Das Portal für Unternehmer, Gründer und Investoren
 

Durchstarten am Strand

Digitale Nomaden arbeiten über das Internet und erkunden gleichzeitig die Welt.  Der Badeort Jomtien in Thailand entwickelt sich zu einer ihrer Pilgerstätten.

Digitale Nomaden arbeiten über das Internet und erkunden gleichzeitig die Welt. Der Badeort Jomtien in Thailand entwickelt sich zu einer ihrer Pilgerstätten. Von Mathias Peer. Emmanuel Quemerais geht ins Büro wie andere an den Pool. Kurze Hosen, Dreitagebart, die oberen Hemdknöpfe offen. In Thailand, der vorübergehenden Wahlheimat des 30 Jahre alten Franzosen, bietet sich dieser Look an - besonders da der Strand nur zwei Minuten Fußweg entfernt ist. Es ist kurz nach zehn Uhr morgens, Quemerais bestellt sich einen Mango-Smoothie und klappt sein MacBook auf. Sonnenstrahlen spiegeln sich im staubigen Display. Die Wetter-App auf dem Smartphone zeigt für den Badeort Jomtien 34 Grad. Während die ersten Touristen am Meer flanieren, beginnt für ihn die Arbeit.

Quemerais ist Programmierer, hat einen Masterabschluss in Informatik und zwei Jahre lang in Paris gearbeitet. Weil er die Bürohierarchien nicht mochte und ihm das Abenteuer fehlte, entschied er sich für ein Gegenmodell zum klassischen Karriereweg. Der Pariser IT-Profi wurde zu dem, was man einen digitalen Nomaden nennt: Seine Arbeit als IT-Projektmanager kann er überall erledigen, wo es Internet gibt. Er nutzte diesen Vorteil und zog in den Senegal, die Ukraine, Vietnam - und schließlich nach Thailand. In dem Urlaubsland gefällt es ihm besser als zu Hause: "Ich gehe zwar nicht jeden Tag an den Strand", sagt er. "Aber ich liebe es, mit dem Motorrad die Küste entlang zu fahren."

Es ist die Hoffnung auf die ultimative Freiheit, die Quemerais und andere fasziniert: Digitale Nomaden hätten nicht nur fünf Wochen Jahresurlaub Zeit, um die Welt zu erkunden, sondern ein ganzes Leben, sagen die Verfechter dieses Lebensstils. Im Gegensatz zu klassischen Aussteigern müssen sie dafür nicht einmal ihren Beruf aufgeben: Informatiker, Texter, Designer - für die meisten von ihnen gibt es zumindest technologisch kaum einen Grund, an einem bestimmten Ort zu arbeiten.

Wie viele Menschen als digitale Nomaden unterwegs sind, ist nicht bekannt - erforscht ist die Gruppe bisher kaum. Eine Umfrage der Freiberuflerplattform oDesk unter ihren Mitgliedern gibt aber Hinweise darauf, dass der Lebensstil Zulauf hat: Jeder Zweite, der sich selbst als digitaler Nomade sieht, wurde das erst im vergangenen Jahr. Ein Großteil zieht eine positive Zwischenbilanz: Knapp 60 Prozent verdienen mehr als früher, vier von fünf gehen davon aus, lebenslang digitaler Nomade zu bleiben. Und 92 Prozent derjenigen, die vermehrt ortsunabhängig arbeiten, geben sogar an, glücklicher geworden zu sein.

Lässt sich der Traum vom ewigen Urlaub und endlosem Abenteuer also verwirklichen? Wer sich ein Bild vom digitalen Nomadentum machen möchte, hat in Thailand beste Chancen: Das südostasiatische Land zieht viele Freiberufler und Internetunternehmer an. Es locken nicht nur Traumstrände und das warme Klima. Auch die Lebenshaltungskosten sind sehr viel niedriger als in Europa - speziell für Existenzgründer ein Plus.

Dass unter den vielen thailändischen Urlaubsdestinationen gerade der Ferienort Jomtien, der neben der schmuddeligen Metropole Pattaya liegt und gut zweieinhalb Autostunden von Bangkok entfernt ist, zur Pilgerstätte der Nomaden wurde, liegt an Quemerais. Weil er selbst dort weder Internetanschluss noch einen Ort fand, um ungestört zu arbeiten, entdeckte der Programmierer die Marktlücke: Innerhalb weniger Wochen baute er eine Lagerhalle zu einem hippen Bürogebäude um - und bekam so ein zweites berufliches Standbein.

Im Backsteingebäude gibt es seit November vergangenen Jahres Schreibtische, Sofas, eine Bar, diverse iMacs und natürlich WLAN. Wer das alles nutzen will, kann sich mit einem Tages-, Wochen- oder Monatspass einmieten. Das Prinzip Coworking, das sich in Großstädten wie Berlin oder Paris längst etabliert hat, brachte Quemerais damit als Erster an einen thailändischen Strand. "Anchor" hat er es getauft, das sich gezielt an digitale Nomaden richtet - ein Ort zum Anlegen, bevor es wieder weitergeht.

Manche bleiben einige Tage, bei anderen dauert der Zwischenstopp länger. Der Deutsch-Spanier Joaquim de Jorge ist seit fast einem halben Jahr hier. Wie die meisten Menschen bei "Anchor" kann sich der 31-Jährige noch recht genau an den Moment erinnern, in dem er den Entschluss fasste, sein altes Leben hinter sich zu lassen. Es war morgens um kurz vor halb fünf, de Jorge machte sich auf den 90 Kilometer langen Weg zur Arbeit bei einer Eventagentur in Barcelona. Er war einer der wenigen Mitarbeiter der Firma, die infolge der Wirtschaftskrise noch nicht entlassen wurden. Dafür wurde sein Lohn gekürzt: von 1 400 Euro im Monat auf nur noch 900 zum Schluss. "Das wollte ich mir nicht mehr länger antun", sagt er.

Mit drei Bekannten machte er sich im Frühjahr in Thailand selbstständig: Ihr Start-up entwickelt Software für das Online-Marketing. Nicht alle Mitarbeiter sitzen am gleichen Ort. Kommuniziert wird über Skype und Facebook. "Wenn einer von uns verreist, nimmt er einfach sein Notebook mit", sagt de Jorge. Er mag es, unterwegs zu sein. Das habe er von seinem Vater, einem Lufthansa-Piloten.

De Jorge ist für die Finanzen zuständig. Üppige Gehälter kann er nicht auszahlen. In Thailand braucht er aber auch weniger Geld. Bevor er mit seiner Freundin ausgewandert ist, bezahlten die beiden 1 100 Euro für eine 70-Quadratmeter-Wohnung. Seine thailändische Unterkunft ist größer und kostet weniger: umgerechnet 250 Euro im Monat, Pool inklusive. Für perfekt hält er sein neues Leben jedoch nicht. "Jeder Vorteil kommt mit einem Nachtteil", sagt er, während er mittags die staubige Straße zum Restaurant in der Nachbarschaft entlanggeht. Wie viel er im nächsten Monat verdienen wird, weiß er nicht. "Mit der Freiheit kommt das Risiko, aber das nehme ich gerne in Kauf."

Während Netzapologeten die Chancen des freien und mobilen Arbeitens in den Vordergrund rücken, betonen Politiker die Gefahren. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel beklagte jüngst, dass "Click-und-Cloud-Worker ohne feste Arbeitszeiten" als "rechtlose digitale Tagelöhner" um global ausgeschriebene Jobs konkurrieren müssten. Auch IG-Metall-Chef Detlef Wetzel forderte zuletzt Mindeststandards bei der Bezahlung und Arbeitszeit für digitale Arbeit. Es gelte die Ausbreitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse zu verhindern.

Grenzenlos frei oder rechtlos und ausgebeutet? Tim Chimoy bemüht sich um eine differenzierte Sichtweise auf die digitalen Nomaden, zu denen er sich auch selbst zählt. Der Berliner Architekt ist gerade in Wuppertal, ab November überwintert er in Bangkok. Er liefert dreidimensionale Zeichnungen für deutsche Architekturbüros. Den Kunden ist egal, wo er sich dabei aufhält. Als Selbstständiger verdiene er mehr als früher als Angestellter, sagt Chimoy. Durch die vielen Reisen habe er mehr Freude am Leben. "Aber das ist nichts für jeden." Chimoy betreibt neben seinem Hauptberuf ein Blog, in dem er Tipps für das Leben als digitaler Nomade gibt.

Sein wichtigster: Bevor man losziehe, sollte man sich vergewissern, ob man für die Selbstständigkeit auch gemacht sei. "Man braucht ein gutes Geschäftsmodell und Disziplin", sagt er. "Es gehört auch dazu, die Aufträge abzuarbeiten, selbst wenn man gerade in einer interessanten Stadt angekommen ist und lieber ausgehen möchte." Wie man dazu steht, ist letztendlich vermutlich eine Typfrage. Als er mal mit Notebook am Pool saß, hörte Chimoy eine Frau zu ihrem Begleiter sagen: "Der arme Mann muss im Urlaub arbeiten." Chimoy erinnert sich, dass er das witzig fand. "Ich dachte: Die arme Frau muss in ein paar Tagen zurück ins Büro."

In Jomtien wird es gegen 18 Uhr dunkel. In den Bars der Nachbarschaft brennt schon Licht. Die Speisekarten sind auf Englisch und Russisch. Ausländer ist man hier gewohnt. Strandurlauber sind die überwiegende Mehrheit. Emmanuel Quemerais ist aber überzeugt davon, dass auch die Internetarbeiter mehr werden. Bei "Anchor" werden die Plätze knapp. Die fünf Einzelbüros sind auf Monate hin ausgebucht, auch das knappe Dutzend an Arbeitsplätzen im Gemeinschaftsraum ist oft komplett belegt.

"Da vorne richte ich in den kommenden Wochen noch neue Büros ein", sagt Quemerais und zeigt auf eine Ecke neben der Eingangstür. Ob er sich hier niederlassen werde, um das "Anchor" langfristig voranzutreiben? Quemerais winkt ab. "Hier für immer bleiben kommt nicht infrage", sagt er. "Als Nächstes würde ich gerne nach Indonesien reisen. Ich komme dann hin und wieder zurück und sehe nach dem Rechten."

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten
Mehr auf www.handelsblatt.com

Das interessiert andere Leser

  • Was tun mit dem Geld, Dr. Stephan?

    Mehr Mut zum Risiko fordert Dr. Ulrich Stephan, der Chefanlagestratege für die Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, bei Investments im Niedrigzinsumfeld.

  • Kollege Spitzensportler

    Die Praktikantenbörse für Unternehmen und Spitzensportler von Deutscher Bank, Deutscher Sporthilfe und Deutscher Unternehmerbörse hilft Athleten auf dem Weg in die zweite Karriere.

  • Tech-Szene sucht Trends

    Internet-Pionier Bob Metcalfe blickt beim Festival SXSW nach vorn.

  • Das Risiko der Haftung

    Beim Verkauf eines Unternehmens sollten die Vertragspartner genau regeln, wie lange und in welchem Maß der Alteigentümer für Gewährleistungen haftbar ist.

  • Immer top informiert: Der Handelsblatt Digitalpass

    Einmal kaufen. Alles nutzen. Testen Sie den Handelsblatt Digitalpass für 4 Wochen kostenlos.

  • Moving Mainstream

    Crowdfunding wird erwachsen. Europaweit sind fast EUR 3 Mrd. durch die Crowd finanziert worden, davon in Deutschland EUR 140 Mio. Die Uni Cambridge und EY schreiben eine spannende Analyse.

  • Leichtigkeit lernen

    Faszination Wellenreiten: Es dröhnt. Es rauscht. Und doch ist es ganz still. Surfen ist eine der kompliziertesten Sportarten der Welt. Und darum auch eine der entspannendsten.

  • Luxus am Handgelenk

    In der hohen Kunst der feinen Uhrmacherei kommt es auf echte Präzisionsarbeit an. Das DUB UNTERNEHMER-Magazin stellt einen Schweizer und zwei deutsche Qualitätshersteller vor.

  • lnterim Management – flexible Lösung beim Generationswechsel

    Nicht selten kommt es vor, dass in einem Familienunternehmen die Stabübergabe vorgezogen werden muss. Der potenzielle Nachfolger ist dann aber womöglich noch nicht übernahmebereit.

  • Spektakuläres Afrika

    Beeindruckende Landschaften, unendliche Weite und einzigartige Tierwelt – die Wiege der Menschheit ist ein magischer Ort.

  • Freundliche Übernahme

    Der Feinkosthandel „Il Nuraghe“ steht seit Jahrzehnten für höchste Qualität. Um ihr Lebenswerk zu sichern, entschieden sich die jeweils kinderlosen Gründer Richard Retsch und Gesuino Atzeni für eine externe ...

  • Viele Wege, ein Ziel

    Unternehmen verändern ihr Verständnis von Mobilität. Das starre Dienstwagen-Denken weicht flexiblen Reisekonzepten.

  • Durchstarten am Strand

    Digitale Nomaden arbeiten über das Internet und erkunden gleichzeitig die Welt. Der Badeort Jomtien in Thailand entwickelt sich zu einer ihrer Pilgerstätten.

  • Einmal von München nach Berlin

    Start-up-Firmen mit Internet-Ideen zieht es in die Hauptstadt. Das Kapital aber sitzt noch in Bayern.

  • How to start a startup

    Die Startup-Vorlesungsreihe aus der Stanford University geht weiter mit unserem "Export" Peter Thiel und Alex Schultz, VP of Growth bei Facebook.

  • König Mitarbeiter

    Wer heute die besten Nachwuchskräfte haben will, muss flexible Arbeitszeiten bieten - das ist die Überzeugung von Projektron, einem mittelständischen Softwareentwickler in Berlin.

  • Auf neuen Wegen ans Personal

    Der Fachkräftemangel entwickelt sich zunehmend zu einem Problem für die Unternehmen. Die Personalmanager müssen umdenken und bei der Mitarbeitersuche Kreativität beweisen.

  • Nicht ohne meine Tochter

    Im deutschen Mittelstand übernimmt die nächste Generation - selbst im konservativen Maschinenbau sind das immer öfter die Töchter. Und die setzen häufig auf Teamarbeit an der Spitze.

  • „Urlaub ist überflüssig“

    Martin Kind spricht Klartext. Beim DUB UNTERNEHMER-Dinner nahm der Hörgeräte-Magnat und Hannover-96-Boss zu den Themen Erfolg, Nachfolge und Fußball kein Blatt vor den Mund.

  • Schwarmfinanzierung wird erwachsen

    Bislang galt Crowdfunding als Finanzierungsalternative für Start-ups, witzige Ideen und Projekte mit Sozialtouch. Doch jetzt entwickelt sich diese noch junge Form der Kapitalbeschaffung.

  • Abenteurer der Steppe

    Wind im Gesicht, atemberaubende Landschaft vor Augen, von Gegenverkehr keine Spur – in den Weiten der mongolischen Steppe können Biker Gas geben und das Land erfahren.

  • Bescheiden zum Erfolg

    Gästehaus statt Palast: Papst Franziskus wohnt bescheiden und führt die katholische Kirche ganz ohne Pomp. Dabei handelt er nach dem Muster jesuitischer Ordensregeln. Was Unternehmer aller Konfessionen von ...

  • Alle Potenziale nutzen

    Die Ideen der Mitarbeiter sollen dazu beitragen, Kosten zu senken. Dafür braucht man ein funktionierendes System – und Führungskräfte, die ineffizientes Arbeiten sehen und verändern.

  • Auf die Marke kommt es an

    Noch immer zögern viele Mittelständler, ihre erfolgreichen Geschäftsmodelle konsequent zu vermarkten. Dabei lohnt sich die Investition in die Markenführung.

  • Mission Schaltzentrale

    In Oliver Franke reifte schon sehr früh der Wunsch, Unternehmer zu sein. Der Weg zu seiner heutigen Tätigkeit als Chef des vom Vater mitbegründeten technischen Industriedienstleisters Franke + Pahl war ...

  • Wettlauf gegen die Zeit

    Ob Berater, Ingenieur oder Manager: Vor manchen Geschäftsreisen ins Ausland sind ärztliche Untersuchungen Pflicht - doch nicht alle Firmen wissen davon.

  • Das Ende der großen Vorsicht

    Seit der Krise horten Firmen Eigenkapital. Nun stehen bei Mittelständlern wieder Investitionen auf dem Plan. Siewollen mutig sein.

  • Attraktives Geschäftsfeld für Freiberufler

    Onlineplattformen helfen bei der Suche nach Cloud-Experten.

  • Sind Sie sicher?

    Nahezu alle Betriebe werden mittels elektronischer Datenverarbeitung verwaltet, teils mit Tausenden Kundendaten täglich. Doch wiesteht es um den Schutz der Informationen und die Sicherheit der Abläufe? Zehn ...

  • Erfolg ist Verhandlungssache

    Zehnmal täglich verhandeln Führungskräfte im Schnitt. Wie gut sie sich in den Gesprächen durchsetzen, wird auch durch ihre Taktik bestimmt. Der Erfolg beginnt schon mit der Vorbereitung.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen

Jetzt Newsletter bestellen

DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick