Im Herzen der Transformation

Nabel der digitalen Welt: Halb so groß wie das Ruhrgebiet und einflussreicher als das Weiße Haus – das Silicon Valley fasziniert und verunsichert zugleich. Christoph Keese weiß, warum. Der Autor und Manager bei Axel Springer lebte mit den Gründern, Investoren und Forschern vor Ort. Was Deutschland vom Silicon Valley lernen muss und was nicht.

Christoph Keese, Journalist und Executive Vice President der Axel Springer SE, arbeitete ein halbes Jahr im Epizentrum der technologischen Macht: im Silicon Valley in Kalifornien. Nach dem Erfolg seines gleichnamigen Bestsellers mit dem Untertitel „Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt“ erscheint nun sein zweites Buch „Silicon Germany. Wie wir die digitale Transformation schaffen“. Im DUB UNTERNEHMER-Magazin berichtet er über risikofreudige Großmütter, zerstörerische Hippies und hinterherhinkende Deutsche.

Keese über die Gründerkultur

Eine Stärke des Silicon Valley ist die stückweit naive Liebe zur Technik. Die gab es in Deutschland auch mal. Zum Beispiel in der Gründerzeit am Ende des 19. Jahrhunderts, als AEG, Siemens und Deutsche Bank noch Start-ups waren. Damals wurde neue Technologie umarmt und nicht nur – wie heute üblich – die Folgen der Technik unverhältnismäßig lange abgewogen. Eine weitere Stärke ist die jugendliche Gründerkultur. Es ist doch bei uns so: Ein Enkel geht zu seiner Oma mit der Idee, eine Firma zu gründen. Eine deutsche Großmutter wird sagen: „Um Gottes willen, hast du keinen ordentlichen Job gefunden?“ Eine kalifornische sagt stattdessen: „Das ist ja toll! Darf ich in deine Firma investieren?“ Das heißt: Wir in Deutschland müssen Unternehmer mehr als Rockstars sehen. Sie sind wichtig für die Volkswirtschaft und schaffen Arbeitsplätze. Ein Nach-den-Sternen-Greifen ist ebenfalls typisch für das Silicon Valley. Wir Deutschen tendieren dazu, immer weitere kleine Verbesserungen erfinden zu wollen. Im Silicon Valley kriegt man aber kein Geld für ein Unternehmen, das Software für eine Bank schreiben möchte, um ihnen die Buchung zu erleichtern. Man bekommt Geld, wenn man die Banken als solche abschaffen möchte.

... über den Ort der Übermacht

Die Angst vor einem übermächtigen Silicon Valley ist berechtigt. Aber sie sollte uns nicht lähmen. Die Deutschen neigen ohnehin dazu, vor allem Angst zu empfinden. Natürlich  ist es großartig, was die Technologen in Palo Alto leisten. Aber es ist eben auch sehr bedrohlich. Deshalb sollten wir unsere eigene technologische Entwicklung stark vorantreiben und gleichzeitig einen Wertedialog führen, um den Fortschritt weiterhin gesellschaftlich verträglich zu halten. Technologie ist deswegen in Europa werteverträglich, weil wir immer Wege gefunden haben, ihre Auswirkungen einzugrenzen, sodass sie wenig Schaden anrichtet. Wir müssen aber aufpassen, dass die Eingrenzung nicht so intensiv betrieben wird, dass keine Entwicklung mehr stattfindet. Das ist im Augenblick unser Problem. Ein Beispiel: Der Gotthardtunnel ist Mitte des Jahres eröffnet worden: 57 Kilometer, zwei Röhren, 17 Jahre veranschlagte Bauzeit. Ein Jahr vor der Zeit wurde er von den Schweizern fertiggestellt, nur zehn Prozent über dem Budget. Aber: Die Zubringerstrecke auf deutschem Boden ist nicht fertig. Sie ist durch Bürgerinitiativen aufgehalten worden und wird erst 2035 in Betrieb genommen. Wir hätten also dann 30 Jahre gebraucht für die Zubringerstrecke auf offenem Terrain, während die Schweizer am Tunnel 17 Jahre ge­arbeitet haben. Das kann nicht sein. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern: Deutschland ist ein Land der Ideen, des Fortschritts, der Erfindung, der Innovation. Das muss bei uns wieder stärker durchbrechen.

... über die Vision des Silicon Valley

Den menschlichen Geist zu kopieren und in eine Cloud zu überführen – das ist die Vision des Silicon Valley. Menschen werden demnach in Zukunft zu einem logischen Punkt verschmelzen. Die Forscher vor Ort arbeiten stark daran, dieses „Konzept der Singularität“ voranzutreiben. Auch wenn die Vorstellung utopisch erscheint: Dieses Prinzip ist an der Stanford University im Silicon Valley kein Horrorszenario, sondern das große Ziel. Es ist jedoch mit unserer europäischen Kultur sowie mit dem normalen Verständnis von Demokratie nicht vereinbar. Denn nur mal angenommen, die Menschheit ist in einem einzigen Punkt verschmolzen, dann stellt sich doch die Frage: Wer hat das Admin-Passwort? Es ist derjenige, der die Macht ausübt. Und im Silicon Valley haben die Technologen die Macht. Und das aus dem Selbstverständnis heraus, die Menschheit von allem befreien wollen, was die Welt schlecht macht. Im Silicon Valley herrscht ein Weltverbesserungstheorem. Machtmissbrauch ist dort eher ein untergeordnetes Thema.

... über Deutschlands Rückstand

Das Letzte, was wir machen sollten, ist, das Silicon Valley zu kopieren. Das ist auch gar nicht möglich. Aber wir sollten es gar nicht erst kopieren wollen, weil wir dann auch alle Nachteile erben würden. Wir sollten von den Stärken der Szene in Kalifornien lernen und diese Stärken in unsere eigene Kultur integrieren. Dann können wir vielleicht ein neues europäisches Zeitalter in Industrie und Gesellschaft einleiten, das über das hinausgeht, was wir heute zu leisten in der Lage sind. Wir hinken bei den Themen Digitalisierung und technischer Fortschritt um Jahre hinterher. Wir haben den Fortschritt in einer Dimension verschlafen, die wirklich Angst macht. Ein Beispiel ist der Batterieerfinder Varta aus Hagen. Das war damals ein richtiges Start-up. Deutschland hatte also einmal die weltweite Batteriekompetenz. Jetzt ist Varta ein Schatten seiner selbst – und wer ist der wichtigste Batterieproduzent? Es ist Elon Musk mit Tesla. Das ist nicht alles, was wir an Kompetenz verloren haben in den letzten Jahrzehnten: Telefon, Fernseher, Faxgeräte, Computer. Wenn wir nicht aufpassen, verschwindet noch mehr. Die nächsten zwei bis drei Jahre werden es entscheiden.

... über Deutschlands Potenzial

Wir müssen außerdem anfangen, in die Zukunft zu investieren. Das ist ein wichtiges Thema in meinem neuen Buch. 2015 hat die deutsche Volkswirtschaft auf dem Privatsektor 180 Milliarden Euro netto Geldschöpfung erzeugt. 85 Milliarden Dollar haben wir in Kapital-Lebensversicherungen gesteckt. 90 Milliarden Dollar haben wir auf die Bank gelegt. Zinsen: null. Plus: Unser Rentensystem ist umlagefinanziert. Kein einziger Cent davon landet in neuen Firmen oder Förderung. Wir haben 700 Millionen Euro in Start-ups investiert. Zum Vergleich: die USA 60 Milliarden Dollar. Im Vergleich müsste Deutschland 30 Milliarden Euro investieren. Das klingt viel, ist aber wenig. Wenn wir von den 90 Milliarden Euro, die wir auf die Bank legen, von den 85 Milliarden Euro, die wir in Lebensversicherungen investieren, nur ein bisschen abzwacken, wäre das möglich. Deutsche Unternehmen haben in den vergangenen Jahren 40 Milliarden Euro in neue Betriebsgebäude investiert. Warum? Wir haben Geld ohne Ende. Aber wir verkonsumieren es, wir geben es den falschen Leuten in die Hand, anstatt es in die Erneuerung zu stecken. Da sind die Kalifornier total anders. Die 60 Milliarden Dollar kommen größtenteils aus Pensionsfonds, also kapitalorientierten Rentenversicherungen. Sie investieren fünf Prozent in Start-ups, sprich in junge Leute. Das reicht als Wachstumsturbo.

... über das Leben in Palo Alto

Es ist kein Zufall, dass Palo Alto am gleichen Ort liegt wie damals die Hippie-Bewegung. Denn der Lebensgeist deckt sich. Es geht darum, das Establishment zu zerstören. Damals war das entscheidende Schlagwort der Hippiebewegung Liebe. Heute heißt das Schlagwort Disruption. Also bestehende Geschäftsmodelle zu zerstören und neue Geschäftsmodelle zur Verbesserung der Welt an ihre Stelle zu setzen. Ein Beispiel: Airbnb, die Börse für Zimmer, ist nicht vorrangig gegründet worden, um Geld zu verdienen. Uber ist in erster Linie nicht gegründet worden, um Geld zu verdienen oder an die Börse zu gehen. Sie wollten die Welt besser machen. Die Hippiebewegung war kulturell einflussreich, aber wirtschaftlich folgenlos. Enkel und Kinder schlagen jetzt den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln und werden dadurch selbst zu Mega-kapitalisten. Sie behaupten aber, dass sie es nicht sind. Und nehmen für sich immer noch in Anspruch, Hippies und Revolutionäre zu sein. So entsteht ein wirklich seltsames soziales Klima. Der intellektuelle Anspruch, die humanistische Bildung in dieser Gegend werden im Gegensatz zu technologischen Entwicklungen kaum gefördert. Es gibt ganz wenig intellektuellen Input, der gesellschaftliches Gleichgewicht herstellt.

... über den Arbeitsplatz Ideenschmiede

Man kann Reisen ins Silicon Valley kaum vorbereiten. Denn es ist eine nach außen extrem abgeriegelte Kultur. Telefonnummern und Adressen stehen nicht auf den Websites, auf E-Mails antwortet keiner. Man muss vor Ort sein, um Kontakte zu knüpfen. Wir sind hingeflogen und hatten nur ein oder zwei feste Termine. Als wir am zweiten Tag unser Haus bezogen, haben wir eine Eröffnungsparty im Garten gegeben und alle Nachbarn eingeladen. Nur der unmittelbare Nachbar war nicht dabei. Die Party wurde lang und so laut, dass sich ebendieser Nachbar beschwerte. Am nächsten Tag haben wir uns mit einem Blumenstrauß bei ihm entschuldigt. So sind wir Freunde geworden. Der Nachbar fand interessant, was wir machen. Und hat uns mit einem Freund bekannt gemacht. Er nahm sein Handy und schrieb eine Intro-Mail, uns in Kopie: „Den musst du kennenlernen.“ Der Empfänger war zufällig ein wichtiger Investor, bei dem wir monatelang vorher bemüht waren, einen Termin zu bekommen. Fünf Minuten später kommt eine Mail zurück: „Bitte kommt um 16 Uhr zum Kaffeetrinken vorbei.“ Es gehört dort zur Netikette, einen „mutual friend“ zu empfangen, dies sofort zu gewähren. Es ist ein sozialer Vorfilter, der die wirklich interessanten Leute vorqualifiziert und Kontakte herstellt. Wenn man erst einmal in so einem Kreis drin ist, wird man immer weitergereicht. Da sind sie im Silicon Valley pfeilschnell. Wenn Sie einen Termin mit jemandem haben und Sie zurück zu Ihrem Auto gehen, macht es „Pling“, bevor Sie die Autotür aufschließen. Dann hat Ihr Gesprächspartner schon die Intro-Mail zum nächsten potenziellen Geschäftspartner oder Investor geschrieben. Am Ende haben wir vier bis fünf Firmen pro Tag besucht.

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