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Wachstumsschmerzen

Getrieben von Finanzinvestoren muss sich der schwäbische Mittelständler Schleich zu einer globalen Marke entwickeln. Der Spielwarenhersteller integriert seine Figuren künftig in Erlebniswelten. Er will auch die Geschichten zu den Gestalten erzählen.

Mit der Kuppe ihres linken Zeigefingers fährt Corinna Trauner über die wächserne Wölbung. Dann bearbeitet sie die Rundung mit einem Stichel. Nach und nach erschafft sie so den Brustmuskel eines Fohlens, einem Original zum Verwechseln ähnlich. Als Nächstes schabt Trauner mit der scharfen Spitze des Werkzeugs feine Rillen in das sieben Zentimeter große Modell - Rillen, die die Haarstruktur des Pferds bis zu einzelnen Wirbeln exakt nachahmen.

"Es soll genauso aussehen wie im Stall", sagt die staatlich geprüfte Graveurin. Trauner arbeitet an einem hölzernen Werktisch. Auf dem Bildschirm ihres Computers flimmert eine Bewegungsstudie eines Hengstes, neben ihr liegt ein Zoologiebuch. "Einige Rassen muss ich aber lebendig sehen, bevor ich so eine Vorlage machen kann", erzählt die Schwäbin.

Aus den Modellen, in die Corinna Trauner so viel Sorgfalt und die Mühe steckt, entstehen die bekannten Tiere des Spielwarenherstellers Schleich. "Unsere Figuren sind deshalb so einzigartig, weil sie für Naturalismus und absolute Realitätstreue stehen", sagt Geschäftsführer Dirk Engehausen. Bei Playmobil sei ein Pferd zuerst Playmobil und dann Pferd. "Schleichtiere sind anders: Bei uns ist ein Pferd immer zuerst ein Pferd."

Ein Konzept, das auf Handarbeit bei Modellherstellung, der Gussformenfertigung und Bemalung beruht - und das bei Kindern und ihren Eltern ankommt: Schleich hat seinen Umsatz nach Unternehmensangaben in den vergangenen drei Jahren um mehr als 30 Prozent gesteigert. Auf rund 130 Millionen Euro im Jahr 2015.

Die Geschichte von Schleich könnte die eines typischen Mittelständlers sein, der Tradition und Marke pflegt und mit bodenständiger Tüftelei und ehrlicher Handarbeit Erfolg hat. Doch das ist Schleich seit 2006 nicht mehr: In diesem Jahr stieg der britische Finanzinvestor HG Capital in Schwäbisch Gmünd ein, der das Unternehmen 2014 an Ardian verkaufte. Die französische Beteiligungsgesellschaft berief mit Engehausen einen neuen Chef - und hat große Pläne: Schleichtiere sollen endlich auch in Kinderzimmern jenseits von Deutschland und Europa ein Zuhause finden.

Was vor zehn Jahren als Partnerschaft zwischen Familienunternehmer und Finanzinvestor begann, endete mit der kompletten Übernahme: Ein traditionsreicher, inhabergeführter schwäbischer Mittelständler verwandelte sich in ein von Private-Equity-Gesellschaften bestimmtes Unternehmen, das ambitionierte Wachstumsziele erreichen muss, um die gezahlten Kaufpreise mittelfristig wieder zu erlösen.

Der "konservative kleine Mittelständler" soll zu "einer globalen feinen Storytellermarke" werden, so beschreibt Engehausen die Vision, die ihm Ardian bei seinem Arbeitsantritt vor gut einem Jahr mit auf den Weg gegeben hat. Bevor der Hamburger nach einem kurzen Gastspiel beim Kaffeeröster Tchibo die Geschäfte bei Schleich übernommen hat, arbeitete er 19 Jahre lang für Lego, zuletzt verantwortete er bei dem dänischen Bauklötzchenhersteller das Europa-Geschäft.

Nun blickt Engehausen von seinem Schreibtisch auf die raue Hügellandschaft der Schwäbischen Alb. Aus dem 51-Jährigen spricht das Selbstbewusstsein des Spielzeugexperten. "Ich habe mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Branche und war unter anderem maßgeblich am Turnaround bei Lego beteiligt", sagt Engehausen. "Das Kernpotenzial der Marke Schleich sind die qualitativ wunderbar verarbeiteten Figuren, diese Marke kann man aber weit darüber hinaus entwickeln."

Im Klartext heißt das: Schleich wird in Zukunft nicht nur Tiere, Feen und Ritter anbieten, sondern auch Bäume, Wasserfälle, Ställe, Kutschen, Burgen und Feenhäuser - und dazu die Geschichten, die sich aus den Schleich'schen Erlebniswelten ergeben. "Unsere Figuren sind immer nur der Storystarter, danach geht es um die Erzählungen, die auch im Internet funktionieren müssen: Für Kinder und Mütter ist dieser Kanal eine wichtige Ergänzung zu den analogen Spielewelten", sagt Engehausen.

Teil 1: Wachstumsschmerzen
Teil 2: Der Mittelstand hat immer das Problem der Nachfolge


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