Spezial Female Leadership: „Digital Leader sein heißt Vielfalt fördern“

Deutsche Bahn goes digital

Professor Dr. Sabina Jeschke, Vorstand Digitalisierung und Technik der Deutschen Bahn, spricht im Interview über den Mobilfunkstandard 5G, ihre Arbeit als Ingenieurin in einem klassischen Männerbereich und wie sich die Deutsche Bahn gegen die „Amazonisierung“ wehrt.

Dr. Sabina Jeschke ist seit 2017 Vorstand Digitalisierung und Technik bei der Deutschen Bahn
Dr. Sabina Jeschke
ist seit 2017 Vorstand Digitalisierung und Technik bei der Deutschen Bahn BU2: Bevor sie zur Deutschen Bahn ging, war Dr. Jeschke Professorin im Maschinenbau und Direktorin des Cybernetics Lab an der RWTH Aachen
(Foto: PR)

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Wie kooperiert die Bahn mit dem Staat beim Ausbau des Mobilfunkstandards 5G?

Dr. Sabina Jeschke: Wir sind an der ConnectedMobility-Initiative beteiligt, für die das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur und der Freistaat Bayern ein 5G-Testfeld zur Verfügung gestellt haben. Entlang eines parallel laufenden Autobahn- und Schienentrassenabschnitts zwischen Nürnberg-Feucht und Greding erproben wir 5G gesamthaft, über Verkehrsträger hinweg, übrigens auch für die Luftfahrt. In dem Konsortium setzen wir heute schon die Mobilität von morgen um. Für den Schienenverkehr bietet 5G gleich zwei entscheidende Vorteile: Wir können das Surferlebnis für unsere Fahrgäste verbessern und mithilfe der neuen Funkübertragungsraten in großem Umfang BigData-Analysen, maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz im Bahnbetrieb ermöglichen. Denn Daten aus Sensoren an Zügen und Bahninfrastrukturanlagen können mit 5G deutlich schneller übermittelt werden. Das steigert die Kapazität und Qualität auf der Schiene und macht die öffentliche, klimaschonende Mobilität insgesamt attraktiver. – Wir sind bereit, uns in jeder geeigneten Weise einzubringen, um den Ausbau von 5G entlang unserer Infrastruktur, aber auch für Deutschland insgesamt zu unterstützen.

Die 5G Sendemasten haben nur eine begrenzte Reichweite von 500 Metern, deswegen muss ein enges Netz an Masten aufgestellt werden. Würden Gegenden, die keinen Bahnhof haben, weiterhin leer ausgehen?

Dr. Jeschke: Bei 5G sind verschiedene Frequenzen vorgesehen, die haben verschiedene Reichweiten, je nach Frequenz müssten Sie tatsächlich zum Teil zwischen zwei bestehende Masten einen oder zwei weitere Masten aufstellen, auch abhängig von der Topographie. Das wichtige Signal für alle Bahnkunden ist jetzt zunächst einmal, dass die Bundesnetzagentur festgeschrieben hat, dass fahrgaststarke Strecken bis 2022 mit 100 Mbit/sek. ausgeleuchtet werden – und alle weiteren bis 2024, so dass zum ersten Mal eine lückenlose Datenübertragung im deutschen Schienennetz gewährleistet ist.

Welches Projekt macht ihnen momentan am meisten Freude?

Dr. Jeschke: Da fällt mir die Antwort schwer. Es ist kein spezielles Projekt, vielmehr sind es die Komplexität der Themen und die Vielfalt der Menschen, die bei der Deutschen Bahn beschäftigt sind. Das reicht von Elektrotechnikern über Informatiker und Verkehrsplaner bis zu Produktdesignern. Diese Vielfalt, mit der wir versuchen, Digitalisierung und neue Technologien zu fördern, um die Bahn und die öffentliche Mobilität insgesamt attraktiver zu machen, und die Pluralität der Mindsets - die bereitet mir viel Freude.

Sie haben sich eine große Menschenkenntnis erworben, wenn Sie mit so vielen unterschiedlichen Menschen gut zusammenarbeiten können.

Dr. Jeschke: Ich habe in meinem früheren Leben ein extrem interdisziplinäres Institut geführt, und zwar mit Leidenschaft. Ich bin der Meinung, dass die wirklich spannenden Fragen sich nicht in einem einzelnen Gebiet, sondern an den Rändern der Gebiete stellen. Auch Mobilität ist so ein Thema. Mobilität kann man nicht einseitig dem Maschinenbau oder der Informatik zuordnen, sondern ganz offensichtlich brauche ich da verschiedene Komponenten. Damit erwirbt man sich natürlich interkulturelle Kompetenz.

Es gibt viele Mobilitätsanbieter, die in den Markt dringen. Wie kann die Bahn sich gegen die „Amazonisierung“ wehren, bei der es nur darum geht, auf einer Plattform als günstigster Anbieter seine Marktabdeckung zu sichern?

Dr. Jeschke: Es gibt zwei Möglichkeiten, sich Plattformen vorzustellen. Sie können einerseits die Spinne im Netz sein, und alle, die etwas verkaufen wollen, müssen über sie gehen. Die andere Möglichkeit ist, eine Art föderierte Plattform zu bauen. Da wären dann zum Beispiel eine Lufthansa, eine Deutsche Bahn, ein MOIA, Lift und Uber drin und wir hätten eine gemeinsame Verwaltung eines solchen Systems. Man muss nicht notwendigerweise eine Plattform immer verstehen als: „einer gibt die Regeln vor“ und „the winner takes it all“. Zwar sind die aktuellen amerikanischen und chinesischen Plattformen alle nach diesem Modell gebaut. Aber nirgends steht geschrieben, dass das nicht auch anders geht. Und ich glaube, dass Europa für solche föderierten Plattformen geeignet ist, aufgrund seiner politischen und kulturellen Werte und Strukturen, wozu auch unser hoher Datenschutzstandard gehört. Gemeinsam kann Europa Plattformen möglicherweise viel partizipativer, viel wettbewerbsfreundlicher. Die Ansätze sind da, in Deutschland zum Beispiel mit verimi, die wir als DB bewusst unterstützen.

Teil 1: Deutsche Bahn goes digital

Teil 2: Innovationen entstehen überall