Visionäre im Visier

Tritt die digitale Elite auf, scharen sich Neugierige um sie. Die Redaktion und XING-Gründer Lars Hinrichs waren für Sie weltweit unterwegs. Lassen Sie sich inspirieren.

Wenn die Technik mitspielt, will Elon Musk schon 2018 mit der Landekapsel „Dragon“ auf dem Mars aufsetzen. Angesichts solcher Pläne mag mancher den Chef der Raketenschmiede SpaceX und des Elektroautoherstellers Tesla Motors für abgehoben halten – an Visionen jedenfalls scheint es Musk nicht zu mangeln. Auf die Quelle seiner Inspiration hin befragt, antwortet der gebürtige Südafrikaner oft, er sei ein begeisterter Leser. Zu seiner Lieblingslektüre zählen etwa das „Herr der Ringe“-Epos von J.R.R. Tolkien oder Science-Fiction von Isaac Asimov

Musk wirkt selbst ohne Auftritt inspirierend. Leider tritt er abgesehen von Teslas Hauptversammlungen nur selten als Referent in Erscheinung. Glücklicherweise ist er nicht der einzige Innovator, der es versteht, sein Publikum mitzureißen. Im Vorfeld von Veranstaltungen wie den TED Talks, die immer mehr Sogwirkung entfalten, aktualisieren Interessenten den Browser im Minutentakt, um Tickets zu ergattern und Legenden wie Bill Gates oder Al Gore einmal mit eigenen Augen sehen zu können. Lars Hinrichs, XING-Gründer sowie CEO des Wagniskapitalgebers Cinco Capital, und DUB UNTERNEHMER-Magazin-Chefredakteur Thomas Eilrich haben drei angesagte Schauplätze der IT-Branche besucht – die Weltkugel am Seitenrand zeigt, wohin es sie gezogen hat. Lesen Sie hier, welche ihre persönlichen Vortrags-Highlights waren.

Für die erste Station war keine weite Reise nötig. Hinrichs lud in sein „Apartimentum“ in Hamburg ein (siehe Infokasten rechts): ein ultramodernes SmartHome mit Mietwohnungen in exklusiver Lage nahe der Außenalster. Dort fand der „TEDxHamburg Salon“ zum Thema Disruption statt, bei dem renommierte Redner ihre Perspektive auf besonders umwälzende technologische Entwicklungen warfen

Transistoren könnten uns retten

Pascal Finette, der lange Zeit für Mozilla und Google tätig war und als Internet-Entrepreneur der ersten Stunde gilt, ist heute Dozent an der Singularity University. Die Institution bietet unter anderem Schulungen für Vorstände und Entrepreneure an. Ziel der Uni ist es, ihnen in mehrwöchigen Kursen das technologische Rüstzeug zu vermitteln, um globale Herausforderungen effektiv anzugehen. Finettes Vortrag beim „TEDxHamburg Salon“ griff vor allem die Konsequenzen exponentiellen Wachstums auf, das sich für eine ganze Reihe von Feldern bewahrheitet hat: Seien es die zunehmende Anzahl von Transistoren auf einem Prozessor oder die abnehmenden Kosten der Analyse des kompletten menschlichen Genoms – zahllose HightechBereiche verzeichnen ein Wachstum, das mehr oder weniger einer Exponentialfunktion folgt. „Die Digitalisierung hat erhebliche Konsequenzen“, sagt Hinrichs. „In naher Zukunft dürfte nahezu jeder Gegenstand über einen Chip verfügen und mit seiner Umgebung verbunden sein.“ Im Hinblick auf das „Apartimentum“ faszinieren ihn deshalb beispielsweise Duschköpfe, bei denen jede Wasserdüse über eine eigene Internetadresse verfügt. So kann der Wasserstrahl individuell gesteuert werden, zu jeder Zeit und von überall.

erden, zu jeder Zeit und von überall. Finette wiederum beschäftigt sich in seinem Vortrag nicht mit dem Smart Home von morgen, sondern richtet den Blick auf das große Ganze: die Zukunft der Menschheit. Aus seiner Sicht ermöglicht erst exponentieller Fortschritt das Lösen der größten existenziellen humanitären Probleme auf der Welt: beispielsweise den Zugang zu sauberem Trinkwasser, die ausreichende Versorgung mit Nahrung und ein Ende von Armut.

Lorne Lantz, Unternehmer, Programmierer und Experte für die Digitalwährung Bitcoin, sprach ebenfalls in Hamburg über eine Technologie mit großem Disruptionspotenzial: die Blockchain. Sie stellt eine neue Form von Datenbank dar, die dezentral gesichert und laufend aktualisiert wird. Die prominentese Anwendung der Blockchain ist derzeit der Handel mit Bitcoin.

Revolution an der Basis

Lantz veranschaulichte die komplexe Funktionsweise der Blockchain. Als eine Art digitaler Kontoauszug setzt sie sich aus aneinandergereihten Datenblöcken zusammen, in denen sämtliche abgewickelten Transaktionen aller Arten von Vermögenswerten festgehalten sind. Indem diese Informationen gleichzeitig auf vielen Rechnern abgelegt werden, sind sie beinahe hundertprozentig vor Manipulation geschützt.

Auch in Sachen Effizienz verheißt die Blockchain große Verbesserungen. „Die Chancen der Blockchain-Technologie sind enorm“, beurteilt Hinrichs die Lage. „Jahrelang haben wir ausschließlich Optimierungen an der Oberfläche gesehen: vom Verrechnungsscheck über die Kreditkarte bis zur Bezahlung via Smartphone. Doch die im Hintergrund ablaufenden Prozesse blieben stets dieselben.“ So sind zum Beispiel bei Überweisungen oder dem Handel mit Wertpapieren immer noch zahlreiche Stationen beteiligt: Buchhaltungen, Clearingstellen, Broker, Notare, um nur einige zu nennen. Finanzdienstleistungen auf BlockchainBasis hingegen könnten die Prozesse deutlich verschlanken, indem sie die Mittelsmänner dazwischen überflüssig machen. Lantz sieht neben der Finanzwelt zahlreiche weitere Anwendungsgebiete, etwa weniger Betrug bei demokratischen Wahlen oder eine automatische Gewinnverteilung an Künstler, Produktion und Management beim Verkauf von Musik.

Autos aus dem World Wide Web

Damien Declercq, Vizepräsident von Local Motors, will ebenfalls die Möglichkeiten des Internets nutzen, um die Welt zu verbessern – vor allem den Transport auf ihren Straßen. Local Motors entwickelt Fahrzeuge über ein internationales Netzwerk von rund 30.000 Ingenieuren, Designern und Autoenthusiasten. Alle so entstandenen Fahrzeugpläne unterliegen einer freien Lizenz und können beliebig genutzt werden, ohne einen Urheberrechtsstreit befürchten zu müssen. Anschließend werden Prototypen am 3-D-Drucker erstellt.

Die finale Produktion findet in kleinen lokalen Werkstätten statt, sogenannten Mikrofabriken. Die Wertschöpfung entsteht damit dort, wo die Fahrzeuge gebraucht werden. „Umweltfreundliche Transportmittel werden dringend benötigt“, sagt Hinrichs. „Local Motors verzichtet etwa auf herkömmliche schädliche Lacke und steht Konzepten wie Carsharing und autonomes Fahren progressiv gegenüber.“

Declercq zufolge gebe es indes auch keine Alternative. Bereits heute gingen 30 Prozent des Innenstadtverkehrs von Fahrern aus, die nach einem Parkplatz suchen. Der anhaltende Zuzug in die Städe werde das Problem nur noch vergrößern. Auch seien viele Schnellstraßen hoffnungslos überfüllt. Die daraus abgeleiteten Kosten aufgrund von Verspätungen, Unfallverletzten und Umweltschäden seien immens. An einer Mobilitätsrevolution führe daher kein Weg vorbei.

Visionäre im Visier - Teil 1
Visionäre im Visier - Teil 2

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