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„Dringend aufholen“

Nach Ansicht von FDP-Generalsekretärin Nicola Beer kann sich Deutschland digitales Analphabetentum nicht leisten.


 

Nicola Beer: Die zweifache Mutter und ehemalige hessische Kultusministerin ist seit 2013 Generalsekretärin der Freien Demokratischen Partei Deutschlands (Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka)

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Wie beurteilen Sie den Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitswelt?

Nicola Beer: Die Entwicklung ist so tief greifend, dass wir nicht absehen können, was alles möglich sein wird. Wir müssen das als Chance begreifen. Das fängt bei der Bildung an.

Was bedeutet das?

Beer: Ziel müsste es sein, die Erwachsenen weiterzubilden und auch schon die Kinder fit zu machen. Die internationale ICILS-Studie hat ergeben, dass deutsche Schüler im Vergleich von computer- und informationsbezogenen Kompetenzen nur im Mittelfeld liegen. Hier müssen wir dringend gegensteuern. Deutschland kann sich digitales Analphabetentum schlicht nicht leisten. Die beste Sozialausgabe ist ein Milliardenprogramm für digitale Bildung.

Passiert das nicht längst?

Beer: Derzeit bereiten wir unsere Kinder nur ungenügend vor. Wir müssen dringend aufholen. Es bedarf dazu Schulen mit guter personeller und technischer Ausstattung. Digitale Bildung muss als fester Bestandteil in der Aus- und Weiterbildung von Lehrern verankert werden.

Was machen Taxi- und Lkw-Fahrer, wenn autonomes Fahren Standard wird? Was wird aus Krankenpflegern, wenn Roboter ihre Aufgaben übernehmen? Was wird aus Postboten, wenn die Auslieferung mithilfe autonomer Autos oder Drohnen funktioniert? Ist unser Bildungssystem auf die Veränderung von Berufsbildern vorbereitet?

Beer: Die Digitalisierung verändert wieder einmal unsere Arbeitswelt. Als die E-Lok die Dampf-Lok ablöste, fielen auch die Heizer weg – und haben sich umorientiert. Ja, es werden Berufe wegfallen, aber es werden ebenso neue entstehen, die wir heute noch gar nicht kennen. Darauf müssen die Schulen vorbereiten, doch darauf müssen sich auch diejenigen vorbereiten, die heute schon im Berufsleben stehen. Wir müssen uns darauf einstellen, ein ganzes Leben lang zu lernen und offen zu sein für neue Berufe. Umgekehrt müssen Personaler in den Unternehmen lernen, Arbeitsbiografien neu zu lesen. Wer früher vielleicht im Job Probleme hatte, dem kann sich plötzlich eine neue Chance bieten und er kann somit auf einmal durchstarten. Wir brauchen mehr Offenheit und Flexibilität als bisher – und zwar bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Gleichzeitig wird das Arbeiten selbstbestimmter, orts- und zeitunabhängiger, projektorientierter werden – das eröffnet neue Perspektiven für viele, gerade auch solche, die heute noch nicht Vollzeit arbeiten beziehungsweise arbeiten können.

Deutschland, das Land der Tüftler und Erfinder, leidet unter einem Fachkräftemangel, der sich durch die demografische Entwicklung noch verstärken wird. Wir brauchen eine Stärkung der MINT-Fächer. Wir müssen in Deutschland wieder mehr Interesse an Innovation entwickeln, von Kindesbeinen an. Dies ist umso dringender, als eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC und des Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstituts Wifor zu dem Ergebnis kommt, dass im Jahr 2030 von potentiell vier Millionen fehlenden Arbeitskräften nur etwa die Hälfte durch die Digitalisierung kompensiert werden kann. Es werden vor allem IT-Experten gebraucht werden. Dem muss unser Bildungssystem Rechnung tragen.

Angela Merkel geht davon aus, dass Kinder in der Schule neben Rechnen, Schreiben und Lesen zukünftig auch Programmieren als Grundlage lernen werden. Wie gut bereiten unsere Schulen die Kinder auf die Herausforderungen von morgen vor?

Beer: In diesem Fall hat die Kanzlerin vollkommen Recht. Ich frage mich nur, warum sie sich nicht schon längst dafür stark gemacht hat. Derzeit bereiten wir unsere Kinder nur ungenügend auf die Herausforderungen und die Chancen der Digitalisierung vor. Wir müssen dringend aufholen. Es reicht jedoch nicht, die Curricula zu ergänzen. Unsere Kinder brauchen dazu Schulen mit entsprechender personeller und technischer Ausstattung. Digitale Bildung muss als fester Bestandteil in der Aus- und Weiterbildung von Lehrern verankert werden. Lehrer müssen fit werden im Umgang mit und beim Einsatz von neuen digitalen Medien, ebenso wie im Vermitteln der technischen Zusammenhänge und der Auswirkungen der Digitalisierung. Denn der Lehrer bleibt im Lernprozess auch im Zeitalter der Digitalisierung die zentrale Figur. Ohne motivierte und kompetente Lehrkräfte werden wir diese Herausforderungen nicht meistern. Und: Das digitale Klassenzimmer muss die Regel statt die Ausnahme sein. Die FDP will daher in den nächsten fünf Jahren pro Schüler zusätzlich insgesamt 1.000 Euro für Technik und Modernisierung investieren. Die technische Aufrüstung erfordert einen finanziellen Kraftakt. Wir wollen einen Bildungspakt in Form eines Staatsvertrages zwischen Bund und Ländern, hier soll der Ausbau der digitalen Infrastruktur und die Lehrerqualifizierungsoffensive geregelt werden.

Teil 1: „Dringend aufholen“

Teil 2: „Lebenslanges Lernen muss Normalität und Realität werden“

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