Hamburg, 20.04.2017

Mehr als nur ein Spiel

Zocken, daddeln – ist doch Kinderkram? Weit gefehlt. Video spielen ist zum Milliardenmarkt avanciert. So wollen Unternehmen und Vereine auf den neuen Goldesel aufsatteln.

FIFA 17: Allein in Deutschland kicken rund fünf Millionen Menschen regelmäßig digital das Leder mit Stars wie Dortmunds Marco Reus

Als SKT T1 Faker mit dem Spielcharakter Ryze drei Gegner von Team KOO Tigers hintereinander erledigt, gibt es kein Halten mehr. Es ist die Entscheidung, das Spiel zu Ende, die Menge tobt. Gut 10.000 Menschen haben sich in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin versammelt, um das Weltmeisterschaftsfinale 2015 in League of Legends (LoL) anzusehen. Der Action-Echtzeitstrategietitel ist mit schätzungsweise 100 Millionen Spielern das beliebteste Online-Spiel der Welt und Faker sein größter Star. Dem bunten und für Neulinge schwer verständlichen Treiben wird auch am heimischen Bildschirm zahlreich zugeschaut. Angaben des Publishers Riot Games zufolge waren es allein bei der Weltmeisterschaft 2016 zeitgleich 14,7 Millionen.

Gaming für Große

Die Zahlen verdeutlichen: Die Branche ist den Kinderschuhen entwachsen. Der eSports-Markt ist milliardenschwer. Untersuchungen von Berater PricewaterhouseCoopers und den Videospiel-Marktforschern newzoo haben ergeben, dass weltweit rund 1,5 Milliarden Menschen regelmäßig Videospiele spielen. Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist die Zahl derjenigen, die ihnen dabei zusehen. 2016 blickten rund 256 Millionen Spielefans ihren Idolen virtuell über die Schulter. Neben LoL laden zahlreiche andere Spiele dazu ein, sich in ihnen zu messen. Zu den beliebtesten zählen etwa das digitale Sammelkartenspiel Hearthstone, der Ego-Shooter Counter-Strike und das Fußballspiel FIFA.

Nach Jahren, in denen wettbewerbsmäßiges Videospielen belächelt wurde, entdecken immer mehr Veranstalter und Unternehmen das eSports-Potenzial für sich. Durch mehr oder weniger große Engagements wollen sie die attraktive Zielgruppe für sich gewinnen – 69 Prozent aller Gamer sind zwischen 18 und 34 Jahre alt.

So hat sich etwa Schalke 04 digitale Verstärkung geholt. Seit 2016 hat der Fußballbundesligist ein FIFA- sowie ein LoL-Team unter Vertrag. Sie treten im Namen der Knappen in Ligen und bei Turnieren an. Mit Erfolg: Unter der Führung von FIFA-Teamcaptain Joshua Begehr (siehe unten) gewann etwa Cihan Yasarlar das Regional-Finale Paris der EA Sports FIFA Championship Series. Moritz Beckers-Schwarz, Vorsitzender der Geschäftsführung FC Schalke 04 Arena Management, erklärt: „Wir sehen uns als Vorreiter in einer Sportart, mit der wir in die Zukunft blicken wollen. Wir haben dies nicht kurzfristig entschieden, sondern nach langen Überlegungen, Beobachtungen und Analysen.“ Die Rechnung könnte aufgehen – nämlich wenn die nächsten Top-Begegnungen in LoL, FIFA und Co. in der Veltins-Arena stattfinden und Schalkes Teams dabei oben mitspielen.

Völlig neues Spielfeld

Es sind hohe Ansprüche. Doch woher sollen Vereine und Unternehmen wissen, welche Strukturen für ein eSports-Team nötig sind? Das Feld ist brandneu und Expertise rar gesät.

Unterstützung bieten Agenturen wie eSportsReputation. Die Berliner Gaming-Experten verstehen sich als Bindeglied zwischen Sportklubs, Unternehmen und der Videospielwelt. „Zu Anfang haben wir vor allem FIFA-Profis vermittelt“, sagt Michael Berchtold, Geschäftsführer von eSportsReputation. Begehr und seine Kontakte in die Gaming-Welt stellten sich dabei als unbezahlbar heraus. „Inzwischen können wir weit mehr. Wir bieten alles, von der Spielervermittlung über strategisches Reputationsmanagement bis hin zum Aufbau kompletter eSports-Abteilungen. Am Ende profitieren neben den Spielern auch Profiklubs sowie potenzielle Sponsoren von einer Zusammenarbeit mit uns.“

Das Geschäft läuft: Die Spieler sind erfolgreich, auf der Dreamhack Leipzig richtete eSportsReputation das FIFA-Turnier aus. Nun greift die Agentur in LoL an. Gerade wurde der internationale Top-Spieler Tristan „PowerOfEvil“ Schrage verpflichtet, mit weiteren LoL-Stars wird verhandelt. Ob „PowerOfEvil“ es mit Faker aufnehmen kann, wird sich zeigen.

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