„Steilere Lernkurven“

Datenanalyse von Flugzeugtriebwerken

Von der Lieferkette bis zum digitalen Zwilling: Reiner Winkler, Chef von MTU Aero Engines, sieht in seinem Unternehmen viele Ansatzpunkte für Veränderung.

Reiner Winkler ist seit 2001 bei der MTU Aero Engines AG tätig. Ab 2005 war der Diplom-Kaufmann Finanzvorstand, 2014 hat er den Vorstandsvorsitz übernommen.
Reiner Winkler:
Der Diplom-Kaufmann ist seit 2001 bei der MTU Aero Engines AG tätig. Ab 2005 war er Finanzvorstand, 2014 hat er den Vorstandsvorsitz übernommen (Foto: PR)

Was für seine Mitarbeiter heute unerlässlich ist? Digitalkompetenz, sagt Reiner Winkler, Vorstands-Chef von MTU Aero Engines. Das zeigt sich schon daran, dass bei dem Hersteller von Flugzeugtriebwerken rund 300 Digitalisierungsprojekte umgesetzt werden.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Womit haben Sie sich in Ihrem „Digital Transformation Program“ bereits beschäftigt? Was planen Sie noch?

Reiner Winkler: Die größten Chancen sehen wir in der Datenanalyse. Für die Instandhaltung haben wir ein System entwickelt, das im Flug erfasste Daten nutzt, um den Zustand von Triebwerken zu überwachen. Damit erkennen wir Wartungsbedarfe – lange bevor sie den Flugbetrieb stören oder aufwendige Reparaturen nach sich ziehen. Der digitale Zwilling eines realen Triebwerks soll künftig sämtliche Daten integrieren und so über die Lebensdauer hinweg wichtige Rückschlüsse zulassen. In der Lieferkette wollen wir durchgängige Transparenz erreichen, um auf Veränderungen sofort reagieren zu können. Und für unsere Mitarbeiter in Deutschland haben wir bereits eine Plattform zur Buchung von Trainings eingerichtet. So kann jeder seine Weiterbildung proaktiv in die Hand nehmen.

Wie haben sich die Anforderungen an Ihre Mitarbeiter im Zuge der Digitalisierung verändert?

Winkler: Bei der Einstellung neuer Mitarbeiter achten wir verstärkt darauf, dass sie einen hohen Grad an Prozessdenken und IT-Affinität mitbringen, unabhängig vom Tätigkeitsfeld. Zudem helfen wir allen Mitarbeitern, ihre Digitalkompetenz auszubauen. Führungskräfte sollen digitale Themen noch besser beurteilen und alle Angestellten sollen souverän mit modernen Systemen umgehen können. Erst dann wird jeder die Möglichkeiten der Digitalisierung aktiv nutzen können.

Wie motivieren Sie Ihre Mitarbeiter, die Transformation aktiv mitzugestalten? Wie fördern Sie den Innovationsgeist?

Winkler: Innovation ist in unserer Branche ein ständiger Begleiter, vor allem mit Blick auf unsere Produkte. In der Digitalisierung ist es nun entscheidend, dass Fachbereiche und IT eng miteinander vernetzt an Prozessveränderungen arbeiten. Wir setzen hier auf starke Tandems aus den Fachbereichen, die für ihre tägliche Arbeit Chancen in der digitalen Transformation sehen – und unterstützen diese mit entsprechender IT-Kompetenz. Um das digitale Wissen in Entwicklung, Fertigung und Verwaltung zu stärken, holen wir derzeit über 20 Experten an Bord, die eben nicht in der IT, sondern in der industriellen Praxis verankert sein werden.

Deep Learning für schnellere Analysen

Es heißt, wer sich dem Wandel nicht stelle, laufe Gefahr, disruptiert zu werden. Sehen Sie das Risiko in Ihrer Branche ebenfalls?

Winkler: Rund um die Welt denken Technologiepioniere über alternative Antriebe nach. Anstelle der Verbrennung fossiler Brennstoffe suchen sie nach Möglichkeiten, nichtfossile Treibstoffe oder Strom zu nutzen. Bisher stehen dabei nur Kleinflugzeuge im Fokus. Doch 2021 soll ein 19-Sitzer mit hybridelektrischem Antrieb abheben. Das wollen wir in einer Interessengemeinschaft mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, RUAG Aviation und Siemens mit der robusten „Dornier 228“ als Versuchsträger erproben.

Hat sich die Entwicklung von Triebwerken verändert?

Winkler: Sie ist schneller geworden, unsere Lernkurven sind entsprechend steiler. Digitale Werkzeuge sind dafür unverzichtbar. Beispielsweise sind computergestützte Simulationsverfahren nicht mehr wegzudenken. Dadurch können wir früh in der Entwicklung vieles simulieren, was wir sonst später aufwendig in realen Tests prüfen müssten. Auch bei der Einführung neuer Produktionsverfahren oder Werkstoffe kommt Simulationen eine Schlüsselrolle zu.

Wie binden Sie Künstliche Intelligenz ein?

Winkler: Wir wollen Mitarbeiter von sich wiederholenden Routine-Aufgaben entlasten und ihnen mehr Möglichkeiten geben, sich auf interessante, wertschöpfende Aufgaben zu konzentrieren. Reine Datenverarbeitung und Analysen, zum Beispiel von Werkstoffen, können wir vielfach intelligenten Systemen überlassen. So nutzen wir Deep Learning, um große Mengen Metallografiebilder deutlich schneller zu analysieren. Die Gestaltung der Prozesse sowie die Interpretation der Ergebnisse ist aber die menschliche Leistung, für die wir weiterhin qualifizierte Mitarbeiter brauchen.

Laut dem „Tech Trends Report“ des Future Today Institute ist China das Land, das die digitale Transformation der Wirtschaft derzeit besonders vorantreibt. Ein Vorbild? Wenn ja, in welcher Hinsicht? Und wo steht Deutschland im Vergleich?

Winkler: Erst vor Kurzem konnte ich mir in China ein Bild davon machen, wie engagiert Innovationen vorangetrieben werden. Da können wir in Europa sicher noch einen Gang zulegen, vor allem mit Blick auf die Rahmenbedingungen. Wir müssen Wege finden, dass sich auch im industriellen Umfeld gerade geistige Arbeit zeitlich deutlich flexibler gestalten lässt, zumal sie weniger an einen Ort gebunden ist. Da sollte es Arbeitnehmern möglich sein, ihre wöchentliche Arbeitszeit freier als heute selbst einteilen zu können – getreu dem Motto „Being agile in a robust framework“.

Nach oben

Das interessiert andere Leser

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen
Jetzt Newsletter bestellen
DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis

Was Unternehmer wissen müssen

DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis

Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick

Das interessiert andere Leser