„Digitale Spielregeln“

Digitalisierung: So beugen Unternehmen Gesundheitsrisiken vor

Die gesundheitlichen Vor- und Nachteile der digitalen Transformation ins Gleichgewicht bringen? Das kann gelingen. Doch was bedeutet das für Unternehmen im Alltag? Viel Nachdenken und viel Augenmaß, so BARMER-Vorstandschef Professor Christoph Straub.

Christoph Straub ist seit Sommer 2011 Vorstandsvor­sitzender der BARMER. Auch zuvor war der Mediziner in der Gesundheits­branche aktiv, etwa von 2009 bis 2011 als Vorstand der Rhön Klinikum AG.

Christoph Straub ist seit Sommer 2011 Vorstandsvor­sitzender der BARMER. Auch zuvor war der Mediziner in der Gesundheits­branche aktiv, etwa von 2009 bis 2011 als Vorstand der Rhön Klinikum AG (PR)

Die Digitalisierung bietet große Chancen nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Mitarbeiter – wenn bestimmte Regeln eingehalten werden, so lautet der Befund einer aktuellen Studie. Das bringt ganz eigene Herausforderungen mit sich, stellt BARMER-CEO Professor Christoph Straub fest.

DUB-UNTERNEMER-Magazin: Die Digitalisierung als „zweischneidiges Schwert“ – hat Sie der Befund Ihrer Studie überrascht?

Christoph Straub: Die Studie der Universität St. Gallen im Auftrag der BARMER hat eher unseren ­Fokus geschärft. Dass die Digitalisierung am Arbeitsplatz sowohl Chance als auch Risiko darstellt, war uns klar. Allerdings fehlten bisher belastbare Erkenntnisse darüber, wie die Gesundheit der Beschäftigten beeinflusst wird. Uns liegen mit der Studie nun Daten für die Jahre 2016 bis 2018 vor. Wir sind damit erstmalig in der Lage, auch Entwicklungen über einen Zeitraum von mehreren Jahren abzubilden und daraus kausale Schlüsse zu ziehen.

Und welche Schlussfolgerungen ergaben sich für Ihr Unternehmen, welche für Ihre Kunden?

Straub: Von wesentlicher Bedeutung ist ein im wahrsten Sinne gesunder Umgang mit Digitalisierung. Dazu kann man an verschiedenen Stellen ansetzen, wenn möglich zum Beispiel über flexible ­Arbeitszeiten oder individuelle Vereinbarungen mit dem Chef oder der Chefin. Es sind aber auch die Arbeitnehmer selbst gefragt, sich in der Freizeit bewusst digitale Auszeiten zu nehmen. Denn wer sich rund um die Uhr in einem digitalen Hamsterrad dreht, gerät unter Dauerstress und tut sich und seiner Gesundheit keinen Gefallen.

Flexible Arbeitszeit ist laut Studie gesundheitsförderlich, digitale Überlast gesundheitsgefährdend. Die Balance lässt sich etwa über betriebs- oder abtei­lungsübergreifende Koordination steuern, zum Beispiel zu digitalen Ruhezeiten. Lässt sich so etwas quasi „top down“ anordnen?

Straub: Wohl kaum. Nehmen wir das klassische Beispiel: keine beruflichen E-Mails nach 18 Uhr. Die Server werden abgeschaltet. Für viele mag das eine Erleichterung sein. Es gibt aber auch Beschäftigte, die sich gestresst fühlen, wenn sie vom E-Mail-Verkehr abgeschnitten sind und nicht reagieren können. Besser als Vorgaben von oben sind daher „digitale Spielregeln“, die im Team gemeinsam aufgestellt werden. So können Führungskräfte und Mitarbeitende die Vorteile der Flexibilität voll nutzen, aber dennoch klare Erwartungen kommunizieren. Das reduziert die digitale Überlastung und wahrt gleichzeitig die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben.

Sehen Sie die Gefahr, dass solche Vereinbarungen der nächsten Rezession nicht standhalten?

Straub: Nicht nur Rezessionen stellen eine Gefahr dar. Auf alles, insbesondere das Unerwartete, muss man reagieren können und beweglich sein. Digitale Spielregeln sehe ich da eher als Chance, denn sie erhöhen nicht nur die Flexibilität im Unternehmen, sondern sie sind auch selbst flexibel. Sie lassen sich anpassen und erhöhen so die Reaktionsgeschwindigkeit, wenn sich die Umstände verändern.

Wie ist es zu vermeiden, dass Kunden angesichts einer möglichen digitalen Überfrachtung abwinken?

Straub: Das ist in der Tat eine Herausforderung, denn es gibt schier unendlich viele digitale Angebote. Man sollte sich immer am Bedarf der Kunden orientieren. Sie durchschauen Nebelkerzen sofort und erkennen schnell, wenn etwas keinen Mehrwert bietet. Anders ausgedrückt: Innovationen brauchen Substanz, egal ob analog oder digital.

Wie wichtig ist es als Unternehmen, jetzt auf die technologische Herausforderung zu reagieren?

Straub: Kein Unternehmen kann die Digitalisierung ignorieren. Wir haben beispielsweise eine eigene Einheit geschaffen, in der wir die digitalen Initiativen der BARMER bündeln. Die digitale Transformation betrifft aber das gesamte Unternehmen, von neuen Angeboten an die Versicherten bis hin zu veränderten Jobpro­filen und kulturellem Wandel.

Ihr Haus spricht sich seit Jahren für mehr betrieb­liches Gesundheitsmanagement aus. Soll dort künftig zusätzlich der Aspekt der Digitalisierung mit ein­fließen?

Straub: Ja, aber nicht als Selbstzweck. Wir fördern zum Beispiel digitale Gesundheitsangebote, weil immer mehr Menschen deren flexible Einsatzmöglichkeiten schätzen. Daneben gibt es aber nach wie vor die ganz klassischen Angebote. Und oft ist gerade die Kombina­tion aus On- und Offline besonders erfolgreich.

Teil 1: Digitalisierung: So beugen Unternehmen Gesundheitsrisiken vor

Teil 2: Digitalisierung der Arbeitswelt erhöht den Stress

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