Das Portal für Unternehmer, Gründer und Investoren
 

Hamburg, 30.06.2017

Teil 2: „Nutzt dies wirklich dem Menschen?“

 

Welche Rolle spielt Sprachanalyse für Sie im Zusammenhang mit KI?

Welche Rolle spielt Sprachanalyse für Sie im Zusammenhang mit KI?
Baas:
Baas: Sprachanalyse- und -verwertungstools sind ein mächtiges Instrument mit viel Zukunftspotenzial. Bislang konnten lediglich reine Informationen in verwertbare Daten umgewandelt werden. Wenn wir heute bei der TK fünf Stichpunkte aus dem Schriftverkehr mit einem Kunden dokumentieren, geht uns die emotionale Information, sprich: wie ist die Tonalität des Briefes, verloren. Theoretisch ist das erfassbar, aber praktisch von Menschenhand zu aufwendig. In Zukunft könnte man mithilfe der KI solche Informationen zu Daten machen. Es gibt bereits Software, die in den ersten Sekunden eines Telefonates an der Stimme erkennen kann – und zwar mit einer höheren Treffgenauigkeit als der Mitarbeiter –, in welcher emotionalen Verfassung der Anrufer ist und ermöglicht, entsprechend darauf einzugehen. Das zeigt, was heute schon möglich ist. Sprache ist eine Information, die auf jeden Fall ihren Wert hat.

Basis für den Einsatz von KI sind Patientendaten. Diese sind allerdings sensibel zu handhaben, der Umgang mit ihnen unterliegt Regeln. Braucht es den gläsernen Patienten, damit KI helfen kann?
Baas:
Die elektronische Patientenakte ist sinnvoll, um den Patienten im Management seiner Krankheit zu unterstützen, ihm zum Beispiel einen Arzt oder den besten Behandlungspfad empfehlen zu können. Wir arbeiten schon heute daran, solch eine Akte unseren Versicherten so schnell wie möglich zur Verfügung zu stellen. Grundsätzlich gilt dabei, dass Patientendaten von niemandem automatisch eingesehen werden dürfen – auch nicht von der Krankenkasse oder vom Arzt. Die Hoheit über seine Daten muss der Patient stets selbst behalten. Ohnehin machen sich beim Thema Datenschutz viele Menschen oft nicht klar, wie und wo sie ihre persönlichen Daten schon heute preisgeben. Das geschieht beispielsweise umfassend über soziale Medien. Wir überlegen uns im Detail, wo und unter welchen Rahmenbedingungen KI einsetzbar ist und wie dabei die Privatsphäre weitestgehend gewahrt bleibt. Auf jeden Fall wird der Umgang mit Daten reguliert werden müssen.

Wie integrieren Sie die für den Einsatz von KI notwendigen Prozesse in der TK, und wann wird es die ersten KI-Lösungen in Ihrem Haus geben?
Baas:
Am Ende ist das eine Frage der KI-Definition. Mit intelligenten Formen der Datenauswertung arbeiten wir schon heute. Fakt aber ist: Viele unserer Serviceleistungen werden im Hintergrund künftig eine KI-Funktion haben. Aber natürlich wird es auch in zehn oder 20 Jahren noch Menschen bei der TK geben. Denn KI bedeutet nicht, menschliche Fähigkeiten zu ersetzen, sondern, diese zu ergänzen. Was unsere eigene Aufstellung anbelangt, so verfügen wir mittlerweile über eine Einheit, die sich ausschließlich mit Themen wie KI oder neuronalen Netzwerken beschäftigt. Für sinnvolle Anwendungen der dahinterliegenden Mathematik brauchen wir Spezialistenwissen. Zentral aber ist, dass eine solche Abteilung übersetzungs- und andockfähig ist. Übrigens setzen wir mit unserer großen IT auf eigene Datenspeicher und geben nichts nach draußen oder in eine Cloud.

Mit welchen Devices wird man mit den Versicherten künftig dessen Daten aufnehmen und über dessen Gesundheit kommunizieren?
Baas:
Wir haben jüngst unsere neue TK-App präsentiert, in die unter anderem in unser Bonussystem integriert ist. Auch dabei gilt wieder unser oberstes Mantra der Datensicherheit: Dem Patienten obliegt der exklusive Zugriff auf seine Daten. Via App bekommt der Versicherte beispielsweise gemeldet, wenn er ein Bewegungsziel erreicht hat. Die TK selbst erhält lediglich diese Information, erfährt aber nicht, ob der Versicherte dafür x Kilometer gelaufen ist. Bei mobilen Geräten ist die App seit fast zehn Jahren eine ganz selbstverständliche Art der Kommunikation. In 20 Jahren aber, wird es sicher nicht mehr die App, sondern eine ganz andere Form von digital gekoppelter Kommunikation sein. Unternehmen müssen sich deshalb schon heute darauf vorbereiten – und zwar unabhängig von der Schnittstelle: heute die App, morgen das Hologramm und übermorgen vielleicht das Hirnimplantat. Intern arbeiten wir bei der TK daran, eine grundsätzliche digitale Logik zu entwickeln und unsere Prozesse so umzubauen, dass wir die jeweils kommende Schnittstelle befüllen können. Wir wollen nicht jedes Mal neu anfangen – sondern schon heute digital fit sein.

Werden wir uns als Gesellschaft der KI so öffnen können, dass alle von der Technologie profitieren?
Baas:
Die Frage ist, wo wir in der technischen Entwicklung und der Umsetzung dieser Möglichkeiten in der Realität stehen. Nicht allein der technologische Stand gibt die Geschwindigkeit vor, in der sich unser Alltag verändert, sondern auch die Beharrungskräfte in der Gesellschaft. Die Herausforderung, auch für uns als Unternehmen, ist es, nicht allein dem technisch Machbaren hinterherzurennen, sondern immer zu hinterfragen: „Nutzt dies wirklich dem Menschen?“

Wie sehen Sie den Einsatz der KI in der Zukunft, wenn es um die alternde Bevölkerung geht?
Baas:
Die demografische Entwicklung birgt in der Tat ein Rieseneinsatzgebiet für die Künstliche Intelligenz. Bei der TK arbeiten wir gerade an einem großen Projekt im Rahmen des Innovationsfonds – es geht hier um das Thema „Leben im Alter“. Für die Betreuung älterer Menschen beschäftigen wir uns beispielsweise mit „intelligenten Wohnungen“. Wir untersuchen, wie eine smarte Wohnung unterstützen oder im Extremfall auch erkennen kann, dass ein älterer Mensch ein Problem hat und akut Hilfe braucht. Ein Beispiel ist ein neuer Dienst, der einen Hilferuf via Alarmanlage absetzt, wenn jemand stürzt. In die Zukunft gedacht: Ich bin sicher, dass die direkte Kommunikation ein großer Fortschritt und ein mögliches Einsatzgebiet für die KI gerade bei älteren Menschen ist.

Ein Zukunftsszenario: Werden wir in zehn Jahren mit einer KI über sensible Themen wie Pflege-Angelegenheiten sprechen?
Baas: 
Auch noch in zehn Jahren wird der Mensch mit einem anderen Menschen reden wollen, wenn er ein sensibles Thema hat. Derjenige, dessen Eltern pflegebedürftig sind, will das nicht mit einer KI besprechen. Vielleicht frage ich aber vorab über eine KI die Grundinformationen ab. Danach will ich das aber zwischenmenschlich regeln und jemanden fragen, was am besten zu tun ist. Dass Menschen grundsätzlich nicht mehr mit anderen Menschen über so ein Thema reden, sondern lieber mit einer KI, werde ich in meinem Arbeitsleben wohl nicht mehr erleben. Wenn ich über dieses Zeitfenster hinausblicke, glaube ich allerdings schon, dass die Kommunikation mit künstlicher Intelligenz ein gesellschaftliches Thema werden kann - mit allen Chancen und auch Risiken.

Ein Blick in die Zukunft: Werden künstlich intelligente Roboter irgendwann ein Bewusstsein entwickeln? Werden Maschinen uns überlegen sein?
Baas:
Dahinter steckt die schon fast philosophische Frage, wie man Bewusstsein definiert. Wird sich KI so entwickeln, dass selbst Psychiater nicht mehr erkennen können, ob es sich um künstliche oder natürliche Intelligenz handelt? Aus meiner Sicht werden wir diesen Punkt erreichen. Ob dass allerdings die Definition von „Bewusstsein“ im Sinne von „sich seiner selbst bewusst sein“ erfüllt, wird lange eine philosophische Frage bleiben.

Wie wird sich die Arbeit mit Daten in der Zukunft verändern und wie mit ihr unsere Jobs?
Baas:
Die Jobs werden höher qualifiziert sein. Denn relativ einfache Arbeitsaufgaben werden zunehmend vom Computer erledigt werden können. Es wird deshalb darum gehen, die Mitarbeiter weiter zu qualifizieren und an Schnittstellen einzusetzen. Einfache Prüfungen könnte man die KI erledigen lassen und Mitarbeiter so entlasten. Bei den schwierigen Bearbeitungsfällen wäre dann der Mensch wieder stärker gefragt

Zur Person
Jens Baas ist seit 2011 im Vorstand der Techniker Krankenkasse und seit 2012 deren Vorstandsvorsitzender. Davor war er Berater bei der Boston Consulting Group. Die Medizin kennt er auch aus der Krankenhaus- Perspektive: Er praktizierte an verschiedenen chirurgischen Universitätskliniken.

Teil 1: Das neue Penicilin

Teil 2: „Nutzt dies wirklich dem Menschen?“

Nach oben

Das interessiert andere Leser

  • Folge-Wirkung

    Wer übernimmt das Unternehmen? Ein Familienmitglied oder doch jemand Externes? Rechtsanwalt Dr. Daniel Mundhenke über eine der entscheidenden Fragen bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger.

  • Familienunternehmen erwärmen sich für einen Einstieg von Private-Equity

    Beteiligungsgesellschaften waren lange ein rotes Tuch für deutsche Familienunternehmen. Nun findet ein Umdenken statt – auch getrieben durch fehlende Optionen.

  • So läuft eine Due Diligence ab

    Steuernachforderungen, hohe Abfindungssumme, verzwickte Kundenbeziehungen: Risiken bei einem Unternehmenskauf gibt es viele. Eine Due Diligence ist deshalb zwingend erforderlich.

  • Beiräte in Franchisesystemen

    Wie wird ein Beirat organisiert? Was sind die Aufgaben und die Arbeitsweise? Und welche positiven und negativen Aspekte gibt es? Erfahren Sie mehr über Beiräte in Franchisesystemen.

  • Mama startet durch

    Als Mutter erfolgreich im Job zu sein, ist in Deutschland oft nicht leicht. Die Erfolgsgeschichten zweier Start-up-Gründerinnen zeigen, wie es dennoch geht.

  • Starke Motivation

    Das Nahziel von Bobfahrer Thorsten Margis und Rennrodler Julian von Schleinitz (Foto) ist die erfolgreiche Teilnahme bei Olympia 2018. Ihre Fernziele: Mastertitel und Promotion an der Hochschule.

  • Smarter leben

    Neue Technologien machen die eigenen vier Wände intelligent. Arne Sextro, Smart-Home-Experte bei EWE, über Chancen und Möglichkeiten ferngesteuerter Haustechnik.

  • Falsche Vorstellung

    Die Berater von Project Partners sind Spezialisten für die Umsetzung der Blockchain. Wie sich ein Unternehmen der Technologie öffnen kann, erfahren Sie im Interview.

  • Seit 2012 Blockchain-User

    Estland ist digital ganz vorn dabei. Riina Leminsky, Leiterin der Wirtschaftsförderung Estlands in Deutschland, über erste Anwendungen der Technologie.

  • Bessere Entscheidungen

    Über 600 Millionen Euro an ausgezahlten Krediten – auxmoney ist ein führender Kreditmarktplatz in Kontinentaleuropa. CEO Raffael Johnen über die Digitalisierung des Kreditmarkts.

  • Erfolgsrezept: Loslassen lernen

    Ein pragmatischer Ansatz zur Umsetzung eines Nachfolgeprojektes bei einem Mittelstandsunternehmen in der metallverarbeitenden Industrie.

  • Unternehmensbewertung: Das müssen Sie beachten!

    Unternehmen zu bewerten ist alles andere als trivial. Es kommen verschiedene Methoden infrage. Wie sich ein Preis für ein Unternehmen ermitteln lässt, zeigt unsere Übersicht.

  • 20 Tipps für die Selbstständigkeit

    Befreit von Hierarchien Ideen umzusetzen, ohne sich absprechen zu müssen – das sind nur einige der Vorteile. Doch viele unterschätzen den Aufwand und die neue Verantwortung.

  • Deutsche Unternehmen zögerlich beim Kauf von Startups

    Um im Wettbewerb zu bestehen, brauchen Unternehmen Innovationen. Startups zu übernehmen, ist aber nicht an der Tagesordnung.

  • Das sind die wichtigsten Kommunikationsregeln bei einer M&A Transaktion

    Wenn eine Firma die andere kauft, dann kann viel schiefgehen. Eine laienhafte Kommunikation ist eine große Gefahr für eine M&A Transaktion.

  • Wie läuft die Systemintegration ab?

    Eine Hauptleistungspflicht des Franchisegebers ist es, den Franchisenehmer in das Franchisesystem zu integrieren. Erfahren Sie mehr über den Ablauf und die Inhalte der Systemintegration.

  • Stressfrei studieren

    Studieren gleicht einem Fulltime-Job. Klausuren, Hausarbeiten und knappe Deadlines treiben den Adrenalinspiegel deutlich in die Höhe. Was dagegen hilft.

  • CEO-Interview: Dynamischer Prozess

    Künstliche Intelligenz avanciert zum Treiber des digitalen Wandels. Im DUB UNTERNEHMER-Magazin geben CEOs und führende Manager exklusive Einblicke in die Transformationsprozesse ihrer Unternehmen.

  • Jung, begabt, sucht ...

    ... findet und kauft Firma: Ein neues Modell aus den USA bringt Käufer und Verkäufer elegant zusammen.

  • So sieht eine ideale Digital Due Diligence aus

    Ob ein Unternehmen fit für die digitale Zukunft ist, lässt sich mit der Digital Due Diligence überprüfen. Ein Teil davon ist die IT Due Diligence.

  • Welches Konzept passt zu mir?

    Ein Franchisesystem, das universeller Erfolgsgarant für jedermann ist, gibt es nicht. Das Konzept sollte Ihnen ein solides Einkommen bieten - da ist sorgfältiges Selektieren angesagt.

  • Judoka ist „Sport-Stipendiat des Jahres 2017“

    Theresa Stoll, EM-Zweite und Medizin-Studentin, ist „Sport-Stipendiat des Jahrs 2017“– eine Auszeichnung von Deutscher Bank und Deutscher Sporthilfe.

  • Leasing: Tipps für Gewerbetreibende

    Bei Firmenwagen ist Leasing weit verbreitet. Worauf Unternehmer im Kleingedruckten achten müssen und welche Alternativen es gibt.

  • Konfliktsituationen in Franchise-Partnerschaften

    Wie das Risiko von Konflikten in Franchise-Partnerschaften reduziert werden kann, lesen Sie hier.

  • „Zuschüsse nutzen“

    Nicht nur Käufer von Unternehmen haben Anrecht auf finanzielle Unterstützung, es gibt sie auch für Verkäufer.

  • Prinzip einfach

    Um zu unternehmerischem Wachstum zu gelangen, müssen Unternehmer eine passende Vorgehensweise entwickeln. Überzeugend sind Strategien, die sich in wenigen Worten zusammenfassen lassen.

  • Die Rolle der D&O-Versicherung für Unternehmensnachfolger

    Haben Sie als Unternehmensnachfolger schon geprüft, ob das begehrte oder bereits gekaufte Unternehmen über eine D&O-Versicherung verfügt?

  • Franchisegründungen haben Vorteile bei der Finanzierung

    Eine Gemeinsamkeit haben Franchise- und Individualgründungen auf jeden Fall – das Vorhaben muss solide und langfristig finanziert sein. Welche Vorteile Franchisegründungen haben, lesen Sie hier.

  • Digitalisierung der Integration von neuen Franchise-Partnern in das Franchise-System

    Erfolgreiches Franchising braucht einen Mix aus Online- und Offline-Medien. Lesen Sie hier, wie sich solch ein Mix zusammensetzen könnte.

  • Exklusivinterview: Grundeinkommen? Nein.

    Die Bundeskanzlerin stand der Redaktion Rede und Antwort zu Fragen der Zukunft.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen
Jetzt Newsletter bestellen
DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick