganz auf ihren Auftrag hin organisiert sind, ohne unnötige Strukturen." Die Entscheidungen seien kurz, die Abstimmungen effizient. "Ein Orden weiß in der Regel, was er will und was er dazu braucht."

Das können die Adelholzener-Geschäftsführer bestätigen. "Wir können uns ganz auf den Markt konzentrieren", betont Hoechter. Andere Firmenchefs müssten die Hälfte der Zeit damit verbringen, Gesellschafteranfragen zu beantworten und die unterschiedlichen Interessen der verschiedenen Anteilseigner zu berücksichtigen. Adelholzener habe nur einen Eigentümer - und der sei mittel- und langfristig orientiert. Konservativ ist die Ausrichtung aber nun auch wieder nicht, die Bereitschaft zu Investitionen ist groß. "Es ist wichtig, sich ständig weiterzuentwickeln", sagt Schwester Theodora Werner. Die Generalökonomin ist die Vorsitzende des Beirats. So verschloss sich Adelholzener dem Trend zur PET-Flasche nicht. Auf der anderen Seite aber sind alle froh, dass auch die Glasflasche bei Adelholzener in den vergangenen Jahren wieder Anteile zurückerobert hat.

Die Bedeutung von Markenpflege haben sie bei Adelholzener früh erkannt. Den Kampf mit den Discount-Wässern wollen sie im Chiemgau gar nicht erst aufnehmen. Stattdessen wird intensiv in Werbung und Markenpflege investiert. Das Adelholzener-Logo ziert seit Jahrzehnten unzählige Straßenbahnen und Busse, zudem ist das Wasser Sponsor des FC Bayern. Schwester Theodolinde schoss publikumswirksam mit den Fußballern des Rekordmeisters auf die Torwand.

Auch bei der Produktpalette zeigt sich die Innovationsbereitschaft der Schwestern. Während Wettbewerber im Premiumsegment wie zum Beispiel Gerolsteiner primär aufs Wasser setzen, reicht das Angebot bei Adelholzener vom Mineralwasser mit Lemon-Geschmack über die Johannisbeer-Schorle bis zur Alpen-Cola. Besonders stolz sind sie in Adelholzen auf die vor allem bei Jugendlichen beliebte Marke "Active O2". Das Wasser, dem Sauerstoff zugesetzt wird, verkauft sich auch im Mittleren Osten besonders gut. In den vergangenen Jahren profitierte Adelholzener vom Boom des Biosegments. Zudem sind regionale Produkte im Zeitalter der Globalisierung wieder stärker gefragt. Auch Papst Benedikt XVI. ließ sich Wasser aus seiner Heimat im Chiemgau in den Vatikan liefern. Auf vier Grundpfeilern ruht laut Schwester Theodolinde die Unternehmensführung. "Tradition, Innovation, Kommunikation und Vision" seien für den wirtschaftlichen Erfolg entscheidend. Wenn diese Säulen stehen, kann es noch sehr lange aufwärtsgehen mit dem Unternehmen.

 

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