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Teil 2 des Interviews mit Unternehmerin Lea-Sophie Cramer

"Es ist nicht leicht, den Anschluss nicht zu verpassen"

Gibt es so etwas wie ein Erfolgsgeheimnis Ihrer Aktivitäten?
Cramer: Es gibt zwei Dinge, die uns helfen. Erstens: Unser Team ist die Zielgruppe. Wir stellen uns also die Frage, welche Bedürfnisse wir selbst haben. Welche Produkte passen zu uns? Dadurch fällt es uns sehr leicht, für den Kunden Artikel zu entwickeln, und so ist alles, was wir machen, absolut authentisch. Das merkt der Kunde. Er fühlt sich verstanden und aufgehoben. Zweitens: Als Start-up ist Amorelie sehr dynamisch aufgestellt. Dadurch können wir schnell und flexibel handeln, denn wir wissen: Alles ist im Wandel. Sobald wir merken, dass Veränderungen für den Markt sinnvoll sind und wir durch sie schneller, innovativer oder mit mehr Leidenschaft arbeiten können, setzen wir sie ohne langwierige Abstimmungsschleifen um.

Sex sells: Lust auf Neues? Ideen finden sich auf Amorelie.de (oben) oder in der Box „14 Days Sex Life Challenge“ (Foto: PR)

Welche Strategie verfolgen Sie in den kommenden Monaten? Sind in Zukunft beispielsweise auch klassische Stores geplant?
Cramer
: Wir wollen auf jeden Fall weiter wachsen, zunächst in Europa. Aktuell sind wir in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Belgien vertreten. Außerdem wollen wir uns weiter als Innovationsführer behaupten und diese Position ausbauen. Wir investieren in Forschung und Entwicklung, auch unser erfolgreiches Toyparty-Konzept erweitern wir. Denn der Kunde ist nicht nur ein digitaler Mensch, sondern will – vor allem bei unserem sinnlichen Thema – immer noch in der Realität Dinge erleben, sie buchstäblich „begreifen” können, beraten werden und mit anderen Menschen in direktem Austausch stehen. Deshalb fahren wir derzeit diese Omni-Channel-Strategie. Ladengeschäfte sind eher eine Vision für die nächsten drei bis fünf Jahre.

Welche Soft Skills sind für Führungspersönlichkeiten unerlässlich?
Cramer
: Starkes Empathievermögen, ein großer Veränderungswille und wirklicher Unternehmergeist. Als Führungskraft hat man viel Einfluss. Deshalb braucht man ein hohes Energielevel und echte Einsatzbereitschaft, um andere mit dem eigenen Antrieb anzustecken.

Bringen Unternehmerinnen besondere Skills mit?
Cramer
: Ich denke, dass es Frauen leichter fällt, sich in andere hineinzuversetzen und sie von einer Sache zu überzeugen. Zudem sind sie selbstkritischer. Das ist teilweise auch eine Schwäche, weil sie zu viel Kritik üben. Aber es ist auch eine Stärke, weil viele Frauen das Gefühl haben, dass sie noch nicht am Limit sind und mehr erreichen wollen. Das finde ich toll. Denn es gibt leider zu wenige Frauen in Führungspositionen. Diejenigen, die es doch geschafft haben, sind dahin gekommen, weil sie gekämpft und viel Energie aufgebracht haben. Ich finde das unterstützenswert und glaube, es hilft ihnen auch in ihren Führungspositionen weiter.

Woher holen Sie sich als Unternehmerin und Privatperson Inspiration?
Cramer
: Ich habe ein recht gutes Netzwerk aufgebaut. Der Austausch mit anderen ist für mich sehr wichtig und lehrreich. Aber auch gesellschaftliche Entwicklungen inspirieren mich, zum Beispiel die Flüchtlingspolitik. Entgegen aller Schwierigkeiten rund um dieses Thema entwickelt man als Unternehmer sofort Lösungsideen und versucht zu helfen. Man versucht weniger Probleme, sondern viel mehr Herausforderungen und Chancen zu sehen. Ich lese zudem digitale Magazine und Blogs, gehe auf Konferenzen. Außerdem bin ich ein Management- Buch-Junkie, aus denen kann ich Anregungen mitnehmen – für viele Lebensbereiche.

Sie haben selbst den Digitalisierungstrend für Ihren Erfolg genutzt. Wie bleiben Sie innovativ?
Cramer
: Es ist nicht leicht, den Anschluss nicht zu verpassen. Es gab Themen, bei denen ich dachte, sie laufen an mir vorbei und das sei O. K., wie zum Beispiel Snapchat. Bis ich merkte, dass ich das auch unbedingt ausprobieren muss. Ich schaue also, dass ich die Tech-Trends mitbekomme und verstehe. Auch dabei hilft es, Netzwerke zu nutzen und sich auf Konferenzen auszutauschen.

Sie sitzen im Verwaltungsrat von Conrad Electronic. Sind digitale Beiräte nur ein schmückendes Beiwerk und Imagefaktor? Oder bringen sie Unternehmen auf dem Weg in die Digitalisierung wirklich weiter?
Cramer
: Ich persönlich glaube weniger an einen separaten „digitalen Beirat” als vielmehr an Personen mit digitalem Know-how, die in dem klassischen Verwaltungs-, Aufsichts- oder Beirat integriert sind. Denn die digitalen Chancen sind nicht abgegrenzt vom Tagesgeschäft zu verstehen, sondern direkt verdrahtet mit allem, was das Unternehmen ausmacht. Es gibt kein Unternehmen mehr, welches es sich leisten kann, sich nicht mit den Möglichkeiten der Digitalisierung für sein Geschäft auseinanderzusetzen. Digitales Wissen ist somit als Ergänzung in Aufsichts-, Beratungs- oder Kontrollgremien eingegliedert oder innerhalb eines separaten Gremiums absolut fördernd und essenziell. Natürlich kommt es auf die richtige Nutzung dieser Ressource an, sodass sie nicht nur schmückendes Beiwerk oder Imagefaktor bleibt, sondern eine Inspirationsquelle und Antrieb für Veränderung ist.

Sie sind vor Kurzem Mutter geworden. Gelingt der Spagat zwischen Berufs- und Familienleben?
Cramer
: Er gelingt – das ist die positive Nachricht. Aber es ist in der Tat ein Spagat. In der Gesellschaft herrscht schnell die Erwartungshaltung: „Die ist ja eine Powerfrau, die schafft Kind und Karriere mit links.“ Aber ich brauche meine linke und rechte Hand, einen Rucksack auf dem Rücken und viel Unterstützung um mich herum. Nur so kann ich überall einen guten Job machen. Ich war nach der Geburt drei Monate zu Hause. Dann war ich zurück bei Amorelie. Das wurde leider nicht überall gleichermaßen akzeptiert. Ich wünsche mir deshalb, dass Väter und Mütter mehr für ihre Wünsche kämpfen. Denn nur Unzufriedenheit führt zu Veränderungen.

Inwieweit sind Mütter aus Ihrer Sicht im Berufsleben in Deutschland noch immer benachteiligt? Was müsste getan werden?
Cramer
: Wir brauchen mehr Wohlwollen in der Gesellschaft sowohl für Mütter als auch für Väter. Wir sollten sie und ihre verschiedenen Lebensmodelle unterstützen und ihnen positiv gegenüberstehen, anstatt zu meckern und Nachteile zu suchen. Ob man nach der Geburt lange zu Hause bleibt oder schnell wieder in den Job geht – ich denke, wenn es den Eltern dabei gut geht und das Kind damit glücklich ist, haben wir als Gesellschaft alle gewonnen. Ich würde mir wünschen, dass sowohl Männer als auch Frauen von den Arbeitgebern mehr Veränderungen, zum Beispiel Flexibilität und Unterstützung einfordern. Ich erwarte auch, dass sich meine schwangeren Mitarbeiterinnen dafür einsetzen, dass sie eine geeignete Betreuung für ihr Kind bekommen. Sie selbst kennen die Argumente am besten, die dafür sprechen, dass sie Unterstützung erhalten und so Beruf und Familie vereinen können. Diese Argumente müssen Arbeitgeber auch zu hören bekommen. Dieser Anstoß zur Veränderung muss von denen kommen, die unzufrieden sind. Arbeitgeber werden leider in den meisten Fällen nichts von sich aus ändern. Nur wenn die Talente sich selbst einsetzen, werden sich auch die Arbeitgeber für sie stark machen und bessere beziehungsweise flexiblere Konzepte für die unterschiedlichsten Lebens- und Arbeitsmodelle mit Kind entwickeln. Zudem würde ich mir wünschen, dass mir das Elterngeld auch zusteht, wenn ich arbeiten gehen möchte, und nicht nur, wenn ich Zuhause mein Kind betreue. Natürlich nicht einfach als Zuschuss, sondern als Geld, welches ich verwenden kann, um es in die externe Betreuung zu investieren (wie Au-pair, Nanny, Tagesmutter etc.). Denn Mütter und Väter, die gern wieder in ihren Job zurückkehren, benötigen und verdienen auch finanzielle Unterstützung. Dafür erbringen sie nicht nur einen wirtschaftlichen Mehrwert, bringen ihre Karriere und ihr Unternehmen voran, sondern leisten auch einen sozialen Beitrag für unsere Gesellschaft.

Teil 1 - Mit Lust und Leidenschaft
Teil 2 - Bleib unzufrieden

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