Teil 3: „Mehr Risiko wagen, um nicht im Geschichtsbuch zu landen“

Sollten Unternehmen mit Förderungen der öffentlichen Hand bei der Umstellung auf digitale Prozesse unterstützt werden? 

Whittaker: Mit Subventionen tue ich mich immer schwer. Wenn der Staat finanzielle Unterstützung leisten soll, dann im Bereich der Aus- und Weiterbildung. Mit solchen Förderungen leistet der Staat einen Beitrag zur Prävention von Arbeitslosigkeit.

Inwieweit ist das in der deutschen Kultur verankerte Sicherheitsdenken ein Hindernis für die schnelle Entwicklung disruptiver Geschäftsmodelle?  

Whittaker: Ich höre in Deutschland immer wieder, dass viele Dinge „historisch gewachsen“ sind. Das spricht für unsere Fähigkeit, langfristige und strategische Entscheidungen zu treffen. Auf der anderen Seite hält es uns manchmal davon ab, auf Trends zeitnah zu reagieren, und das kann fatal sein. Deshalb glaube ich, dass wir in Zukunft mehr Risiko wagen müssen, um nicht im Geschichtsbuch zu landen.

Warum haben wir in Deutschland keinen Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg?

Whittaker: Es fehlt an Risikobereitschaft bei jungen Menschen wie bei Unternehmen. Zum einen beobachte ich, dass es in der amerikanischen Gesellschaft eine größere Bereitschaft zur Selbstständigkeit gibt als hierzulande. Mittlerweile gilt in Deutschland das unbefristete Arbeitsverhältnis bei einem Großkonzern als Traumvorstellung. Zum anderen scheuen viele Unternehmen in Deutschland Investitionen in Start-ups, die ihr Geschäftsmodell womöglich infrage stellen.

Google, Apple, Facebook und Amazon besitzen einen Marktwert von 1,7 Billionen Dollar, was dem BIP von Kanada entspricht. Die vier Internet-Riesen stecken 30 Dax-Firmen in die Tasche und sind jedweder demokratischen Kontrolle entzogen. Unterlaufen die Branchenriesen die offizielle Politik?

Whittaker: Das sehe ich anders. Diese Unternehmen haben sich genauso an Recht und Gesetz zu halten wie jede andere Firma auch. Die Schwierigkeit liegt vielmehr darin, länderübergreifend einheitliche Standards zu schaffen. Ein positives Beispiel dafür ist die EU-Datenschutz-Grundverordnung.

Die US-Wahlen haben die Relevanz sozialer Netzwerke für den Ausgang einer Wahl gezeigt: Kurze, schnelle Polemik mobilisiert Massen. Wie verändert das die Politik?

Whittaker: Soziale Netzwerke können Massen schnell mobilisieren. Der Arabische Frühling ist ein wichtiges Anschauungsbeispiel dafür. Eine solche Massenmobilisierung erhöht den Druck auf die Politik, Probleme zu lösen.

Wie hat die Digitalisierung Ihren ganz persönlichen Alltag in Beruf und Freizeit verändert? Gibt es digitale Produkte oder auf digitalen Prozessen basierende Dienstleistungen, die Sie besonders faszinieren?

Whittaker: Ich kann dank der Digitalisierung von überall aus arbeiten. Das ist ein großer Vorteil, weil ich oft unterwegs bin. In meinem Büro speichern wir Dokumente nur noch digital ab – das spart Papier und macht mir das Leben einfacher.

Teil 1: „Staat als Treiber der Digitalisierung“

Teil 2: „Die Arbeit ist noch nie ausgegangen“

Teil 3: „Mehr Risiko wagen, um nicht im Geschichtsbuch zu landen“



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