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Aus Scheitern wird man klug

Wie Mike Mühlberger floppen viele Start-up-Unternehmer beim ersten Anlauf. Wichtig ist, aus den Fehlern zu lernen.

Nach gängigen Karrieremaßstäben war Mike Mühlberger einmal ziemlich weit oben. Er arbeitete wie schon der Vater für BMW, hatte einen schnellen Dienstwagen und trug als Leiter der Formel BMW Verantwortung.

Er legte die Grundlagen für die Formel-1-Fahrer von heute, verhandelte mit Größen des Rennsports wie Gerhard Berger und Bernie Ecclestone. Auch mit Sebastian Vettel war er unterwegs. Doch in die enge Konzernstruktur hat er nie recht gepasst - die Haare lang, Surfer und Motocrossfahrer, ein unabhängiger Revoluzzer-Typ. Trotzdem hat es kaum jemand verstanden, dass er 2010 ging. Mühlberger sagte: "Sicherheit ist kein Thema für mich" - und machte sich selbstständig.

Und heute? Der Unternehmer hat ein kleines Ladenbüro im Münchener Stadtteil Lehel. Im Schaufenster liegt ein Hund, trotz Dämmerung sind alle Lichter aus. Mike Mühlberger empfängt im Hoodie mit grünen Neonstreifen. Er komme auch mit wenig Geld aus, bemerkt er, "eigentlich müsste mir das peinlich sein." Kennt er doch auch bessere Zeiten.

Häufig ist ja die Rede davon, dass in Deutschland auch Scheitern möglich sein muss, damit eine echte Start-up-Kultur entstehen kann. In Amerika gilt das als hilfreiche Erfahrung. In Deutschland wird schief angeschaut, wer schon einmal versagt hat. Siemens-Chef Joe Kaeser zum Beispiel hat das kürzlich vor jungen Unternehmern angemerkt. Man müsse Fehler machen dürfen, nur allzu oft wiederholen dürfe man sie nicht.

Mühlberger ist solch ein Unternehmer vom neuen Schlag. Den Lebensstil aus BMW-Zeiten vermisse er ein wenig, er suche weiter den Erfolg. Doch bereut habe er seine Entscheidung für die Selbstständigkeit nie. Heute berät er mit seiner Bliphead GmbH andere Start-ups und hat Aufträge von großen Konzernen wie dem Bezahl-Fernsehsender Sky und dem Dax-Konzern Bayer für die Entwicklung von Apps. Und nebenbei ist er natürlich auf der Suche nach dem nächsten großen Ding.

Und dabei, das ist der Vorteil, wenn ein Projekt einmal gescheitert ist, kann der 44-Jährige von seinen Erfahrungen profitieren. Nach dem Ausstieg bei BMW hatte er einen "Business Angel" als Investor von seinen Ideen überzeugt und sbob.me entwickelt, eine Flirting-App ähnlich wie Tinder. "Ich hatte es unterschätzt, in einen völlig neuen Bereich zu gehen", erinnert sich Mühlberger, "ich konnte gar nichts und habe die digitale Welt nicht verstanden." Er musste schmerzhaft lernen, dass in der IT-Branche kaum etwas pünktlich fertig wird, und dass die Aufstellung des Teams enorm wichtig ist. Wichtiger noch als die Idee selbst.

"Das Set-up muss passen", sagt Mühlberger. Am wichtigsten aber ist, dass das Geschäftsmodell funktionieren muss. Eine App haben schon viele entwickelt und gedacht, dass sich damit doch Geld verdienen lässt. "Doch der Markt muss genau danach schreien", so Mühlberger, "nur dann hat man eine Chance, die kritische Masse zu erreichen."

Es ist dieser neue Realismus, der in großen Teilen der Start-up-Szene Einzug gehalten hat. "Eine neue App, ein neuer Onlineshop oder eine neue E-Commerce-Lösung stehen allein nicht mehr für ein gutes Geschäftsmodell", sagt Carsten Rudolph, Chef des Netzwerks BayStart-up. Es gehe darum, zu fragen: "Wie nutze ich die Möglichkeiten des Internets und der digitalen Technologien, um echten Nutzen für Kunden zu generieren?"

Bahnbrechend Neues im E-Commerce zu erfinden sei kaum noch möglich. Wichtig sei es, Anwendungen zu finden, bei denen die Digitalisierung einen tatsächlichen Mehrwert schafft. Als Beispiel nennt er die App eGym, die Fitnessgeräte digital vernetzt und die Trainingsdaten des Nutzers individuell auswertet. Ein anderes Beispiel sei Navvis mit einer Technologie für Indoor-Kartografie, die zum Beispiel in Museen oder großen Firmenhallen zum Einsatz komme. Die Idee muss helfen, ergänzt Mühlberger, ein echtes Problem zu lösen. Mit "Nice-to-have"-Produkten lasse sich kein Geld mehr verdienen.

Diese Erfahrung mussten schon viele Start-ups machen. Denn in Deutschland wird zwar nur selten darüber geredet. Doch dass ein Geschäftsmodell nicht funktioniert, ist die Regel, nicht die Ausnahme. Viele neue Projekte, wie etwa Apps oder Onlineshops, werden mit großem Pomp gestartet - und dann leise eingestellt. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Rousseau Associates kommen in Deutschland nur 78 Prozent der Start-ups über das erste Jahr hinaus. Erhebungen des Statistischen Bundesamts zufolge überleben weniger als 50 Prozent aller Unternehmensneugründungen die ersten fünf Jahre.

Wichtig für Gründer ist, dass sie dazulernen. Mit seiner zweiten Idee kam Mühlberger schon einen Schritt weiter - obwohl sie am Ende auch nicht funktionierte. Mit Spreya entwickelte er eine Art digitales schwarzes Brett. Eine optisch schöne, nutzwertige App ist das. Die Nutzer konnten zum Beispiel sehen, wer in ihrer Nähe etwas zu verschenken hat, einen Mitbewohner sucht oder Hilfe benötigt. "Solange die Laternenmasten in der Stadt voll mit Zetteln sind, gibt es den Bedarf", ist Mühlberger überzeugt. Auf vier Millionen Besucher brachte er es mit Spreya und 30 000 aktive Nutzer. Das klingt nach viel, für ein tragfähiges Geschäftsmodell reicht es mit diesem sogenannten "Use-Case" aber auch noch nicht. "Einen Markt gibt es, aber der Markt giert noch nicht danach." Auch technisch war die App lange nicht stabil genug. Mühlberger hat das Marketing mittlerweile eingestellt. Er will die App nun weiterentwickeln, so dass Flüchtlinge sie nutzen können. An guten Ideen mangelt es ihm nicht.

Der neue Realismus, ist Netzwerker Rudolph überzeugt, tut der Start-up-Szene gut. Es gebe keinen "entfesselten Hype" mehr, sondern eine nachhaltige Entwicklung. Die Gründer hätten gelernt, die Solidität von Geschäftsmodellen zu hinterfragen. Sei diese gegeben stehe auch genug Investorengeld bereit. Das bedeutet weitere Chancen für Mühlberger. Auch nach zwei gescheiterten Anläufen sagt er: "Ich lebe meinen Traum." München sei zwar ein hartes Pflaster für Gründer. Doch wer es dort schaffe, könne es überall schaffen. Beim Motocross habe er sich gut ein Dutzend Mal die Knochen gebrochen, und trotzdem setze er sich immer wieder aufs Motorrad. "Wenn du vor der Landung Angst hast, darfst du gar nicht erst auf den Absprung zufahren."


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