Vordenker Software: „Eine Behörde ist Kein Start-up”

Digitalisierung auf Staats- und Verwaltungsebene

Der Umstieg auf eine digitale Verwaltung erfordert in Deutschland eine länderübergreifende Zusammenarbeit. Laut Ole Behrens-Carlsson von der Schütze AG sind dabei Zuverlässigkeit und Sicherheit primäre Ziele dieser Digitalisierung.

Ole Behrens-Carlsson: Der diplomierte Wirtschaftsinformatiker und Betriebswirt ist seit 2016 CEO der Schütze AG
Ole Behrens-Carlsson:
Der diplomierte Wirtschaftsinformatiker und Betriebswirt ist seit 2016 CEO der Schütze AG (Foto: JDB MEDIA/Philipp Möller)

Digitale Agilität in der öffentlichen Verwaltung? Das ist möglich, sagt Ole Behrens-Carlsson, CEO des IT-Unternehmens Schütze. Allerdings nicht von heute auf morgen. Denn die festen, verlässlichen Arbeitsweisen und -prozesse müssen schrittweise und mit viel Feingefühl an eine flexible Umwelt angepasst werden.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Estland gilt als Vorreiter bei der Digitalisierung der Verwaltung. Was können wir von dem baltischen Staat lernen?

Ole Behrens-Carlsson: Estland ist das Paradebeispiel einer konsequenten und bedarfsorientierten Innovationsförderung auf Staats- und Verwaltungsebene. Beeindruckend ist auch die positive Einstellung der estnischen Bürger zu Digitalisierungsthemen. Es ist schön zu beobachten, wie eine Regierung durch technologische Kompetenz und Transparenz Vertrauen schafft. Auf diese Weise fällt es einer Gesellschaft leichter, den Mut zum Experimentieren mit ihrer Identität aufzubringen und zu einer digitalen Gesellschaft zu werden. Falsch wäre es, hieraus eine negative Bilanz für Deutschland zu ziehen. Vollkommen andere Dimensionen bei Größe und Einwohnerzahl sowie eine föderale Struktur schaffen grundlegend andere Voraussetzungen für Digitalisierungsthemen. Gleichzeitig möchte der Deutsche seine persönlichen Daten oft lieber sicher auf Papier wissen. Das Datenschutzverständnis ist auf Bürgerebene ein anderes – noch.

Ist die föderalistische Struktur Deutschlands also ein Hindernis?

Behrens-Carlsson: Unsere dezentrale Staatsorganisation ist gleichermaßen Chance wie Herausforderung. Ziel der modernen Verwaltung ist es unter anderem, die staatliche Handlungsfähigkeit durch eine Zentralisierung von Datensätzen zu erhöhen. Zugleich muss dem Lokalitätsprinzip Rechnung getragen werden. Problematisch ist, dass sich die Länder in sehr unterschiedlichen Stadien befinden. Während zum Beispiel Bremen und Sachsen weit sind, machen andere gerade die ersten Gehversuche in digitalen Kinderschuhen. Diese Unterschiede muss der Bund durch einheitliche Rahmenbedingungen ausgleichen und dafür sorgen, dass jedes Bundesland an seinem Status quo abgeholt wird. Daneben müssen sich Behörden länderübergreifend verbinden, in einen fortwährenden Dialog treten und die Zentralisierung vorantreiben.

Welche Länder, Städte oder Kommunen haben bereits E-Government-Projekte gestartet, die Vorbild für andere sein können?

Behrens-Carlsson: Ein Beispiel für die Bund-Länder-Zusammenarbeit ist das Kooperationsprojekt E-Rechnung. Hier durften wir als fachlicher Berater den Bund und das Land Bremen begleiten und erleben, wie die Einführung der E-Rechnung gemeinsam und länderübergreifend vorangetrieben wurde. Auf Länderebene wähle ich bewusst Berlin als Beispiel für innovative E-Government-Projekte aus. Trotz seines schlechten Rufs, sich nur schwer von bestehenden Verwaltungsprozessen loszueisen, hat Berlin mit dem Projekt „eGovernment@School“ eine der modernsten Plattformen im staatlichen Bereich Bildung, Jugend und Familie geschaffen.

Wie muss sich die Infrastruktur hierzulande verändern, um die flächendeckende Digitalisierung in der Verwaltung zu ermöglichen?

Behrens-Carlsson: Das Thema ist so alt wie manche Internet-Zugänge. Insbesondere in ländlichen Regionen stockt der Digitalausbau. Vielerorts besteht keine ausreichende Versorgung der Haushalte mit Breitbandanschlüssen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Technologie-Infrastruktur mit zunehmender Vernetzung und dem Internet der Dinge. Um den digitalen Fortschritt nicht auszubremsen, muss hier bedarfsorientiert nachgerüstet werden.

Teil 1: Digitalisierung auf Staats- und Verwaltungsebene

Teil 2: E-Government und Datenschutz