Plötzlich Chef

Wenn bewährte Mitarbeiter übernehmen.

Hans Wiedemann wird den Tag nie vergessen, an dem sein Chef in sein Büro kam und die Tür hinter sich schloss. Das hatte er noch nie gemacht. Morgens auf ein kurzes Schwätzchen vorbeischauen - das immer, aber die Tür hatte Hansjürg Badrutt, gemeinsam mit seiner Frau Aniko Eigentümer des legendären Fünfsternehotels Badrutt's Palace in St. Moritz, immer offen gelassen.

"Hans", habe Badrutt gesagt, "das Palace ist unser einziges Kind und es sucht einen neuen Vater." Wiedemann, der Generaldirektor, solle als Erbe eingesetzt werden. Erst seit zwei Jahren war er damals im Unternehmen. Dass das Luxushotel, das seit mehr als hundert Jahren in Familienbesitz war, künftig ihm gehören sollte, verschlug ihm erst einmal die Sprache.

Heute, fast neun Jahre später - die Vereinbarung ist notariell festgehalten, die Erbschaftsteuer hinterlegt - hat sich Wiedemann längst in seine Rolle gefunden. "Das Haus hat eine Seele und ich sehe meine Aufgabe darin, sie zu bewahren", sagt Wiedemann. Das dürfte dazu beigetragen haben, dass sich Badrutt für ihn entschied.

Bewährte Mitarbeiter auf dem Chefsessel haben Vorteile gegenüber externen Käufern und familieninternen Nachfolgern, erklärt Jörg T. Eckhold, Berater aus Tönisvorst. "Mitarbeiter kennen die Stärken ihrer Kollegen. Außerdem haben sie mit Kunden, Auftraggebern oder Lieferanten zusammengearbeitet und wissen, wie das Geschäftsmodell funktioniert." Zudem pflegten sie oft eine gute Mischung aus Distanz und Nähe.

Wiedemann, der abseits des Palace langjährige Führungserfahrung in Spitzenhotels erworben hatte, konnte das schwächelnde Haus zurück in die Erfolgsspur führen. Die Badrutts halfen. "Wir haben die ersten vier Jahre sehr eng zusammengearbeitet und auch jetzt sehen wir uns regelmäßig."

Ebenso legt Wiedemann Wert auf engen Kontakt zur Belegschaft. "Ich kann nur so gut sein wie die Leute, mit denen ich arbeite", sagt Wiedemann. Ein für interne Nachfolger typisches Selbstverständnis, meint Berater Eckhold. "In der Regel gibt es keine Missgunst in der Belegschaft, wenn ein ehemaliger Kollege aufrückt. Im Gegenteil, er wird häufig geschätzt, weil er oft eine ähnliche Denkweise wie die Belegschaft hat und ihre Probleme gut einordnen kann."

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