„Urlaub ist überflüssig“

Martin Kind spricht Klartext.Beim DUB UNTERNEHMER-Dinner nahm der Hörgeräte-Magnat und Hannover-96- Boss zu den Themen Erfolg, Nachfolge und Fußball kein Blatt vor den Mund.

Arbeit ist das halbe Leben, heißt es. Bei Martin Kind nimmt sie auch die andere Hälfte ein. Der Familienunternehmer führt die Geschäfte des Hörgeräte-Akustikherstellers Kind mit Leidenschaft. Zugleich engagiert er sich als Entrepreneur in den Branchen Immobilien, Hotellerie sowie Arbeitssicherheit und hält Beteiligungen. Quasi im Nebenberuf fungiert Kind als Präsident des Fußballbundesligisten Hannover 96. Jedes Engagement für sich genommen reicht bereits aus, um den Arbeitstag zu füllen. Doch Kind klagt nicht. Im Gegenteil. Arbeit ist für den 70-Jährigen offenbar ein Jungbrunnen. Seit Jahrzehnten ist sein Wirken von Erfolg geprägt – und von einer klaren Kante.

Was sein Erfolgsrezept in Business und Ballsport ist und wie sein unternehmerisches Erbe aussieht, verriet der Niedersachse ohne Blatt vor dem Mund auf dem dritten Unternehmer-Dinner, veranstaltet vom DUB UNTERNEHMER-Magazin und dem Netzwerk Entrepreneurs’ Organization (EO). Im Spiegelsaal des Hamburger „Hotels Atlantic“ stand Kind Herausgeber Jens de Buhr und Chefredakteur Thomas Eilrich im öffentlichen Interview Rede und Antwort.

DUB UNTERNEHMER-Magazin:Sie gelten als unermüdlicher, akribisch arbeitender Unternehmer. Welche Rolle spielt Urlaub in Ihrem Leben?

Martin Kind: Keine. Ich brauche keinen Urlaub. Ich arbeite gern und empfinde das nicht als Belastung. Man stirbt nicht daran, man wird im Gegenteil sehr alt damit. Meine Arbeit macht mir Spaß, ich kann gestalten und entscheiden. Im Ergebnis ist Arbeit für mich die Sonnenseite des Lebens. Außerdem hat mir der liebe Gott gute Gene gegeben – in den vergangenen 45 Jahren war ich nie krank. Ärzte haben mir bei einem Gesundheitscheck gesagt, ich würde 104 Jahre alt werden. Ich bin rundum zufrieden, vielleicht ist das der Grund für meine Gesundheit.

Neben der Hörgeräte-Branche sind Sie in diversen anderen Bereichen unternehmerisch aktiv. Zudem führen Sie den Bundesligisten Hannover 96 – reicht Ihnen eine Herausforderung nicht?
 
Kind: Das Leben ist bunt. Wenn man aktiv durchs Leben geht, viele Gespräche führt und vor allem auch zuhört, lernt man unglaublich viel. So bekommen Sie vielfältige Informationen, die zum Nachdenken anregen. Als Unternehmer setzt an sich dann mit den Optionen auseinander.

Gibt es ein übergreifendes Erfolgsrezept?

Kind: Wenn ich etwas mache, dann will ich es verstehen. Das heißt im Umkehrschluss: Ich muss mich einarbeiten, und zwar tief. Ich will in meinen unternehmerischen Entscheidungen nicht manipuliert werden können. Die Branche ist eigentlich nicht entscheidend. Es geht immer nur um den zufriedenen Kunden. So einfach ist Erfolg.

Mussten Sie bei manchem Engagement auch Lehrgeld zahlen?

Kind: Das gehört dazu. Wichtig ist, dass man Fehler erkennt, sie eingesteht und korrigiert. Die Kraft zu haben, zuzugeben, dass man sich geirrt hat, und dann Konsequenzen zu ziehen, ist eine Stärke.

Ärgern Sie sich, nicht in der Drogerie-Branche aktiv zu sein wie Ihr Freund und Nachbar Dirk Roßmann?

Kind: Ich sage immer plakativ: Mit Rasierwässerchen und Cremes macht Dirk Roßmann fast sieben Milliarden Euro Umsatz. Sein Geschäftsmodell ist der reine Handel. Ware gegen Geld. Das Geld kommt sofort in die Kasse. Abends zeigt das EDV-System, wie viel Umsatz gemacht wurde, die Bestandsfortschreibung ist erfolgt, die Erlöskonten sind angesprochen, abends weiß man, was man verdient. Die Herausforderung: Man muss immer besser sein als die Wettbewerber. Das Geschäft mit Hörgeräten im Gesundheitsmarkt ist dagegen wesentlich komplexer und komplizierter.

Welche Eigenschaften teilen erfolgreiche Unternehmer wie Sie oder Dirk Roßmann?

Kind: Entweder man hat das unternehmerische Gen oder eben nicht. Lernen lässt sich das nicht, auch nicht über ein Studium. Zu solchen Eigenschaften gehören Leidenschaft, Engagement, Marktorientierung, Innovationskraft, Kreativität, Bauchgefühl und die Fähigkeit, zur richtigen Zeit die richtigen Mitarbeiter für die richtige Aufgabe zu finden. Wichtig ist auch, ihre Potenziale zu erkennen, sie zu fordern und zu fördern, aber ihnen zugleich Freiräume zu geben, um sich zu entwickeln. Führung bedeutet für mich aber auch immer, eine Vorbildfunktion einzunehmen. Man sollte von anderen keine Dinge erwarten, die man nicht selbst zu leisten bereit ist.

Es heißt, Sie haben sich mit Börsenspezialisten unterhalten. Wann gibt es ein Going Public?

Kind: Bei Erfolg klopfen Analysten automatisch an – bringen jede Menge Ratschläge und Empfehlungen mit. Kind Hörgeräte ist ein Familienunternehmen und soll es bleiben. Klar könnten wir schneller wachsen, wenn wir an die Börse gingen. Mein Sohn Alexander und ich haben uns entschieden, so weiterzuwachsen.

Sollen Ihre Söhne in Ihre Fußstapfen treten?

Kind: Meine Söhne sind 41 und 38 Jahre alt. Es stand immer fest: Sie lernen den Beruf, den sie lieben. Gefordert habe ich nur, dass sie ihr Abitur machen. Meine Philosophie: Das Fundament für beruflichen Erfolg sind Leidenschaft und Freude. Mein ältester Sohn wollte nach seiner Promotion in meine Fußstapfen treten. Er macht einen Superjob – wird akzeptiert, weil er eine hohe Wissenskompetenz hat. Mein jüngerer Sohn Matthias hat sich für das Musikbusiness entschieden. Er ist nach dem Abitur nach New York gegangen, um sich dort durchzuschlagen. Heute lebt er in Berlin und ist erfolgreich.

Das Thema Nachfolgeregelung stellt viele Familienunternehmer vor große Herausforderungen. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Kind: Mit meinem Berater habe ich den Erbübergang mehrfach diskutiert und ein Konzept erarbeitet. In der Zwischenzeit habe ich mich mit meinen Söhnen getroffen, um ihnen meine Überlegungen darzustellen. Ich werde klare Entscheidungen treffen. Die einzelnen Unternehmen werden jeweils zu 100 Prozent auf meine Söhne übertragen werden. Eventuelle Differenzen werden ausgeglichen. Beiräte werden gegründet.

Die Frage der Bewertung ...

Kind: ... der Aufteilung sehe ich differenziert: Klar, Kind Hörgeräte ist attraktiv. Doch gibt es in innovationsgetriebenen Branchen beträchtliche wirtschaftlichen Risiken. Der andere Vermögensteil setzt sich vornehmlich aus Substanzwerten wie etwa Immobilien zusammen – mit geringerem Ertragswert, aber deutlich mehr Sicherheit.

Sie sind gerade 70 Jahre alt geworden. Wollen Sie in Rente gehen?

Kind: Fürs Erste habe ich noch genug zu tun. Dennoch – es ist faszinierend, was es an spannenden Start-up-Unternehmen und neuen Ideen gibt, die an uns herangetragen werden. Allerdings habe ich noch nicht festgelegt, wohin die Reise geht. Ich stehe unter keinem Zeitdruck.

Haben Sie sich auch mal das Angebot unserer Deutschen Unternehmerbörse angesehen?

Kind: Ja, auf DUB.de war ich auch. Ein tolles Angebot vor allem für Manager, die sich als externer Nachfolger selbstständig machen wollen. Ich bin neugierig und schaue mir alles an.

Zurück zu Kind Hörgeräte. Sie produzieren weiterhin in Deutschland. Wie lange noch?

Kind: Keine Frage, es wird es immer schwieriger, „made in Germany“ zu produzieren. Die Zukunft heißt „engineered in Germany“, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir investieren zwar weiter in Deutschland. Unsere Vorteile sind da hohe Automatisierung und großes Fachwissen. Langfristig werden wir uns aber hierzulande auf die Forschung und Entwicklung konzentrieren müssen.

Kommen wir zum Fußball. Seitdem Sie es geschafft haben, die 50+1-Regel zu verändern, sind Sie für manchen Sportjournalisten und Fan eine Art Buhmann. Wie leben Sie mit dem Gegenwind?

Kind: Gewisse Sportjournalisten haben die 50+1-Regelung und deren Konsequenzen immer noch nicht begriffen. Hier wird viel schwarz-weiß gemalt, von Scheichs gesprochen, die Clubs komplett aufkaufen. Das ist weltfremd. Ein Scheich fällt ja als Anteilseigner nicht vom Himmel, sondern es muss auch einen Verein geben, der Anteile abgeben will. Was den Gegenwind angeht, so verspüre ich den Reiz, mich diesem zu stellen. Ist es möglich, unternehmerisches Denken auf den Fußball zu übertragen? Kind: Das Produkt ist anders. Fußball ist nun einmal sehr öffentlich und sehr emotional. Alles andere aber sind rein wirtschaftliche und organisatorische Fragestellungen, die eins zu eins mit der unternehmerischen Denkweise korrespondieren. Wir investieren ja nicht 20 Millionen in der Hoffnung, dass sich alles schon zum Guten wenden werde. Jedes Investment folgt Zielen. Hannover 96 wollte in den europäischen Wettbewerb kommen. Das ist uns einige Jahre in Folge gelungen, diese Saison leider nicht. Wir mussten sogar wenige Spieltage vor Schluss um den Klassenerhalt spielen. Eine Herausforderung, die wir gemeistert haben. In der Krise gilt das Top-down-Prinzip: Dann ist vor allem die Führung gefordert. Sie muss stabil stehen, Zeichen setzen, klare Entscheidungen treffen und deutliche Vorgaben machen.

Experten rechnen mit Investitionen von 300 Millionen Euro, um in der Champions League eine Rolle zu spielen. Sparen Sie schon dafür, den Schritt in die Königsklasse zu machen?

Kind: Nein, da bin ich realistisch. Dazu fehlt Hannover als Standort die Finanzkraft – Städte wie etwa Hamburg haben sie. Die Hansestadt hat das Vierfache an Einwohnern und viel größeres wirtschaftliches Potenzial. So eine Stadt kann solche Ziele angehen, wenn man vorher seine Managementprobleme in den Griff bekommt.

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