ENDLICH SPASS

Selbst für moderne Männer ist der Klamottenkauf oft ein Horrortrip. Einen Ausweg aus dem Tal der Modesünden bietet Curated Shopping, der Einkauf mithilfe von Stylingprofis. Das geht auch übers Internet, wie Outfittery beweist


Stylistin: Die Berater stellen komplette Outfits zusammen. (Foto: PR)

Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Das sagte Karl Lagerfeld – um kurz darauf den Leger-Look, selbstverständlich in einer exklusiven Abwandlung, auf einer Modeschau zu präsentieren. Selbst wenn sich Modeideale immer wieder wandeln, bleibt ein Effekt stets gleich: Gutes Aussehen befördert das Wohlbefinden, und eine typgerechte und qualitativ hochwertige Garderobe sorgt für eine positive Außenwirkung. Das ist mittlerweile auch bei den Herren der Schöpfung Konsens. So wundert es nicht, dass Männermode ein Wachstumsmarkt ist. Knapp 16 Milliarden Euro setzten Einzelhändler 2014 mit Herrenbekleidung (Fachbegriff: HAKA – Herrenanzüge/Knabenanzüge) nach Angaben von Statista in Deutschland um – knapp ein Viertel des Gesamtumsatzes von über 61 Milliarden Euro, den Einzelhändler insgesamt mit Kleidung und Textilien erzielten, jedoch mit stark steigender Tendenz (2006: 14,4 Milliarden Euro).

GESCHLECHTERTRENNUNG IM LADEN

Auch wenn Männer beim Kleidungskauf aufholen, unterscheidet sich ihr Verhalten dabei von dem weiblicher Shopper. Deutlich wurde dies bei einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), welche die Marktforscher im Auftrag des Online-ShoppingServices Outfittery durchführten. Julia Bösch, zusammen mit Anna Alex Gründerin des Unternehmens, bringt es auf den Punkt: „Männer sind Jäger und gehen zielstrebig einkaufen, Frauen bummeln gern und sehen im Shoppen gar ein Freizeitvergnügen.“

PERSONAL SHOPPER NICHT NUR FÜR STARS

Die Idee für das Curated Shopping im Internet kam der früheren Zalando-Mitarbeiterin Bösch 2011 beim Besuch eines Freundes in den USA. Dem war der Einkauf lästig, und er engagierte einen Personal Shopper. Diese Stress-Vermeidungsstrategie ist in den USA schon lange kein Privileg von Hollywoodstars und It-Girls mehr. Auch besser situierte Durchschnittsverbraucher lassen sich von Stylisten in Kaufhäusern oder freiberuflichen Beratern aufpeppen.

Einen Popularitätsschub erhielt der Service vor allem durch die Stylistin Patricia Field, die für aufsehenerregende Outfits in der Serie „Sex and the City“ sorgte. Preiswert ist das Personal Shopping nicht. „Mit rund 100 Dollar pro Stunde muss man rechnen“, so Bösch. In Deutschland ist man mit rund 100 Euro dabei. Dagegen ist das Salär, das Kunden bei Outfittery zahlen, überzeugend günstig: Die Beratung durch einen der rund 150 Stilexpertinnen und -experten ist kostenlos. Der Kunde bezahlt lediglich den regulären Ladenpreis jener Kleidungsstücke, die er kauft. Wie bei anderen Onlinekäufen auch kann er Kleidungsstücke, die ihm nicht gefallen, zurückschicken. Um zu gewährleisten, dass die vorgeschlagenen Outfits den Kunden zusagen, müssen diese vorab ihre Vorlieben in einem Onlinefragebogen und am Telefon mitteilen. Erst dann stellt der Berater zwei bis drei Outfits zusammen. „Unsere Kunden schätzen die Vorauswahl“, sagt Bösch. „Männer wollen durchaus gut gekleidet sein, aber der deutsche Mann geht im Durchschnitt nur zweimal pro Jahr einkaufen, da ist das schwierig.“ So überrascht es nicht, dass Outfittery schnell erfolgreich wurde und bereits in verschiedene europäische Länder expandierte.

Rund 300.000 Kunden, meist im Alter zwischen 30 und 50 Jahren, betreuen die Berliner Stylisten inzwischen. Sie können aus rund 100 Labels auswählen, die, so Bösch, ein „erfahrenes Einkaufsteam“ zusammenstellt. „Wir vertreiben eine Mischung aus bekannten Marken wie Hugo Boss und jüngeren Labels“, beschreibt die Unternehmerin das Outfittery-Angebot. Zudem schickt das Unternehmen Einkäufer als Scouts auf Messen wie die Pitti Immagine Uomo in Mailand, um neue, hippe Marken zu entdecken. Auch die Stilexperten, die Kunden am Telefon beraten, kommen aus der Branche. Viele sind frühere Einzelhandelsverkäufer, die bei Outfittery den individuellen Kontakt zu Kunden schätzen. Immer mehr Kunden sind froh, dass Profis ihnen die Vorauswahl abnehmen. „Männer legen ab einem gewissen Alter großen Wert auf Qualität“, sagt Bösch. „Sie tragen ein Sakko meist drei bis fünf Jahre. Daher bieten wir Produkte in verschiedenen Preiskategorien. So haben wir zum Beispiel Hemden von circa 30 bis 450 Euro im Angebot.“ Damit das Sortiment noch weiter optimiert werden kann, lädt Outfittery immer wieder Kunden zum persönlichen Austausch ein. Dank Kundenbindungsaktionen und einer hohen Weiterempfehlungsrate erhöht sich der Bekanntheitsgrad des Unternehmens ständig. Er lag zum Zeitpunkt der GfKStudie schon bei beeindruckenden 32 Prozent. So ist die Onlinehandel-Expertin Bösch auch überzeugt, dass Outfittery weiter wachsen wird.

Bei der Frage, ob es Übernahmeangebote gibt von großen Playern im Modehandel, hält sie sich bedeckt. Und sagt dann bestimmt: „Unsere Perspektive ist, weiter selbstständig zu bleiben.“

DAS WICHTIGSTE IM ÜBERBLICK

  1. Curated Shopping ist neben den USA auch in Europa ein Wachstumsmarkt.
  2. Männer lassen sich gern online beraten.
  3. Der Markt für Männermode wächst schneller als der gesamte Bekleidungsmarkt

Mehr unter outfittery.de

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