„Arbeit ist unbezahlbar“

Götz Werner plädiert für eine dringend nötige Änderung des Steuer-, Sozial- und Finanzsystems. Sein Lösungsvorschlag: ein bedingungsloses Grundeinkommen. Werner ist Gründer der Drogeriemarktkette dm. In seinen Büchern und Artikeln schreibt er über gesellschaftliche Entwicklungen. Werner zählt neben den Siemens- und Telekom-CEOs Joe Kaeser und Timotheus Höttges zu den prominentesten Befürwortern des bedingungslosen Grundeinkommens.

Reformstau: Der Autor mahnt in seiner Streitschrift zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umdenken (Foto:DM/Alex Stiebritz)


DUB UNTERNEHMER-Magazin: In zahlreichen Ländern wird schon länger mit der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens, kurz BGE, experimentiert. Jetzt soll es in Schleswig-Holstein ein erstes Modellprojekt aus Reihen der Regierung geben. Sehen Sie sich bestätigt?
Prof. Götz W. Werner: Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine große Chance für uns. Das sehen immer mehr Menschen so, und deshalb nehmen auch immer mehr Politiker diesen Vorschlag ernst. Die Diskussion in Schleswig-Holstein über die Umsetzbarkeit neuer Vorschläge ist ein erster wichtiger Schritt.


Sie beschreiben in Ihrem Buch die Bundesrepublik als den „Musterknaben des kapitalistischen Fortschritts“. Im Sinne der wirtschaftlichen Prosperität würden sich sicher viele Menschen für den Erhalt dieses Zustands aussprechen. Ist unser Denken dennoch zu sehr auf Wirtschaftswachstum und zu wenig auf persönliche Entfaltungschancen ausgerichtet?
Werner: Als Unternehmer habe ich gelernt, dass Wachstum nicht das Ziel, sondern die Folge von gelungener Veränderung ist. Wenn ein Unternehmen erfolgreich ist, dann kann es nicht einfach so weiter machen, wie es zum Erfolg gekommen ist. Die Kunden entwickeln sich doch auch beständig weiter und die Erwartungen verändern sich. Die Unternehmen müssen mithalten, wenn sie langfristig erfolgreich sein wollen. Auf unsere Gesellschaft übertragen heißt das, wenn wir weiter prosperieren wollen, dann müssen wir auch die richtigen Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit finden.


Viele Politiker fordern die Schaffung von Arbeitsplätzen. Sie bezeichnen Ihre Forderung als groben Unfug und Arbeit nach aufgewendeter Arbeitszeit als eine aus der Mode gekommene Krücke. Wie sollte Arbeit in Zukunft stattdessen aussehen?
 
Werner: Unsere Arbeitswelt wandelt sich beständig. Wer bleibt zum Beispiel heute noch von der Ausbildung bis zur Rente in einem Unternehmen? Lebenslanges Lernen, Auszeiten für die Pflege von Kindern und Angehörigen oder auch die persönliche Entwicklung gehören dazu. Wir sind so produktiv wie keine Generation vor uns. Das verschafft uns Freiräume, die wir nutzen können – aber nur, wenn unsere Existenz durch ein regelmäßiges Einkommen gesichert ist. Schließlich kann niemand von uns nur von dem leben, was er auf einem Feld selbst angebaut hat.


Kanzlerin Merkel sprach sich jüngst im Interview mit dem DUB UNTERNEHMER-Magazin klar gegen ein BGE aus, weil es eine Abkehr vom bisherigen Bedarfsprinzip und der Arbeitslosen- und Rentenversicherung sei. Sie will Vollbeschäftigung. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Werner: Vollbeschäftigung ist eine Illusion. Wir wissen nicht, wie sich die Arbeitswelt im Zuge der digitalen Revolution verändert. Prognosen und Studien, die derzeit im Wochenrhythmus veröffentlicht werden, zeigen, dass sich viele Menschen weiterbilden oder beruflich komplett neu orientieren müssen. Damit das auch möglich ist, müssen wir uns endlich von der Verkoppelung von Arbeit und Einkommen lösen. Das Einkommen ist die Voraussetzung, damit wir arbeiten können. Die Arbeit an sich ist unbezahlbar. Und Fakt ist eben auch: Wir leben heute in einem Überfluss an Gütern, und trotzdem leisten wir uns noch immer Armut. Das geht so nicht weiter.


Teil 2: „Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist ein Bürgerrecht"

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