„Profit allein kann nicht das Ziel sein“

Oke Göttlich, Musikunternehmer und Präsident des Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli, schwimmt gern gegen den Strom. Vermarktungsdruck will er mit Basisdemokratie begegnen, Kult und Kommerz mit Glaubwürdigkeit kitten. Ein Gespräch bei Bier und Stullen.
Oke Göttlich (Foto: Witters)

"Hart in der Sache, aber weich am Menschen.“ Das ist gute Führung, wie Oke Göttlich sie versteht. Der Präsident des etwas anderen Fußballklubs FC St. Pauli sowie Gründer und General Manager des Online-Musikvertriebs für Independent-Bands finetunes war Gast beim zweiten „Stammtisch”-Event des DUB UNTERNEHMER-Magazins. Im Austausch mit Chefredakteur Thomas Eilrich und den Stammtisch-Gästen ist das „Du” von Beginn an gesetzt. Göttlich steht für Unkonventionalität und Überzeugung. Ein offenes Gespräch über etwas andere Erfolgsfaktoren.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Führst du Unternehmen und Verein mit Gewinnerzielungsabsicht?
Oke Göttlich: In beiden Fällen gilt: Profitmaximierung darf nicht das Hauptziel sein. Es geht darum, ein Ziel mit Leidenschaft zu verfolgen. Man sollte zu hundert Prozent davon überzeugt sein, was man tut, und die Aufgaben beseelt angehen. Diese Art der Hingabe ist für mich die Grundvoraussetzung dafür, um Erfolg zu haben.

Wie lässt sich der unkonventionelle FC St. Pauli in seiner Vielfalt professionell managen?
Göttlich:
Darin liegt kein Widerspruch. St. Pauli ist einer der wenigen Vereine in den ersten zwei Profiligen, bei dem Präsidium beziehungsweise Vorstand unentgeltlich arbeiten. Trotzdem sind fähige Leute am Werk. Und nur weil wir Dinge anders machen, heißt das nicht, dass wir nicht professionell handeln. Das müssen wir schon, um in der Zweiten Liga bestehen zu können.

Gelingt der Spagat zwischen Kult und Kommerz?
Göttlich:
Der Kitt zwischen Kult und Kommerz ist Glaubwürdigkeit.
St. Paulis Selbstverständnis ist, antirassistisch, antisexistisch zu sein.
Wir sind ein Klub, der gegen Homophobie und die Ausgrenzung von Benachteiligten eintritt. Wir sind zugleich ein mitgliedergeführter, stadtteilbezogener Verein, der sagt: „Politik gehört in den Sport”. Wir fördern zudem zahlreiche soziale Projekte im Stadtteil. Doch auch wir müssen Geld verdienen. Wir vermarkten uns, stellen aber sehr hohe Ansprüche an unsere Partner – so zum Beispiel an unseren Ausrüster etwa in Bezug auf die Produktionsbedingungen.

Kann sich der Klub langfristig der Kommerzialisierung im Profifußball und dem dadurch steigenden Wettbewerbsdruck entziehen?
Göttlich:
Wir begegnen dem Wettbewerbsdruck mit Basisdemokratie – und das funktioniert gut. Dazu gehört, dass wir unsere Sponsoren sorgsam auswählen. Wir sind nicht für jeden zu haben. Dieser bewusste Verzicht lädt wiederum die Marke auf.

Die Nische als Geschäftsmodell.
Göttlich:
Auf eine Art schon. Aber: Erfolgreich ist nur, wer für etwas steht – ob im Fußball oder in anderen Branchen. Trotzdem ist es leider so, dass es für kleinere Vereine immer schwieriger wird, sich in der Ersten oder Zweiten Bundesliga zu etablieren.

Du sprichst von der Verteilung der TV-Gelder ...
Göttlich:
... so ist es. Kleinere Vereine sind im Vergleich zu den größeren heute deutlich schwächer gestellt als noch vor 15 Jahren. Die Verteilung der TV-Gelder, bei der die auf den vorderen Tabellenplätzen stehenden Klubs ein überdimensional großes Stück vom Kuchen abbekommen, zementiert diese finanzielle Ungleichheit. Ein weiteres Beispiel: Früher erhielten Vereine nach einem bestimmten Schlüssel Transferausgleichszahlungen, wenn sie einen Spieler abgeben mussten. Der Schlüssel berücksichtigte die Wirtschaftskraft. Vereinfacht gesagt erhielten kleinere Vereine mehr Geld als größere. Solche Mechanismen gibt es leider immer weniger. Aber wir arbeiten daran, das zu ändern, und sind auch nicht allein.

Dennoch: Wie geht St. Pauli mit den schwieriger gewordenen Rahmenbedingungen um?
Göttlich:
Wir bauen Stück für Stück tragfähige Strukturen auf. So stecken wir die Transfererlöse kaum in die neue Mannschaft, sondern fast ausschließlich direkt in die Infrastruktur. Natürlich möchten wir wieder in die Erste Liga aufsteigen. Aber dafür gibt es keinen starren Zeitplan. Im Fußball ist es sowieso sehr schwierig, langfristig zu planen. Das liegt einfach daran, dass ein Tor in einem Spiel über mehrere Tabellenplätze entscheiden kann

Mit dem neuen TV-Vertrag enteilt die britische Premier League der Bundesliga weiter. Eine Gefahr?
Göttlich:
Finanziell gesehen ist sie längst uneinholbar enteilt. Trotzdem sind die englischen Vereine bislang international im Großen und Ganzen doch grandios unerfolgreich. Das zeigt: Aus teuren Einzelspielern wird nicht unbedingt eine gute Mannschaft. Problematischer wäre es, wenn die britischen Klubs Athletiktrainer, Mediziner oder Sportmanager der Bundesligaklubs abwerben würden. Das ginge an die Substanz der deutschen Profivereine. Mit Blick auf die Premier League befürchte ich aber, dass die Kommerzialisierung weiteren „Plastikfußball” mit dem vermeintlich höchsten Vermarktungspotenzial, aber ohne Verankerung hervorbringen wird. Dabei gibt es – dort wie hier – eine große Lust auf regionalen Fußball. Weil die Fans dort ein Stück Authentizität und Ursprünglicheit finden, das sie in den höheren Ligen zunehmend vermissen.

Wie unterscheidet sich die Führung des Vereins von der deines Unternehmens?
Göttlich:
In beiden Fällen gibt es eine entscheidende Komponente: Haben die Menschen in den maßgeblichen Positionen Lust, etwas miteinander auf die Beine zu stellen? Und schaffen es die Menschen in den Führungspositionen, die Mitarbeiter – respektive die Anhänger – zu begeistern und mitzunehmen? Das gelingt am besten, wenn dir das, was du tust, sinnvoll erscheint und du klar aufzeigst, wohin du möchtest. Dafür ist ein intensiver Dialog ungeheuer wichtig. Ein Unterschied: Beim Fußball ist jedoch das Besondere, dass du permanent im Fokus der Öffentlichkeit stehst. Das ist so, also hättest du jede Woche eine Bilanzpressekonferenz.

Die Musikindustrie hat die Digitalisierung bereits hinter sich, finetunes profitiert davon. Welche Lehren lassen sich aus dieser Transformation ziehen?
Göttlich:
Die Herausforderungen der Musikindustrie im Rahmen der Digitalisierung sind vergleichbar mit dem drohenden Abstieg eines Vereins, bei dem du viele Dinge nicht mehr selbst in der Hand hast. Das sind existenzielle Fragen. Man wird dazu gezwungen, eine maximale Krise durchzustehen. Das geht nur, wenn du Menschen um dich herum hast, die mit dir durchs Feuer gehen. So hat die Musikindustrie schon sämtliche Online-Bezahlmodelle ausprobiert, als Verlage und die Filmbranche noch zauderten. Die, die überleben wollten, mussten etwas wagen und zugleich ihren Überzeugungen treu bleiben. Und richtig: Wir waren Profiteur. Da zeigt sich: Unkonventionell zu sein und gegen den Strom zu schwimmen ist die Keimzelle vieler unternehmerischer Erfolge.

Mehr unter fcstpauli.com

Das interessiert andere Leser

  • COVID-19-Insolvenz-Aussetzungsgesetz
    Umfangreicher Insolvenzschutz, aber nicht für alle

    Der Bundestag hat ein Gesetz zur vorübergehenden Aussetzung von Insolvenzantragspflichten beschlossen. Was beinhaltet das COVID-19-Insolvenz-Aussetzungsgesetz und wem hilft es?

  • Kurzarbeit in der Corona-Krise
    Kurzarbeit in der Corona-Krise

    Arbeitgeber und Unternehmer stehen vor großen Herausforderungen. Welche rechtliche Grundlage muss geschaffen werden und welche Schritte sind notwendig um das Kurzarbeitergeld zu beantragen?

  • Corona-Virus: Steuerliche Maßnahmen bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten
    Corona-Virus: Steuerliche Maßnahmen bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten

    Die Corona-Pandemie setzt die deutsche Wirtschaft zunehmend unter Druck. Welche steuerlichen Hilfsmaßnahmen hat die Bundesregierung getroffen und wie sehen diese im Detail aus?

  • Förderkredite: ein Weg für Unternehmen aus der Corona-Krise?
    Förderkredite: ein Weg für Unternehmen aus der Corona-Krise?

    Welche Kreditformen es gibt und wie sie für Ihr Unternehmen die nötige Liquidität sicher stellen.

  • Corona-Krise – welche Hilfsangebote gibt es jetzt für Unternehmer?
    Corona-Krise – welche Hilfsangebote gibt es jetzt für Unternehmer?

    Sich selbst und andere schützen: Das Corona-Virus legt das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben fast überall auf Eis. Was können Unternehmer tun?

  • RE/MAX Germany auf Höhenflug
    RE/MAX Pressemitteilung

    RE/MAX Germany konnte im Jahr 2019 das erfolgreichste Geschäftsjahr seit seiner Gründung 1973 verzeichnen. Das Unternehmen verkündete, nach Expansionskurs, für das kommende Jahr große Erfolge.

  • Franchise Trends 2020
    Franchise Trends 2020

    2020 ist bereits in vollem Gange und bringt frischen Wind in die Franchising Welt. Das erwartet die Franchise Branche im neuen Jahr.

  • Unternehmen erwerben: Welche Fördermittel gibt es?
    Staatlich gefördert

    Der Staat bietet Förderprogramme für Existenzgründer oder Unternehmen an. Welche Mittel können beansprucht werden und was müssen Sie beachten?

  • Mangelware Nachfolger: DIHK-Report zur Unternehmensnachfolge 2019
    Mangelware Nachfolger: DIHK-Report zur Unternehmensnachfolge 2019

    Der Rückblick auf 2019 ist ernüchternd. Unternehmensnachfolger werden weiterhin händeringend gesucht. Der DIHK-Report verdeutlicht die brisante Nachfolgesituation.

  • Franchise Trends 2020
    Aktuelle Franchise-Trends

    In Sachen Franchising liegen im Jahr 2020 die Sparten Fitness, Gesundheit und Umweltschutz im Trend. Auch das Konzept des „Multi Unit Franchising" ist weiterhin beliebt.

  • Digitalisierung im Mittelstand - DUB.de
    Digitalisierung im Mittelstand: fehlende Innovation

    Keine Zeit verlieren: Ein hoher Grad an Digitalisierung ist neben innovativen Produkten unabdingbar für den Erfolg eines Unternehmens. Lesen Sie, hier wie die Transformation gelingt.

  • Neue Funktion beim Inserat von Verkaufsangeboten auf DUB.de
    Neue Funktion beim Inserat von Verkaufsangeboten

    DUB.de Update: Verkaufsangebote mit Dokument erweitern und das Unternehmen noch detaillierter vorstellen.

  • Greenfranchising
    Die Zukunft ist grün

    Ökologische Ansätze sind Kern des Greenfranchising. Immer mehr Franchisenehmer setzen auf Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit. Ein Ansatz, der sich bezahlt macht.

  • Unternehmenswert steigern
    Wie erziele ich für mein Unternehmen den besten Verkaufspreis?

    Sie wollen Ihr Unternehmen verkaufen und einen möglichst hohen Preis erzielen? Selbstverständlich! Wie Sie den Verkaufserlös steigern und die Übernahme optimal umsetzen lesen Sie hier.

  • Förderung der Unternehmensnachfolge
    Förderung der Unternehmensnachfolge: Der Staat hilft mit

    Der Schritt in die Selbstständigkeit erfordert gerade bei einer Unternehmensnachfolge meist ein ordentliches Startkapital. Fördermittel für Existenzgründer helfen den künftigen Unternehmern bei der ...

  • Mehr externe als familieninterne Nachfolgen angestrebt

    Das KfW Nachfolgemonitoring stellt zum Jahresende eine Entlastung bei Nachfolgen fest. Diese kommen auch durch mehr Übernahmen zustande. Externe Investoren werden aber nach wie vor gesucht.

  • Nachfolge im Handel: Chancen und Risiken von Unternehmern
    Nachfolge im Handel: Chancen und Risiken von Unternehmern

    Auch im Handel ist die Unternehmensnachfolge ein großes Thema. Außerdem finden Sie hier ein umfassendes kostenloses White Paper zum Thema.

  • 5 Schritte auf dem Weg zum eigenen Unternehmen
    5 Schritte auf dem Weg zum eigenen Unternehmen

    Über den Schritt in die Selbstständigkeit denken viele Führungskräfte nach. Eine Unternehmensnachfolge ist eine attraktive Option. Worauf sollte man dabei achten und welches ist das richtige Unternehmen?

  • FEX19 - Der Rückblick
    Franchise Expo 2019 - Der Rückblick

    DUB.de war vor Ort – Welche Themen beschäftigte die Branche? Gespräche mit Besuchern und aktuellen Franchisepartnern geben Antworten.

  • Perfekt aufgegangen
    Perfekt aufgegangen

    Jakob Preisenberger, Geschäftsführer von Kapitalkontor, sucht ganz besondere Unternehmen. Solche, die andere nicht auf dem Schirm haben, die aber in ihrer Nische überaus erfolgreich sind.

  • Geschäftsübernahme – 7 Punkte die Sie unbedingt beachten müssen
    Geschäftsübernahme – 7 Punkte die Sie unbedingt beachten müssen

    Unternehmensnachfolge im Mittelstand ist kein triviales Thema. Der Kaufinteressent sollte die favorisierte Firma genau prüfen, um Risiken bei einer Geschäftsübernahme zu vermeiden.

  • BESTER FRANCHISENEHMER DER WELT
    BESTER FRANCHISENEHMER DER WELT

    Eine Fachjury hat fünf Franchisenehmer nominiert heute, die heute im Finale stehen. Doch nur einer der Finalisten wird als „Franchisenehmer der D-A-CH Region“ gekürt.

  • Verbesserte Suchfunktion und erweiterter Support auf DUB.de
    Neue Funktionen auf DUB.de

    Verbesserte Suchfunktion und erweiterter Support - lesen Sie in der folgendeen Meldung mehr zu den Neuerungen auf DUB.de.

  • Franchise: Deutschland ist attraktivster Franchising-Standort
    Franchise: Traumstandort Deutschland?

    Franchising in Deutschland ist laut dem International Franchise Attractiveness Index die beste Wahl wenn es um den idealen Standort geht.

  • Zielabgleichung - Wollen Verkäufer und Käufer tatsächlich das Gleiche?
    Zielabgleichung - Wollen Verkäufer und Käufer tatsächlich das Gleiche?

    Damit die Unternehmensnachfolge gelingt, ist Klarheit über die eigenen Ziele und Bedürfnisse sowie auch der anderen Seite von Vorteil. Worauf sollten beide Seiten achten damit das Geschäft gelingt?

  • Unternehmensbewertung: Was Firmeninhaber wissen müssen
    Das Gelbe vom Ei?

    Was ist mein Unternehmen wert? Das Ertragswertverfahren und die Discounted-Cashflow-Methode werden oft zur Ermittlung genutzt. Kleine Firmen sollten eine andere Methode nutzen.

  • Videointerview zur Unternehmensnachfolge
    Videointerview: Herausforderung Unternehmensnachfolge

    Dr. Daniel Mundhenke und Andreas Grandt (BRL) im Interview: Die Experten berichten von Herausforderungen aus der Praxis, den unterschiedlichen Formen der Nachfolge, über Fallstricke dabei und vieles mehr.

  • Mehr als Kunst

    Wenn Unternehmer und Künstler gemeinsame Sache machen: Dorottya Novak, die Chefredakteurin von „Secrets of Art“, beleuchtet in ¬ihrem Magazin und im Interview wie weit diese Verbindung gehen kann.

  • DUB-Video: Die fünf häufigsten Fehler beim Unternehmensverkauf
    DUB-Video: Die fünf häufigsten Fehler beim Unternehmensverkauf

    Dem Verkauf eines Unternehmens wird oft nicht der richtige Stellenwert eingeräumt. Oft scheitert er aus ebenso profanen wie vermeidbaren Fehlern. Das sind die fünf häufigsten.

  • Nachfolge und Digitalisierung
    Unternehmensnachfolger von morgen

    Unternehmensnachfolge ist für viele Betriebe herausfordernd. Nun erschwert die Digitalisierung noch den Prozess. Sind vor allem die mittelständischen Unternehmen auf den bevorstehenden Wandel vorbereitet?

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen
Jetzt Newsletter bestellen
DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis

Was Unternehmer wissen müssen

DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis

Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick

Das interessiert andere Leser