Führung statt Führhand

Wladimir Klitschko: Unternehmer

Schmerzhafte Niederlagen als Lektionen, „Robinson Crusoe“ als Sehnsuchtsfibel und die Sache mit dem Lucky Punch: Ex-Box-Weltmeister Wladimir Klitschko hat einiges zu erzählen. Als Sportler wurde er vom Challenger zum Champion – als Unternehmer professionalisiert er die Philosophie des „Challenge Management“.

Nicht nur beim Boxen eine bewährte Marschrichtung von Unternehmer Wladimir Klitschko
Fokussiert:
Nicht nur beim Boxen eine bewährte Marschrichtung von Unternehmer Wladimir Klitschko (Foto: picture alliance/Felix Hörhager/dpa)

Boxer sind stark, klar. Und ehemalige Boxer? Oft genug nur noch eine Erinnerung. An große Kämpfe. Muhammad Ali versus George Foreman zum Beispiel, der „rumble in the jungle“ im kongolesischen Kinshasa. Schweiß und Schmerzen. Die Gegenwart indes, sie findet ohne die vergangenen Helden statt. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Ein prominentes Beispiel ist Wladimir Klitschko. Nach über 20 Jahren Profisport hängte er 2017 seine Handschuhe an den Nagel. Keine Entscheidung des bloßen Augenblicks, sondern wohlabgewogen. Eben so, wie er Dinge angeht. Analytisch und entschlossen, im Seilgeviert wie in Vorstandsetagen. Genau dort ist Klitschko inzwischen regelmäßig anzutreffen. Als Berater und Unternehmer hat er eine Mission: Stärken bündeln, Synergien schaffen, voneinander profitieren, heißt es bei ihm. Im geistigen Rüstzeug des promovierten ehemaligen Weltmeisters im Schwergewichtsboxen unter anderem seine Erfahrungen aus dem Profisport. Auf ein Wort.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Was fasziniert Sie an der Wirtschaft?

Wladimir Klitschko: In der Wirtschaft herrschen genauso klare Verhältnisse wie im Boxsport. Es gibt in beiden Welten sogar Lucky Punches: Denken Sie nur an Marken wie Viagra. Das war als Herzmittel geplant und wurde ein weltweiter Bestseller als Potenzmittel. Oder Superkleber. Der sollte eigentlich künstliches Glas werden. Allerdings kennen wir alle auch Verlierer, die beispielsweise durch den Sturm der Digitalisierung ausgeknockt wurden. Boxen und Wirtschaft sind beide sehr wettbewerbsintensiv.

Welche Parallelen gibt es zwischen Sportlern und Unternehmern?

Klitschko: Beide sind agil, reagieren schnell und beinahe instinktiv richtig auf veränderte Rahmenbedingungen. Sie setzen sich ambitionierte Ziele, denen sie vieles unterordnen und für die sie vieles in Kauf nehmen. Und sie bleiben dran, lassen sich nicht von ihrem Weg, von dem sie überzeugt sind, abbringen.

Stellen Sie sich vor, Sie sehen einen Boxkampf. Elfte Runde. Juckt es Sie da manchmal in den Fäusten?

Klitschko: Auch wenn aufzuhören die schwerste Entscheidung meines Lebens war, es war die richtige. Ich habe 27 Jahre lang geboxt und der Sport war Teil meines Lebensstils. Was mir manchmal fehlt, ist eher die Vorbereitung auf den nächsten Kampf, die gezielte Beschäftigung mit nur dem einen Ziel. Als Geschäftsmann habe ich natürlich auch Ziele – die sind aber deutlich komplexer, und „Vorbereitungszeit“ und „Kampf“ gehen Hand in Hand und wechseln sich in deutlich schnellerem Rhythmus ab.

Challenge Management


Treffer bei Bryant Jennings: Klitschko im Kampf. Wesentlicher Baustein? Willensstärke – auch als Unternehmer (Foto: picture alliance/Eibner-Pressefoto)

Sie lehren an der Universität St. Gallen das Thema „Challenge Management“. Welche Fragen müssen Sie dort am häufigsten beantworten?

Klitschko: Vermutlich die unausgesprochene Frage: Was kann ein Profiboxer denn Managern erzählen? Zumindest habe ich dieses Fragezeichen in einigen Gesichtern gesehen, als ich am ersten Tag als Dozent vor den Teilnehmern stand. Sie kannten mich ja nur aus dem Boxring, mit freiem Oberkörper. Am Ende des Tages waren die Fragezeichen verschwunden. Ich habe im Leistungssport viele Dinge gelernt und daraus die F.A.C.E.-Methode entwickelt, die auch Manager erfolgreich macht. Inzwischen ist der von mir initiierte Weiterbildungsstudiengang „CAS Change & Innovation Management“ sehr erfolgreich im dritten Jahr. Parallel dazu gibt es das Kompetenzzentrum an der Universität St. Gallen, das ich zusammen mit dem Institut für Customer Insight ins Leben gerufen habe. Und schließlich haben mein Team und ich ein- bis dreitägige Trainings entwickelt, in denen Führungspersönlichkeiten mit meiner F.A.C.E.-Methode lernen, ihre konkreten beruflichen Herausforderungen aktiv anzugehen und zu Treibern in Veränderungsprozessen zu werden.
 

Hat sich Ihre Strategie mit den Lebensphasen verändert, vom jungen Boxer hin zum Unternehmer?

Klitschko: Heute bin ich organisierter als früher und teile mir meine Kräfte noch besser ein. Ich weiß: Du brauchst einen Plan, um zu siegen, und einen langen Atem, um ein Ziel zu erreichen. Damals wie heute gilt: Wenn ich ein Ziel erreichen möchte, muss allein die Vorstellung, dass ich das nicht schaffe, schmerzen. Dann bin ich bereit, wirklich alles zu geben, um diese negativen Konsequenzen zu vermeiden. Gleichzeitig habe ich erkannt, dass die Philosophie des „Challenge Management“, die mich über Jahrzehnte hinweg beglei-tet hat, nicht nur mir nutzt. Dank der F.A.C.E.-Methode gelingt es, die in meinen Augen für Erfolg zentrale Fähigkeit Willenskraft zu erlernen und auf jegliche Art der beruflichen Herausforderung zu übertragen.

Im Boxring ist man auf sich allein gestellt. Dennoch gibt es Ratgeber wie etwa den Trainer. Wie wichtig ist für Sie externer Input, zum Beispiel bei der Analyse des Gegners?

Klitschko: Im Ring war ich zwar allein und habe aus meiner Erfahrung und Intuition heraus entschieden, welchen Schlag ich als Nächstes platziere. Trotzdem war mein Team in der Vorbereitung auf einen Kampf sowohl mental als auch körperlich enorm wichtig. Ohne mein Team hätte ich nicht so stabil siegen können. Für mich war in der Vorbereitung auf einen Kampf die Gegneranalyse selbstverständlicher Bestandteil und sollte es auch sein, wenn man langfristig in der freien Wirtschaft bestehen will. Viel wichtiger war und ist jedoch meinem Selbstverständnis danach, sich der eigenen Stärken und Kompetenzen bewusst zu sein und zu wissen, wie man diese in einer konkreten Situation am effektivsten einsetzt, um zum Ziel zu kommen. Voll fokussiert, stets beweglich in den Beinen und im Kopf, dabei koordiniert und ausdauernd, wenn es mal über die volle Distanz geht – das war und ist mein Weg, um im Boxring und im Geschäftsleben erfolgreich zu sein.

Zielstrebigkeit und Disziplin - Wer waren, wer sind Ihre Vorbilder?

Klitschko: Ich habe eine ganze Reihe Vorbilder, etwa Robinson Crusoe aus dem gleichnamigen Roman. Mich hat immer fasziniert, wie Crusoe seinen Verstand einsetzt. Der Mut, zu machen, anstatt sich seinem Schicksal zu überlassen, ist vorbildlich. Vor allem aber dieser unbändige Wille, zu überleben, die Situationen zu meistern, erscheinen sie zunächst noch so ausweglos.

Mein Tipp:

„Im Ring wie in der Wirtschaft gilt: Drehe deinem Gegner nie den Rücken zu."
 

Und im wahren Leben?

Klitschko: Ganz klar war meine Familie Vorbild und hat mich stark geprägt: Meine Eltern brachten mir Zielstrebigkeit, Disziplin und Durchhaltevermögen 
bei. Meine Großmutter hat mir gezeigt, dass sich mit Kreativität und Leichtigkeit auch unschöne Situationen bewältigen lassen. Das begleitet mich bis heute. Zuletzt hat mich ein deutscher Unternehmer stark beeindruckt: Jörg Mittelsten Scheid, der 82-jährige Chef von Vorwerk. Er hat die Einstellung eines 20-
Jährigen. Er ist neugierig auf Ideen, auf Veränderungen. Dieser Elan, diese Haltung ist meines Erachtens der Schlüssel zum wirklich nach-haltigen Erfolg.

Was bedeutet Misserfolg für Sie?

Klitschko: Früher dachte ich: Ein Misserfolg ist keine Option. Heute weiß ich: Eine Niederlage mit -Passion ist durchaus eine Option. Ich habe noch nie so viel gewonnen wie beim Verlieren. Ich habe schon viele Siege erkämpft, aber für das Ende meiner sportlichen Karriere war das, was ich nach dem Kampf in Wembley erfahren habe, wichtiger als jeder sportliche Erfolg.

Glück, großer Willen, Durchhaltevermögen

Dort haben Sie 2017 in Ihrem letzten Kampf gegen Anthony Joshua verloren.

Klitschko: Rückblickend hat mich jeder Kampf vorangebracht. Aber ganz besonders dieser letzte gegen Anthony Joshua. Er hat mich gelehrt, dass man manchmal mit einer Niederlage mehr gewinnen kann als mit einem Sieg. Die Klarheit, meine unternehmerischen Aktivitäten jetzt mit voller Kraft anzugehen und durchzuziehen, die hat mir erst diese Niederlage gebracht.
 

Ihre Erfahrung im Umgang mit Herausforderungen?

Klitschko: Es geht darum, dass du die Kraft in dir entdeckst und bereit bist, wie ein Kämpfer, alles dafür zu tun, sie zu nutzen, um deine Ziele zu erreichen – auch wenn es einen langen Atem braucht. Ein Ziel muss so stark sein, dass man bereit ist, dafür körperliche und mentale Schmerzen in Kauf zu nehmen. Und Challenges oder Herausforderungen gibt es in unserer immer komplexer werdenden Welt schließlich genug – und Ausreden, warum ein Veränderungsprozess nicht gelingt, auch.

Sie kamen als Jugendlicher aus der Ukraine nach Deutschland. Was verbindet Sie mit Ihrer zweiten Heimat?

Klitschko: Ich fühle mich bis heute wie ein Adoptivkind Deutschlands. Man hat uns hier eine Chance gegeben, als professionelle Boxer zu arbeiten – und wir konnten sie mit Glück, einem großen Willen und Durchhaltevermögen nutzen, um von unserer neuen Basis Deutschland aus in die Welt zu ziehen und zu Weltmeistern zu reifen. Unsere Geschichte zeigt, wie gut eine offene Gesellschaft funktionieren kann.

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