Teil 3: "Manche Bereiche eignen sich nicht für renditeorientiertes Wirtschaften"

Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Wie sähe denn Ihrer Meinung nach ein besserer Umgang damit aus?
Wagenknecht:
Ich glaube, dass wir dort, wo es Netzwerkeffekte gibt, öffentliche Plattformen auf nicht-kommerzieller Basis brauchen. Das, was Amazon für den Kunden attraktiv macht, eine Online-Handelsplattform für eine riesige Auswahl an Produkten, könnten smarte Programmierer auf nicht-kommerzieller Basis ebenfalls bereit stellen. Auf solch einer Plattform könnten dann die Anbieter ihre Produkte online stellen. In dem Fall würden alle Gewinne an die Händler gehen, abzüglich einer gewissen Gebühr, um die zu bezahlen, die die Software bereitstellen und warten. Aber das wäre eine ganz andere Situation. Es gibt Bereiche, die sich nicht für renditeorientiertes Wirtschaften eignen. Früher hat man die ein natürliches Monopol genannt. Zum Beispiel Energie- oder Schienennetze. Und da gab es mal die volkswirtschaftliche Überzeugung, die die meisten Ökonomen geteilt haben, dass es für solche Bereiche nicht sinnvoll ist, sie für private Anbieter zu öffnen, weil es keinen Wettbewerb gibt, der die Jagd nach Rendite zähmen könnte. Und das gilt für die digitale Wirtschaft erst recht.

Birgt die Digitalisierung nicht auch die Chance, herkömmliche Strukturen aufzubrechen? Um zur Automobilindustrie zurückzukehren: Google beispielsweise forscht ebenfalls am selbstfahrenden, vernetzten Auto.
Wagenknecht:
Da sehe ich allerdings auch schon das nächste Problem: Wenn Googles Software irgendwann marktreif ist und in allen Autos aller Hersteller steckt, können diese von ihrer eigenen Wertschöpfung nur noch relativ wenig profitieren. Denn auch das ist ein Trend zur Monopolisierung: Wenn es irgendwann selbstfahrende Autos geben soll, dann müssen alle mit der gleichen Software vernetzt werden. Sonst ist die Fehleranfälligkeit viel zu groß. Und wenn ein privates Unternehmen das Patent auf diese Software hat, dann müssen alle anderen diesem Unternehmen exorbitanten Tribut zahlen. Hier ist die Positionen des deutschen Ordoliberalismus völlig richtig: Man muss verhindern, dass private Unternehmen eine solche Machtposition bekommen, in der sie kein Markt mehr reguliert. Sonst nimmt die Wirtschaft insgesamt Schaden.

Am Ende des Buches schlagen Sie neue Rechtsformen für Unternehmen vor. Kann Deutschland damit im internationalen Wettbewerb um Standorte bestehen?
Wagenknecht:
Sie wären sogar im internationalen Wettbewerb erfolgreicher. Bei größeren Unternehmen bin ich von einem Modell überzeugt, das ich Mitarbeitergesellschaft nenne. Dieses orientiert sich am Stiftungsmodell. Diese Unternehmen würden sich selbst gehören. Niemand würde sie auf auf Quartalsergebnisse festnageln, und kein externer Kapitalgeber könnte Geld rausziehen. Und sie laufen nicht Gefahr, dass Erben sich verstreiten und das Unternehmen dadurch schädigen. Für kleinere Unternehmen gäbe es natürlich weiterhin das klassische Privatunternehmen mit voller Haftung, in dem der Eigentümer vollen Anspruch auf den Gewinn hat. Aber hier haben wir es ja traditionell eben auch mit Unternehmern zu tun, die selbst im Unternehmen arbeiten, nicht mit bloßen Anlegern, die Kasse machen wollen.

Ich denke da allerdings auch an internationale Unternehmen, die die Wahl haben: „Eröffne ich einen neuen Standort in Berlin oder vielleicht doch lieber in Dublin?“
Wagenknecht:
Dafür sind aber auch andere Kriterien ausschlaggebend. Ich finde ohnehin, wir müssen etwas gegen den Dumping-Wettlauf tun. Davon profitieren sehr wenige, während sehr viele leiden. Wir erleben zurzeit in Europa Entwicklungen, die niemanden freuen sollten. Europa zerfällt, weil die sozialen Konflikte immer größer werden. Deshalb brauchen wir Regeln, die in allen europäischen Ländern einen solchen Dumping-Wettbewerb verhindern. Mein Wünsch wäre, dass es solche Rechtsformen dann nicht nur in einem Land gibt. Aber ich finde, wenn ein Land es einführt und das ist erfolgreich, dann ist das die beste Werbung dafür. Wenn wir warten, bis es irgendwer in Brüssel einführt, warten wir möglicherweise bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

 

1. Teil: Mehr Geld für Gründer

2. Teil: "Digitalisierung erzeugt starken Trend zum Monopol"

3. Teil: "Manche Bereiche eignen sich nicht für renditeorientiertes Wirtschaften"

4. Teil: "Wohlstand sollte nicht davon abhängen, ob man in eine arme oder reiche Familie geboren wurde"

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