Was bleibt, was kommt

Megatrends 2016 - Ob Digitalisierung, Mobilität, Demografiewandel – Unternehmen stehen vor großen Herausforderungen. Wer erfolgreich mitmischen will, muss sich den Treibern des globalen Wandels stellen. Fünf Strömungen, die Sie kennen sollten.

Heute noch Shirts und Hosen in Pastelltönen, morgen schon wieder kräftige Farben. Trends sind schnelllebig – zumindest in der Modebranche, die uns zweimal im Jahr Neues präsentiert. Anders sieht es bei Businesstrends aus – vor allem, wenn es sich um sogenannte Megatrends handelt. Denn diese zeichnen sich durch drei Eigenschaften aus. Zum einen ist es ihre Langlebigkeit – das heißt, sie wirken über mehrere Jahrzehnte hinweg. Zweitens sind sie von globaler Bedeutung. An dritter Stelle steht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie sich durchsetzen. Experten können relativ gut abschätzen, wie sich die Strömungen in den nächsten zehn bis 15 Jahren entwickeln werden.

Megatrends sind also alles andere als beliebig und austauschbar. Sie geben die Richtung vor, die Wirtschaft und Gesellschaft rund um den Globus einschlagen werden, und sind deshalb für Unternehmen aller Größen und Branchen relevant. Wir haben Experten, unser DUB UNTERNEHMER-Panel und Mitglieder der Entrepreneurs’ Organization nach den von ihnen identifizierten Business-Megatrends gefragt. Auf den nächsten Seiten finden Sie das Destillat: fünf entscheidende Entwicklungen, die Sie kennen müssen.

1. Fortschreitende Digitalisierung

Weltweit steigt die Zahl der Smartphones rapide an, besonders in Asien und Lateinamerika. Schon heute werden bei Google mehr Suchanfragen über Smartphones als über Desktop-PCs gestellt. Laut StatCounter, einem unabhängigen Webanalyse-Spezialisten, steigt zudem der Anteil mobiler Surfer: „Die mobile Nutzung hat die stationäre in zahlreichen Ländern einschließlich Indien, Südafrika und Saudi-Arabien überholt. Alle Indikatoren sprechen dafür, dass sich dieser Trend fortsetzen wird und somit neue Chancen und Herausforderungen für Unternehmen weltweit bietet“, sagt Aodhan Cullen, CEO bei StatCounter.

Für immer mehr Menschen ist die ständige Erreichbarkeit über das Internet selbstverständlich, sodass situationsbezogene verfügbare Informationen in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen werden. Christoph Burseg, Online-Marketing-Experte und Geschäftsführer von Massive Insights, einem Start-up, das Tools zur Youtube-Trendanalyse bereithält, sagt: „Die mobile Nutzung bietet den großen Vorteil der Standortbestimmung. Daraus ergeben sich neue Möglichkeiten für Apps, etwa im Bereich des Mobile Couponing.“ In den USA bereits ein großer Erfolg, könnte sich Mobile Couponing als Marketinginstrument auch hierzulande etablieren. Dabei bekommt der Käufer per SMS oder App einen Gutschein auf sein Smartphone geschickt und zeigt diesen beim Bezahlen an der Kasse vor. Doch das mobile Endgerät ist nur Teil des Trends zur umfassenden digitalen Vernetzung von Menschen und Geräten, Produktionsstätten und Lieferketten. Das Internet der Dinge ist allgegenwärtig. „Wir gehen mit großen Schritten einer komplett vernetzten Welt entgegen“, so Burseg. „Fahrstühle melden per Internet, wenn sie Probleme haben, Kühlschränke schicken eine Nachricht aufs Handy, wenn die Milch alle ist, und Autos sind ständig verbunden, um Stauinformationen und die E-Mails des Fahrers abzurufen.“ Es wird zunehmend ein Faktor, der die persönliche Lebensführung, unternehmerischen Erfolg sowie die Produktivität von Volkswirtschaften bestimmt.

2. Zusammenwachsende Technologien

Was früher streng getrennt war, wächst heute zusammen. Derzeit steht die Verschmelzung von Nano-, Bio- und Informationstechnologie mit den Neurowissenschaften auf der Agenda von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Ein Forschungsschwerpunkt: menschliche Fähigkeiten gezielt zu erweitern oder – nach einem Unfall – wiederherzustellen. Etwa in Form von bionischen Augen oder Neuralprothesen, die in der Lage sind, mit menschlichen Nervenzellen zu kommunizieren. Auch aus der Materialwissenschaft kommen zukunftsweisende Impulse. So tüfteln Forscher an intelligenten Werkstoffen, sogenannten Smart Materials. Diese reagieren selbstständig auf veränderte Umweltbedingungen wie Temperatur- oder Belastungsschwankungen. Die Autobranche setzt Smart Materials bereits ein: Sie sorgen etwa in Dämpfern dafür, dass diese ihre Eigenschaften den Straßenverhältnissen anpassen.

3. Veränderte Mobilität

Weltweit nimmt der Güter- und Personenverkehr zu. Besonders in den asiatischen Schwellenländern steigen die Mobilitätsraten rasant an. Laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC sollen allein in China im Jahr 2019 rund 28 Millionen Autos neu zugelasssen werden. Das wären fast so viele Neuzulassungen wie in der Europäischen Union und den USA zusammen. Nebenwirkungen: Es werden immer mehr endliche fossile Brennstoffe verbraucht, die Luftverschmutzung beeinträchtigt die Lebensqualität vor allem in Städten, und austretende Treibhausgase beschleunigen den Klimawandel. Eine Lösung liegt mittel- bis langfristig im Umstieg auf neue Fahrzeugkonzepte und Antriebstechnologien. Ob Hybrid-, Elektro- oder Wasserstoff-Antrieb – noch ist nicht entschieden, welche der alternativen Varianten endgültig das Rennen machen wird.

Mit wachsender Mobilität stößt zudem die Infrastruktur an ihre Grenzen. Die Folgen sind etwa Staus und damit viel verlorene Zeit im Auto. Immer mehr Menschen haben daher den Wunsch, nachhaltiger unterwegs zu sein. Vor allem im westlichen Städten liegen Carsharing und der Umstieg aufs Rad oder E-Bike, gern auch in Form des Lastenvelos, im Trend. „Nach dem Jahrhundert des Autos bricht jetzt die Zeit der integrierten Mobilität an, die vor allem die das Gute in NRW. Diagnostiziert Claudine Oldengott, Geschäftsführerin von Smart Urban Solutions, einem Berliner Start-up, das ein städtisches Fahrrad-Parksystem anbietet. Doch auch die Autobauer wollen den Menschen das Fahren angenehmer machen. Ein Schwerpunkt: der selbstfahrende Wagen. Zwölf Milliarden Euro werde die deutsche Industrie in den nächsten vier Jahren ins automatisierte Fahren stecken, so der Verband der Automobilindustrie (VDA). Ein Wachstumsmarkt, an dem sowohl traditionelle Kfz-Hersteller als auch ITTechnologie-Unternehmen à la Google und Apple teilhaben wollen. So denkt Daimler-Chef Dieter Zetsche offen über ein Joint Venture mit Google nach, wie das DUB UNTERNEHMER-Magazin exklusiv berichtete.

Weiteres Forschungsthema ist das Connected Car, also der vernetzte Wagen, der dem Fahrer das Leben leichter machen soll. Das Smartphone als Schlüssel für die Wegfahrsperre, Online-Diagnosesysteme oder die Limitierung der Geschwindigkeit per App – all das ist schon auf dem Markt, wird aber in den kommenden Jahren weiter ausgebaut. Dazu Richard Viereckl, Partner bei PwC Strategy&: „Der Trend kennt nur eine Richtung: stärkere Vernetzung. Das Auto der Zukunft kommuniziert ununterbrochen mit seiner Umwelt, mit anderen Fahrzeugen, mit dem Zuhause.“

Wachsender wirtschaftlicher Einfluss von Technologien

Mobiles Internet als Spitzenreiter: Wirtschaftsexperten sehen hier die mit Abstand größte ökonomische Bedeutung. Aber auch ohne Cloud-Computing, automatische Wissensverarbeitung oder das Internet der Dinge geht nach ihrer Einschätzung in Zukunft nichts.

Digitalisierte, vernetzte Produktion

Mehr als die Hälfte deutscher Industrieunternehmen setzt bereits auf die 4.0-Anwendungen oder überlegt, es zu tun.

4. Neue Arbeitswelten

Unsere Gesellschaft wandelt sich von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Dienstleistungen gewinnen immer weiter an Bedeutung, Informations- und Kommunikationstechnologien bestimmen den Arbeitsalltag. Das alles prägende Stichwort heißt Flexibilisierung. Unternehmen ersetzen beispielsweise zunehmend unbefristete Vollzeitstellen durch Projektverträge und freie Mitarbeit. Wohin die Reise gehen könnte, zeigen US-amerikanische Plattformen wie oDesk, auf der viele hoch qualifizierte Menschen aus der ganzen Welt Unternehmen ihre Leistungen anbieten. „Zwei Marktseiten, die bisher nur zufällig und punktuell zusammenfanden, können mit einem Gut handeln, das sie beide interessiert: mit menschlicher Arbeit“, beschreibt Journalist und Wirtschaftswissenschaftler Christoph Keese die Geschäftsidee, die hinter oDesk steht, in seinem Bestseller „Silicon Valley“. „Ein Arbeitsplatz ist für Clickworker dann nicht mehr die feste Adresse, die sie Morgen für Morgen im Halbschlaf ansteuern, sondern eine Funktion, die sich von Sekunde zu Sekunde ändert.“ Doch auch für Angestellte ändert sich das Umfeld. Die räumliche Flexibilität in Form von mobiler Arbeit und Home-Office nimmt zu. In einer Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom geht fast jedes vierte Unternehmen davon aus, dass der klassische Büroarbeitsplatz mit Anwesenheitspflicht in Zukunft an Bedeutung verlieren wird. Neue Arbeitsweisen erfordern zunehmend eine neue Führungskultur. „Es geht nur mit Chefs, die sich engagieren für die Suche nach der besseren Lösung, dabei kritikfähig bleiben und wissen, dass sie nur mit anderen zusammen weiterkommen. Sie wissen auch, dass Führung nicht mehr darin besteht, anzuweisen und durchzusetzen, sondern darin, Selbstorganisation zu fördern“, sagt Management-Coach und Autor Dr. Helmut Geiselhart.

5. Demografischer Wandel

Die Weltbevölkerung wächst in den kommenden Jahren weiter. Die Gründe: eine global steigende Lebenserwartung, etwa durch verbesserte medizinische Versorgung, sowie eine weiterhin hohe Geburtenrate. Doch nicht jede Region ist gleichermaßen betroffen. Während die Bevölkerung in Entwicklungs- und einigen Schwellenländern weiterhin zunimmt, sinkt oder stagniert sie in den meisten Industrienationen. Zudem verändert sich die Struktur der Bevölkerung in vielen Ländern deutlich – nicht nur in Europa und den USA, sondern beispielsweise auch in China. Der Anteil der Älteren nimmt stetig zu, gleichzeitig rücken weniger junge Erwerbstätige nach. Somit spielt der „War of Talents“, der Kampf um Fachkräfte, für Unternehmen im In- und Ausland eine wichtige Rolle. „Als personalintensiver Dienstleister beschäftigen uns die Folgen der demografischen Entwicklung. Facharbeiter, Techniker, Ingenieure und Auszubildende für unser Unternehmen zu gewinnen ist unsere zentrale Herausforderung“, bestätigt Oliver Franke, Geschäftsführer des technischen Dienstleisters Franke + Pahl. Weniger junge, mehr alte Menschen heißt auch: veränderte Zielgruppen mit anderen Bedürfnissen – eine weitere Aufgabe, der sich Firmen stellen müssen, wenn sie in Zukunft auf Erfolgskurs bleiben wollen.