Mutmacher, Mahner und das Morgen

„Doktor Google“ macht Patienten nicht mündiger

Ein thematischer Ausflug: Was halten Sie als Mediziner von „Doktor Google“ – sprich dem medizinischen Ratschlag aus dem Netz?

Baas: Ich habe mir meine Meinung auch im Gespräch mit Kollegen gebildet und halte davon relativ wenig. Egal, was ich bei Google anfrage – ich habe immer die schlimmstmögliche Erkrankung. Wenn man aber von einem Expertensystem spricht, das in der Tat eine Diagnostik stellen kann, dann wage ich die These, dass es in zehn Jahren ein Kunstfehler sein wird, eine Diagnose ohne ein solches System zu stellen. Das medizinische Wissen ist so groß, dass es schwierig ist, alle Daten zu verfolgen – von denen gibt es mehr, als der Mensch auswerten kann.

Wird der Patient durch Informationen im Netz auch mündiger?

Stachon: Diese These würde ich nicht teilen. Da bin ich Naturwissenschaftler. Falsche Daten sind im Zweifel schlimmer als keine, da diese mich in irgendeine Richtung leiten und der falsche Weg verfestigt sich dann sehr schnell. Das ist bei Versicherungen genauso. Ich bin seit 25 Jahren in diesem Business – und die Kunden sind nicht aufgeklärter als zu der Zeit, als ich begann. Ein Beispiel: Die Kernparameter eines ganz einfachen Produktes, einer KFZ-Versicherung, verstehen 99 Prozent der Deutschen – auch nach dem Besuch einer Aggregator-Seite – nicht. Bei einer zweiten Suche über Google kommen sie sehr schnell an eine kommerzielle Nutzung – und damit an ein Partikularinteresse: Derjenige, der eine Information gibt, will den User natürlich in eine bestimmte Richtung bewegen – und das vor dem vermeintlichen Hintergrund der Neutralität – deshalb bin ich da kritisch. Wenn wir es hingegen schaffen, einen Großteil des medizinischen Wissens bei der Diagnose-Stellung und in der Behandlung greifbar zu machen, dann sind wir einen riesigen Schritt vorangekommen. Denn das Problem der heutigen Mediziner beginnt bereits in ihrer Ausbildung. Der medizinische Fortschritt ist so schnell, dass das zu Beginn des Medizinstudiums Gelernte bereits in dem Moment, in dem man als junger Arzt zugelassen wird, obsolet ist.

Baas: Es ist für den Einzelnen unmöglich die riesigen Datenmengen in diesem Bereich vernünftig zu ordnen. Mein Lieblingsbeispiel ist, dass - wenn man sich die gesammelten Daten der Welt anschaut – allein 2017 genauso viele gesammelt wurden, wie in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor. Und: Information sind auch nicht immer eins zu eins übertragbar. Wenn ein Notarzt im Fernsehen etwas über die Erkennungssymptome eines Herzinfarktes sagt, kommt es vor, dass Zuschauer dies fälschlicherweise bei sich selbst diagnostizieren und ins Krankenhaus fahren. Vor diesem Hintergrund sehe ich die oft geforderte komplette Gleichberechtigung zwischen Arzt und Patient kritisch - zumindest was fachlich-medizinische Fragen angeht. In der Betreuung schwer kranker Patienten habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele dies auch gar nicht möchten - sondern jemanden, der ihnen hilft. Es geht weniger um Gleichberechtigung zwischen Arzt und Patient – es geht darum,  gut verständlich über Diagnose und Krankheitsverlauf aufgeklärt zu werden, damit auf dieser Basis auch eine Diskussion ermöglicht wird, um letztlich die richtige Behandlungstherapie für den Patienten zu entscheiden. Wesentlich wichtiger dafür ist die sinnvolle Verknüpfung von Gesundheits- und Krankheitsdaten, um den Patienten gut beraten und richtig behandeln zu können. Bislang liegen die medizinischen Daten dezentral bei Ärzten, Krankenhäusern, Therapeuten und Krankenkassen. Deshalb ist es notwendig, eine erfolgreiche Vernetzung zwischen den verschiedenen Akteuren zu schaffen. Aus diesem Grund haben wir eine elektronische Gesundheitsakte (eGA) für unsere Versicherten entwickelt, in der alle wichtigen Dokumente an einem zentralen Ort gespeichert sind. Das bringt viele Vorteile für den Versicherten: Doppeluntersuchungen oder Wechselwirkungen von Medikamenten lassen sich besser vermeiden. Nur der Versicherte selbst hat Einblick in seine Daten und bestimmt, wer Zugriff auf diese erhält und wer nicht. Damit ist der Patient automatisch auch viel mündiger.

Teil 1: Nicht Datenschutz sondern Interessenschutz bremst Digitalisierung

Teil 2: Sensible Gesundheitsdaten nicht Google oder Apple überlassen

Teil 3: Data Analytics und Robotik revolutionieren Gesundheitsversorgung

Teil 4: Droht uns eine digitale Zweiklassengesellschaft?

Teil 5: „Doktor Google“ macht Patienten nicht mündiger

Teil 6: Elektronische Gesundheitskarte als Disruption der Gesundheitsbranche

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