Nicht ohne meine Tochter

Im deutschen Mittelstand übernimmt die nächste Generation - selbst im konservativen Maschinenbau sind das immer öfter die Töchter. Und die setzen häufig auf Teamarbeit an der Spitze.

Mitten in der Krise eine Firma an die nächste Generation übergeben? Für viele Familienunternehmer ein Graus. Dennoch hieß es 2009 bei Familie Hermle im Speckgürtel von Stuttgart: Wir ziehen das wie geplant durch. Und so übernahmen Tochter Katrin Stegmaier-Hermle und Sohn Florian Hermle Anfang 2010 zusammen mit einem langjährigen Kollegen des Vaters den Sensorspezialisten Balluff - zuletzt 335 Millionen Euro Jahresumsatz, 2600 Mitarbeiter - in Neuhausen. Der Umsatz war zuvor auf die Hälfte eingebrochen, Kurzarbeit angesetzt, Jobabbau drohte. "Das war auch eine Prüfung", erinnert sich Stegmaier-Hermle. "Wenn es der Firma gut geht, ist es leicht, Verantwortung zu übernehmen."

Druck hatte Vater Rolf Hermle nie aufgebaut: Seine vier Kinder sollten ihren Weg gehen. Wer aber fähig war und es machen wollte, sollte auch nachfolgen können - egal ob Sohn oder Tochter. Ihr Vater sei schon immer sehr offen gewesen, sagt Stegmaier-Hermle. Sie gehört damit zu einer Generation von Unternehmenserbinnen, die ganz selbstverständlich Ansprüche auf den Chefsessel erheben kann - und das auch immer öfter macht. Selbst im als konservativ geltenden Maschinenbau leiten immer mehr Frauen das Familienunternehmen. Es heiße heute nicht mehr: "Huch, da steht auf einmal eine Frau an der Spitze - und dann auch noch eine aus der Familie", sagt Stegmaier-Hermle.

Während Konzerne über den Frauenanteil im Topmanagement diskutieren und diese gerade in technikverliebten Branchen oft nicht einmal zehn Prozent erreicht, stehen schon in etwa jedem vierten Familienunternehmen Frauen allein oder im Team an der Spitze - die meisten sind erst nach 1995 in die Chefetage eingezogen. Zu diesem Ergebnis kommen die Intes-Akademie für Familienunternehmen und der Personalberater Heiner Thorborg in einer Studie, für die sie 253 Familienunternehmer befragt haben.

Eltern in Unternehmerfamilien vermittelten heute den Eindruck, dass Söhne wie Töchter willkommen sind, wenn es um die Fortführung des Familienunternehmens geht. Dies hat auch die Forscherin Christina Erdmann von der Universität Witten Herdecke festgestellt. Reinhard Prügl, Leiter des Friedrichshafener Instituts für Familienunternehmen, kann das mit Zahlen untermauern: Bis zu vier von zehn Studenten des Masterstudiengangs der Zeppelin-Universität, der ganz explizit Nachfolger auf den Führungsjob im Familienunternehmen vorbereitet, sind heute Frauen. Das deckt sich mit den Ergebnissen der Intes-Studie: 79 Prozent der Unternehmer wollen die Übergabe an anderen Kriterien als dem Geschlecht festmachen. Nur 14 von 100 wünschen sich lieber einen Mann auf dem Chefsessel.

Im Hause Hermle war das Thema Nachfolge nie eines, das man am Küchentisch besprochen hat. Tochter Katrin ging nach dem BWL-Studium denn auch in eine Beratung, stieg erst danach als Teamleiterin im Controlling bei Balluff ein - aber ohne dass der Weg an die Spitze beschlossene Sache gewesen wäre. Ihr Vater habe da eine klare Meinung: "Man muss sich bewähren; das Unternehmen ist zu wichtig, um Experimente zu machen." Die Idee mit dem Führungsjob kam eher aus dem Kreise der Kollegen, nachdem auch ihr jüngerer Bruder ins Unternehmen eingestiegen war. "Für viele Mitarbeiter war klar vorgezeichnet, dass mein Bruder und ich einmal übernehmen", sagt Stegmaier-Hermle und lacht, wie so oft im Gespräch über ihren Karriereweg. "Irgendwann muss man sagen: Dann springt der Frosch auch." Ihr Ehemann trägt die Entscheidung mit - anders wäre es mit zwei Kindern nicht möglich.

Die neue Generation von Frauen kann auch deshalb übernehmen, weil ihr eine neue Generation von Männern zur Seite steht. Wie wichtig der Rückhalt des Partners ist, weiß Nicola Lemken. Sie verkörpert die siebte Generation des gleichnamigen Landtechnik-Herstellers mit etwa 360 Millionen Euro Umsatz und 1 000 Mitarbeitern aus Alpen am Niederrhein. Die 43-Jährige sagt: "Mein Mann hat die Rollen so akzeptiert und mich sehr unterstützt." Sie weiß aber auch: "Viele arbeitende Männer sind doch sehr der traditionellen Rolle verhaftet." Vielleicht ist auch das ein Grund, warum nach Schätzungen noch nur etwa jedes fünfte Familienunternehmen an die Tochter übergeben wird.

Bei Lemken fiel die Entscheidung für das Familienunternehmen auf einer langen Autofahrt in Frankreich, der Entschluss war langsam gereift. 1999 war das, die Betriebswirtin gerade 28 Jahre alt und nach Ausbildung und Studium bei Bayer tätig. Entscheidend dürfte auch gewesen sein, dass ihr Vater sie nie in die Nachfolgerolle gedrängt hatte: "Er hat mich immer damit in Ruhe gelassen, aber gesehen, dass ich mich in diese Richtung entwickele."

Christine Kienhöfer ist schon neun Jahre zuvor ins familieneigene Unternehmen Felss in der Nähe von Pforzheim eingestiegen. Die Gesellschafterin des Herstellers von Maschinen und Komponenten für die Automobilindustrie mit mehr als 110 Millionen Euro Umsatz war damals noch eine echte Ausnahme. "Zum Teil habe ich mich schon wie auf einem Präsentierteller gefühlt, etwa auf Messen", sagt Kienhöfer. Das Gute daran: "Man ist in Erinnerung geblieben." Nur ihre Kollegen in Asien machten sich damals ein wenig Sorgen, wie die Kunden in der männlich und hierarchisch geprägten Region auf eine Frau an der Spitze reagieren. Offenbar war die Sorge nicht angebracht. Seitdem Kienhöfer im Unternehmen ist, hat sich der Umsatz der Gruppe fast verzehnfacht.

Als Jugendliche war sie immer davon ausgegangen, dass ihr zehn Jahre älterer Bruder einmal das Unternehmen übernimmt - doch er fand als Mediziner seine Berufung. Kienhöfer stieg nach dem Wirtschaftsstudium in einer Beratung ein; nach einem Jahr fand ihr Vater, es sei Zeit für eine Entscheidung - die Alternative wäre ein Verkauf der Firma gewesen. "Ich habe irgendwann gemerkt: Eine ähnlich spannende Aufgabe wie daheim werde ich nur schwer finden", sagt sie. Der Tochter das Unternehmen anvertrauen, obwohl es auch einen männlichen Nachfolger gab? Vor 25 Jahren war das noch mehr als unkonventionell. Auch Balluff-Geschäftsführerin Stegmaier-Hermle glaubt, "dass es für die Generation vor meinem Vater noch schwierig war, sich vorzustellen, dass eine Frau das Ruder übernimmt". Damals galt oft: Dann muss es eben der Schwiegersohn machen.

Reinhold Festge ist so ein Schwiegersohn. Ihn darauf zu reduzieren, würde dem Präsidenten des Maschinenbauverbands VDMA und Miteigentümer von Haver & Boecker aber nicht gerecht. Mitte der 70er-Jahre ist Festge wild entschlossen, nach abgeschlossenem Medizinstudium als Arzt zu arbeiten. Wegen der Liebe kommt es anders. Ihm ist bewusst, dass seine Frau aus einer bekannten Unternehmerfamilie stammt, schließlich ist er mit ihr schon zur Schule gegangen. Doch das Ansinnen seines Schwiegervaters Rudolf Haver überrascht ihn dann doch: Er solle in die Firma einsteigen und einmal sein Nachfolger werden. "Meine Frau studierte zu der Zeit auf Lehramt", sagt Festge heute. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass mein Schwiegervater überhaupt auf die Idee gekommen wäre, an seine Tochter als Nachfolgerin zu denken."

Das hing auch mit dem Gesellschaftervertrag zusammen, den die beiden Familienstämme Haver und Boecker im Jahr 1904 abgeschlossen hatten und der ausschließlich einen direkten männlichen Nachfolger vorsah. Dieser Passus wurde gestrichen. Beim Vorstoß des Schwiegervaters, Festge möge auch den Familiennamen annehmen, streikte er dann aber doch. Das waren andere Zeiten. Festge, der später als Vorbereitung auf die neue Rolle noch Betriebswirtschaft studiert hat, kann sich heute gut vorstellen, dass einmal die Enkelin in seine Fußstapfen tritt. Doch vorher sind erst einmal die beiden Söhne Florian und Fabian dran, die Ende 2013 das operative Geschäft übernommen haben. In einem Punkt haben die Brüder mit vielen weiblichen Nachfolgerinnen aber gleichgezogen: Während viele Väter noch als Patriarchen im positiven Sinne die Geschicke der Firmen gelenkt, sich um alles selbst gekümmert und Tag und Nacht den Firmenaufbau vorangetrieben haben, führt die junge Generation eher im Team.

Forscher Prügl von der Friedrichshafener Zeppelin-Universität analysiert: Die Jungen wollten nicht mehr "Leibeigene des Unternehmens" sein. Er sieht einen großen Trend zu Teams an der Spitze, wie auch Stegmaier-Hermle mit ihrem Bruder und einem Familienexternen eines bildet. Aus seinen Gesprächen mit Erben weiß Prügl: "Teilweise wollen sie ganz bewusst die Verantwortung aufteilen, um als Doppelspitze auch einfach mehr Spaß an der Führungsaufgabe zu haben."

Das hat nicht nur mit Zeitgeist und der Tatsache zu tun, dass viele Familienunternehmen heute in einer anderen Wachstumsphase sind. Das wirtschaftliche Umfeld hat sich massiv verändert. Felss-Geschäftsführerin Christine Kienhöfer, die die Gruppe zunächst mit dem Vater und seit dessen Tod allein geführt hat, sagt: "Die Welt und das Geschäft sind heute so viel komplexer, das ist im Alleingang nicht mehr zu bewältigen." Deshalb hat die 49-Jährige vor zwei Jahren die Geschäftsführung erweitert.

Nicola Lemken und ihr Vater sind noch einen Schritt weiter gegangen. Schon 1991 hat er einen Geschäftsführer eingestellt. Vater und Tochter sind heute Gesellschafter des Herstellers von Landwirtschaftsmaschinen mit rund 1 000 Mitarbeitern und 360 Millionen Euro Umsatz und gehören der sechsköpfigen Geschäftsleitung an, überlassen das Tagesgeschäft aber weitgehend dem Managerteam. Nach der Geburt des zweiten Kindes 2010 konzentrierte sich Lemken mehr auf Projekte sowie die Präsentation der Firma in der Öffentlichkeit. Sollte ihr Vater Victor Lemken irgendwann mal kürzertreten, hätte sie kein Problem damit. "Ich weiß, dass ich die Rolle gut ausfüllen kann."

Balluff-Geschäftsführerin Katrin Stegmaier-Hermle und ihr Bruder Florian Hermle haben das schon bewiesen, auch wenn der Einstieg der ungleichen Geschwister in der Krise nicht leicht war. Diese herausfordernde Phase habe sie die erste Zeit starkgemacht, sagt die 40-Jährige. "Weil ich gesehen habe, dass uns die positive Unternehmensentwicklung recht gibt und wir die richtigen Entscheidungen getroffen haben." Schon 2010 hat die Gruppe wieder schwarze Zahlen geschrieben, das Ergebnis ein Jahr später fast verdoppelt. Ihr Vater ist heute Beiratsvorsitzender.

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