Hamburg, 19.05.2017

Teil 2: Deutschland – König der Optimierer

Arno Walter: Seit März 2015 ist Arno Walter Vorstands­vorsitzender der comdirect bank AG. Neben Corporate Strategy & Consulting verantwortet er Unternehmenskommunikation, Business ­Development & Innovation Management, Revision sowie Treasury & Business Partners (Foto: PR/comdirect Bank AG)

Beim Thema „Trial and Error“-Kultur gibt es – wenn man den offiziellen Statements vieler Unternehmenslenker Glauben schenken mag – ein Umdenken ...
Walter:
Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem gesprochenen Wort und der tatsächlichen Akzeptanz. Wir haben die Devise, „Fehler müssen passieren können, nur aus Fehlern lernt man“, bei comdirect bereits vor Jahren ausgegeben, und ich habe ihr persönlich zuletzt auch noch einmal Nachdruck verliehen. Denn am Ende hat keiner von uns das Laufen einfach so gelernt, sondern nur durch das Hinfallen. Allerdings tun sich viele Menschen hierzulande schwer, etwas anzufangen, das dann scheitert. Das ist gesellschaftlich stark verankert. Insbesondere das „Fail-Fast-Prinzip“ widerstrebt uns Deutschen als Könige der Optimierer. Die Denke ist noch viel zu oft: „Vielleicht lässt sich die Idee ja doch noch retten.“ Zu einer Veranstaltung unserer Tochtergesellschaft ebase hatten wir im vergangenen Jahr einen ITler im Alter von Anfang dreißig eingeladen, der den anwesenden Vermögenverwaltern die Blockchain erklären sollte. Der hatte nach seinem Studium in München viele Ideen im Kopf, die er aber erst realisieren konnte, nachdem er ins Silicon Valley ausgewandert war. Zwar sind die Start-ups, die er dort gründete, allesamt gescheitert, aber sie führten ihn dann zu seiner neuen Aufgabe, in der er heute sehr erfolgreich tätig ist. Ich finde es schade, dass solche Menschen aus Deutschland auswandern. Die Wirtschaftslenker sprechen zwar von einer Kultur der Fehlerakzeptanz, aber in der breiten Bevölkerung ist das noch nicht Konsens.

Welches Geschäftsmodell beeindruckt Sie mit seiner Zukunftsfähigkeit?
Walter:
Zum Beispiel das von Amazon. Die Entwicklung vom Online-Buchhandel zum Anbieter von Logistik und Cloud-Services ist beeindruckend. Diese habe ich von Beginn an – auch als Kunde – verfolgt. Ich finde es faszinierend, wieviel dort ausprobiert wird. Amazon-Gründer Jeff Bezos hat auch in Zeiten einer drohenden Pleite stets neue Wege gefunden. Das gleiche gilt für Richard Branson und Virgin. Als Entrepreneur muss man neuen Ideen offen gegenüberstehen und eine Faszination für Innovationen empfinden. Das hat auch mich mein Leben lang begleitet. Als deutsches Unternehmen mit beispielhafter Zukunftsaufstellung betrachte ich SAP. Mit dem Wechsel auf die cloud-basierte Datenbank-Lösung HANA hat SAP im vergangenen Jahr den „Game Changer Award” in der Kategorie Produkt- und Serviceinnovation gewonnen. Anfangs zweifelten viele, ob sie sich durchsetzt. Heute aber ist es das am schnellsten wachsende Produkt im Haus. Die SAP-Standard-Software war schon vor Jahren bahnbrechend und auch damals hatten sich alle gefragt, ob so etwas „made in Germany“ überhaupt funktionieren kann. Heute ist SAP ein Weltkonzern und hat es jetzt noch einmal geschafft, sich auf die nächste Ebene zu katapultieren. Das Geschäftskonzept ist vorbildlich auf die Zukunft ausgerichtet. Ob in der digitalen oder nicht-digitalen Ökonomie – es gilt: Ein Unternehmen muss sich stets selbst in Frage stellen, denn es gibt nicht mehr nur dieses eine Erfolgsmodell. Wir alle wissen nicht, was in fünfzehn Jahren sein wird. Am Ende aber werden einige den Sprung nicht geschafft haben. Siehe das Beispiel Yahoo.

 

Teil 1: Ende der Dummheit

Teil 2: Deutschland – König der Optimierer

Teil 3: „Wir haben den Bankkunden emanzipiert“

Teil 4: „In einigen Jahren werden nicht mehr so viele der heutigen Fintechs existieren.“

Teil 5: „Banker aus Leidenschaft“

 

 

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