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Arbeiten Sie im Training eher an den Stärken der Teammitglieder oder deren Schwächen?

Hitzfeld: An den Schwächen zu arbeiten ist zu aufwendig. Man kann nur versuchen, die Stärken herauszuarbeiten, sich auf diese zu konzentrieren und den Spieler darin zu bestärken. Lob ist das wichtigste Führungsinstrument.

Kann man Charaktere per Führung ändern?

Hitzfeld: Nein, ich glaube aber, dass man sie beeinflussen kann. Schwierige Charaktere muss man erkennen und akzeptieren. Ich habe als Trainer Videoanalysen durchgeführt und dabei auf die Körpersprache der Spieler geachtet: Suchen diese einen Fehler eher bei sich oder bei anderen, wie reagieren sie auf die Fehler anderer, sind sie selbstkritisch? Das verrät viel über den Charakter. Wenn ich erkenne, dass ich Spieler habe, die partout nicht ins Team passen, muss ich sie abgeben. Man kann maximal drei schwierige Charaktere in einer Elf haben, sonst wird es kritisch.

Sie haben kürzlich Ihren 65. Geburtstag gefeiert und wollen nach der WM in Brasilien Ihre aktive Karriere beenden. Mit welchen Gefühlenhaben Sie diese Entscheidung getroffen?

Hitzfeld: Meine Karriere zu beenden ist natürlich eine schwierige Entscheidung. Doch ich glaube, es ist der richtige Zeitpunkt. Ich habe mit der Schweiz eine sehr erfolgreiche Qualifikation gespielt und von zehn Spielen keines verloren. Nun freue ich mich auf die WM. Es ist schon ein Highlight, im Land des fünffachen Weltmeisters dabei zu sein. In meiner Karriere hatte ich stets das Glück, Projekte mit einem tollen Abschluss zu beenden: In Bayern habe ich mit dem Double aufgehört, in Dortmund mit dem Champions-League-Sieg. Jetzt endet es mit der Weltmeisterschaft in Brasilien. Danach werde ich aber weiter für Sky als Experte arbeiten. Das schöne an diesem Job: Ich gehe zu Spielen und weiß ganz genau, dass ich heute nicht verlieren werde.

Auf welche Leistung sind Sie in Ihrer Karriere besonders stolz?

Hitzfeld: Jede meiner Stationen war sehr intensiv. Mein schwierigstes Jahr aber war mein erstes als Trainer beim Sportclub Zug 1983. Nur vier Wochen nachdem ich als Aktiver beim FC Luzern aufgehört hatte, war ich bereits Trainer. Der Sportclub ist damals direkt von der NationalligB in die Liga A aufgestiegen. Die Erwartungen waren hoch, besonders die des damaligen Präsidenten, eines Baulöwen. Der war eine Art Alleinherrscher und hatte bestimmte Vorstellungen, wie zum Beispiel die, dass wir eigentlich sechs statt zwei Stunden täglich trainieren müssten. Als Spieler war ich Individualist und hab mich vom Trainer motivieren lassen. Doch plötzlich musste ich eine Mannschaft motivieren, das Training gestalten und mich gegenüber dem Präsidenten und Vorstand durchsetzen. Das war eine große Prüfung, die ich zu meistern hatte.

Bedauern Sie, niemals deutscher Bundestrainer geworden zu sein?

Hitzfeld: Ich habe meine Entscheidungen immer gut überlegt. 2004 war ich sechs Jahre Trainer bei Bayern München – das ist wie 20 Jahre Trainer eines anderen Klubs. Am Ende war ich ausgelaugt, hatte diesen leichten Burn-out und brauchte eine Pause. Genau zu diesem Zeit punkt kam die Anfrage, ob ich als Nachfolger von Rudi Völler Bundestrainer werden wollte. Ich hatte aber keine Kraft, diesen Job zu übernehmen. Es hätte keinen Sinn gemacht. Selbstverständlich wäre ich gern noch mal Bundestrainer geworden, aber es hat einfach nie gepasst.

Wie hat sich rückblickend angedeutet, dass Sie kurz vor einem Burn-out standen?

Hitzfeld: Ich spürte irgendwie, dass die Freude verloren gegangen ist. Wir haben 2003 mit Bayern München das Double geholt, und ich merkte, dass ich mich gar nicht mehr so richtig darüber freuen konnte. Und in der Saison 2003/2004, in meinem sechsten Jahr bei Bayern München, bemerkte ich sehr negative Gedanken - nach einem Sieg habe ich nur noch gedacht: Zum Glück habe ich nicht verloren. Der Druck war einfach immens. Das führt zu Schlafstörungen, ich hatte Rückenprobleme – und trotzdem musste ich vor der Mannschaft stehen, durfte mir nichts anmerken lassen. Als Bayern München 2004 den Vertrag auflöste, war das eine Erlösung.

Was haben Sie anschließend getan?

Hitzfeld: Ich habe mich nach Engelberg in den Schweizer Alpen zurückgezogen und versucht, zu regenerieren. Ich habe auch psychologische Hilfe in Anspruch genommen und viele Gespräche geführt. Das hat mir geholfen. Nach anderthalb Jahren habe ich dann erstmals wieder gespürt, dass mich der Trainerjob noch interessiert.

Was raten Sie Unternehmern, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie Sie 2004?

Hitzfeld: Ich rate ihnen, rechtzeitig die Reißleine ziehen. Ich habe selbst eigentlich zu lange gewartet, aber hatte einfach auch nicht die Kraft, rechtzeitig auszusteigen. 2003 dachte ich noch, ich könnte mich in der Sommerpause erholen. Doch dann kam die neue Saison, und ich musste vor dem Team die Ziele ausgeben: Meisterschaft, Pokal, Champions League – alles wollte ich gewinnen, aber wusste nicht, wie. Das ist ein Teufelskreis. Wie soll ich ein guter Trainer und Motivator sein, wenn mir die Kraft fehlt? Ich habe mich damals sehr zurückgezogen, kaum geredet.

Was machen Sie heute anders?

Hitzfeld: Seit ich 2007 wieder zurück zu den Bayern kam, erledige ich meine Arbeit nur noch im Verein und nehme nichts mehr mit nach Hause. Wenn ich das Trainingsgelände verlasse, bin ich Privatmensch und schalte ab. 2008 bekam ich das Angebot, den Trainervertrag in München zu verlängern. Doch aus Respekt vor meiner Gesundheit habe ich rechtzeitig abgelehnt. Stattdessen bin ich Nationaltrainer geworden. So habe ich nur zehn statt 60 Spiele im Jahr. Dadurch gibt es mehr Auszeiten, ich kann regenerieren und dann mit voller Kraft wieder angreifen. Der Druck ist auch hier groß. Bei weniger Spielen trägt man Niederlagen länger mit sich herum. Trotzdem war es zu diesem Zeitpunkt der ideale Job für mich.

Was ist Ihr Rezept, um Druck zu verarbeiten?

Hitzfeld: Ich mache autogenes Training und Entspannungsübungen. Regelmäßige Atemübungen beispielsweise gehören inzwischen zu meinem Alltag, das hilft mir sehr.

Wie gut bewerkstelligen Sie den Spagat zwischen Beruf und Familie?

Hitzfeld: Ich habe das Glück, die richtige Frau an meiner Seite zu haben. Ich bewundere an ihr, dass sie immer zu mir gehalten hat und hält. Als ich beispielsweise 2004 diese schwierige Zeit hatte und sehr wortkarg war, hat sie mir die Ruhe gelassen, die ich brauchte. Durch den Fußball lebe ich immer wieder in meiner eigenen Welt. Das akzeptiert sie. Und mittlerweile schaut sie sich selbst auch Fußballspiele an.

Was können Unternehmer vom Fußball lernen?

Hitzfeld: Eine wichtige Grundregel ist, dass man umfallen kann, aber immer wieder aufstehen muss. Als Verantwortlicher für das Team sollte man zudem eine gewisse Leidensfähigkeit bei Fehlern besitzen. Eine Führungsperson braucht Geduld. Und selbstverständlich auch eine klare Strategie. In der Umsetzung der Strategie gibt es immer wieder Stolpersteine. Trifft man auf diese, ist es wichtig, Verständnis dafür zu entwicklen, aber dennoch konsequent zu handeln.

Wie wichtig ist die Stimmung in einem Team?

Hitzfeld: Sie ist enorm wichtig. Eine positive Stimmung zu erzeugen ist ein wichtiger Bestandteil meiner täglichen Arbeit. Entscheidend ist, die Glaubwürdigkeit aufrechtzuerhalten und ein offenes, ehrliches Verhältnis zur Mannschaft zu pflegen. Tauchen Probleme auf, spreche ich diese sofort an. Das ist wichtig für die Teamkultur.

Braucht ein Team eine Vision?

Hitzfeld: Ja – ich habe dem Team diese Vision immer in der ersten Sitzung vor der Saison mitgegeben. Um zu zeigen, was wir erreichen wollen, habe ich auch einmal den Champions- League-Pokal von Dortmund nach München gebracht. Wichtig ist zudem ein ehrlicher Umgang mit den Spielern. Ich muss ihnen in die Augen sehen und erkennen können: Brennt er? In Einzelgesprächen versuche ich auch, private Dinge von den Spielern zu erfahren: Wie läuft es zu Hause mit der Familie? Wo gibt es Probleme? Es gilt, sich auf vielen Ebenen mit den Teammitgliedern zu beschäftigen.

Abschließend: Welches Abschneiden trauen Sie Ihrem Team in Brasilien zu?

Hitzfeld: Die Schweiz war bei der Auslosung in Topf eins der gesetzten Teams – das war eine große Auszeichnung für uns. In der Gruppe E mit Ecuador, Honduras und Frankreich ist das Erreichen des Achtelfinales Pflicht, ansonsten ist die WM ein Flop für uns und für mich. Und: Bei dieser WM werde ich mein letztes Spiel als Trainer bestreiten, und das will ich natürlich gewinnen.

Was erwarten Sie von der Löw-Elf?

Hitzfeld: Deutschland gehört für mich zu den Favoriten. Sie haben eine super Mannschaft. Jogi Löw hat die Offensive gewaltig frisiert, das Team pflegt eine attraktive Spielweise. Defensiv müssen die Deutschen aber noch stabiler werden. Doch der Imagegewinn, das Prestige, das der deutsche Fußball derzeit weltweit genießt, ist ein Verdienst Löws und seines Teams. Deutschland zählt mit Brasilien, Argentinien und Spanien zu den vier Mannschaften, die ich im Halbfinale sehe. Es ist Zeit, wieder einmal Weltmeister zu werden. Dieser Druck liegt bei Jogi Löw.

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