Trucker mit Vision

Supply-Chain Transport von A nach B: Das war einmal. Lieferkette und Logistik umfassen heute viel mehr und sollten zur Unternehmensstrategie gehören, sagt Frank Sportolari, Deutschlandchef des Logistikriesen UPS.

Mit der Globalisierung und Digitalisierung verändert sich der Handel. Internationale Geschäfte werden einfacher, die Anforderungen an die Supply-Chain jedoch steigen. Warum das gerade für Mittelständler kein Problem sein muss, sondern vielmehr zusätzliche Business-Chancen bedeutet, erläutert Frank Sportolari, der bei UPS für das Deutschlandgeschäft zuständig ist.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Unterschätzen deutsche Unternehmer die Bedeutung von Logistik und Lieferkette?
Frank Sportolari: Sicher nicht alle. Aber vor allem Kleinunternehmer und Mittelständler sind oft so sehr auf ihr Produkt konzentriert, dass das Thema Beschaffung und Logistik in den Hintergrund gerät. In meinen Augen ist das ein großer Fehler, der im Zweifelsfall auch teuer werden kann. Meiner Meinung nach gehört das Thema zur Unternehmensstrategie. Denn es ist ja so: Je komplizierter die Supply-Chain, desto wichtiger ist es für Unternehmer, hier eine gute – und damit meine ich nicht: die vordergründig günstigste – Lösung zu finden.

Sondern?
Sportolari: Eine individuell passende. Nehmen wir an, ein Hersteller von Schuhen vertreibt seine Ware international über das Internet und hat daneben noch ein Ladengeschäft. Er muss also einerseits die Materialien, die er für die Produktion benötigt, beschaffen – möglicherweise aus dem Ausland – und andererseits dafür sorgen, dass sowohl in seinem Geschäft Ware vor Ort ist, als auch sicherstellen, dass seine Online-Kunden beliefert werden. Da ist er mit einer Gesamtlösung auf lange Sicht besser beraten als mit einem Bündel von Einzelanbietern, die für die jeweiligen Transporte sorgen. Mit nur einem Anbieter fallen für ihn deutlich weniger Kosten für Controlling, Troubleshooting und so weiter an, es ist übersichtlicher, verlässlicher. Und das ist wiederum besonders für kleine und mittelständische Unternehmen wichtig, die ihre begrenzten Kapazitäten auf ihr Kerngeschäft konzentrieren müssen, um erfolgreich zu sein.

Worauf sollten Unternehmer achten?
Sportolari: Dass sie von ihrem Anbieter gut beraten werden. Fragt er nach ihren individuellen Wünschen und Bedürfnissen? Arbeitet er mit ihnen gemeinsam eine Strategie aus, in der alle Lieferwege berücksichtigt und aufeinander abgestimmt werden? Sind die Lieferungen lückenlos verfolgbar? Wenn ich mit einem Unternehmer spreche, versuche ich immer, herauszufinden, worum es ihm genau geht. Während meiner Zeit in Italien bekam ich etwa eine Anfrage von einem Kunden in Bologna aus dem Bereich Fashion, der wollte, dass wir für ihn ein Lager in Paris bauen. Ein Lager? Da habe ich genau nachgehakt – und siehe da: Was er eigentlich brauchte, war eine Garantie, dass seine Ware jeden Morgen um 9.30 Uhr pünktlich in seinem Pariser Geschäft angeliefert wurde. Das konnten wir mit unserem Zustellservice lösen – ohne Lager und damit letztlich viel günstiger, als wenn dieser Kunde es hätte bauen lassen und den kurzen Transport mit einem preiswerten Logistikdienstleister realisiert hätte. Fazit: Die individuelle Beratung ist das A und O. Vor allem, wenn Unternehmen international ein- und verkaufen ...

... wovor viele KMUs immer noch zurückscheuen?
Sportolari: Ja, leider. Wir haben kürzlich eine Studie in Auftrag gegeben, für die über 8.000 europäische KMUs unterschiedlicher Branchen zum Thema Export befragt wurden. Das Ergebnis für Deutschland: 79 Prozent der Waren verbleiben im Inland, 41 Prozent werden in EU-Staaten und 20 Prozent in Länder außerhalb der EU ausgeführt. Dabei steigt die Anzahl der Betriebe, die Auslandsgeschäfte betreiben, mit ihrer Größe.

Da ist also noch Luft nach oben?
Sportolari: Genau. Insbesondere der Handel mit den USA wird mit TTIP deutlich wichtiger werden. Aber auch China und andere aufstrebende Märkte entwickeln sich zu interessanten Exportzielen – gerade für Zulieferer etwa der Autoindustrie. Wenn Unternehmer sich über ihren neuen Zielmarkt gut informieren und gegebenenfalls ihre Produkte anpassen, spricht überhaupt nichts dagegen, sich auch auf den internationalen Märkten zu betätigen.

Und zwar mIt einem Logistikpartner ...
Sportolari: ... der sich auch im Bereich B2C auskennen sollte. Vor allem Unternehmen, die Online-B2C-Geschäfte betreiben, können durch einen guten, schnellen und vor allem flexiblen Versandservice punkten. Ich erlebe es immer wieder, dass Unternehmer ihre Kunden unterschätzen und denken, dass ein einfacher Standardversand „schon reichen“ werde – aber das stimmt nicht. Denn die Kunden werden immer anspruchsvoller.

Was verlangen sie denn?
Sportolari: Vor allem mehr Flexibilität. In unserer gemeinsam mit comScore durchgeführten Europa-Studie zum Thema Onlineshopping wurde vor allem der Wunsch nach alternativen Lieferorten und zusätzlichen Zahlungsoptionen deutlich. Auch kostenfreie Lieferung ist nach wie vor ein großes Thema, ebenso wie kostenlose Rücksendungen, die nach der europäischen Gesetzesänderung noch wichtiger geworden sind. Generell lässt sich sagen, dass der Trend zur Selbstbestimmung beim Einkaufen – der Käufer kann jederzeit und überall online genau das kaufen, was er gerade möchte – sich auch auf die Lieferung überträgt. Ein guter Logistikpartner kann sich darauf einstellen und in besonderen Fällen individuelle Lösungen anbieten. Das gilt auch für B2B: Einer unserer Kunden ist die BYK-Gardner GmbH, ein Hersteller und Verkäufer hoch spezialisierter Geräte zur Messung von Oberflächeneigenschaften, etwa Lack in der Autoindustrie. BYK-Gardner bietet ihren Kunden einen besonderen Service: Alle Instrumente aus ihrem Haus können bei Bedarf jederzeit repariert, kalibriert und zertifiziert werden. In der Zwischenzeit erhält der Kunde ein Austauschinstrument, das er später wieder zurücksenden soll. Letzteres hat oft nicht geklappt, sodass wir nun einen Austauschservice einsetzen: Unser Fahrer liefert das reparierte Instrument nur dann wieder aus, wenn er das Ersatzgerät gleich wieder mitnehmen kann.

Stichwort Logistik 4.0: Wie schafft es ein Großunternehmen wie UPS, sich einer revolutionären Entwicklung wie der digitalen Transformation zu stellen?
Sportolari: Wie eine Revolution fühlt sich etwas nur an, wenn man den Trend verschlafen hat. Ich sehe den digitalen Wandel eher als Evolution. Wir waren von Beginn an Teil davon und investieren seit den 1980er-Jahren in die Weiterentwicklung unserer Technologien. Unser Scannersystem, das Delivery Information Acquisition Device, kurz DIAD, haben wir in den USA bereits zu Beginn der 1990er-Jahre eingeführt. Damals war es noch fast so groß wie das alte Clipboard, ungleich schwerer, und funktionierte im Audio-Mode, was bedeutete, dass die Fahrer mehrmals täglich über öffentliche Telefonzellen ihre Daten per Audio-Impuls an die Zentrale übermitteln mussten. Seitdem haben wir das DIAD kontinuierlich weiterentwickelt. Heute kann das Gerät weit mehr als nur Sendungsdaten erfassen und weitergeben – es hat einen integrierten Routenplaner, kann Nachrichten versenden und mehr. Angesichts der Tatsache, dass wir heute jeden Tag weltweit rund 18 Millionen Sendungen zustellen, wird schnell klar, dass das ohne digitale Koordination gar nicht mehr geht. Tatsächlich sind wir, wenn man es aus Accounting-Sicht betrachten will, mittlerweile ein Technologiekonzern mit ein paar Trucks.

Was fasziniert Sie an der Logistik?
Sportolari: Logistik bedeutet für mich nicht, Waren von A nach B zu schaffen. Womit ich mich beschäftige, sind Businessmodelle. Und hier lerne ich nie aus: Allein in der vergangenen Woche habe ich einen Instrumentenbauer, der seine Instrumente in Spezialverpackungen transportieren möchte, und einen Hersteller von Maschinen für die Produktion von Stangen-Ei für die Gastronomie kennengelernt. Diese große Bandbreite fasziniert mich sehr

Wer ist Ihr unternehmerisches Vorbild??
Sportolari: Das mag jetzt naiv klingen – aber das ist am ehesten UPS-Gründer Jim Casey. Mit elf Jahren musste er die Schule verlassen, da sein Vater schwer krank geworden war, und für die Familie sorgen. Er arbeitete als Kurier und gründete schließlich mit 19 Jahren gemeinsam mit einem seiner Brüder und ein paar Freunden die „American Messenger Company“, die er 1919 in „United Parcel Service“ (UPS) umbenannte. Trotz seines großen Erfolges ist Jim Casey immer auf dem Boden geblieben und hat seine Herkunft nicht vergessen. Er wusste, dass jeder Mitarbeiter wichtig ist, und hat bis zu seinem Tod 1983 gearbeitet und Kontakte zu seinen Angestellten – vom Fahrer bis zum CEO – gepflegt. Diese Haltung ist für mich vorbildlich und entspricht den Werten von UPS.

Haben Sie ein Arbeitsmotto?
Sportolari: „Be constructively dissatisfied“ – sei konstruktiv unzufrieden –, ein Ausspruch von Jim Casey, der besagt, dass ich mich freue, aber auch weiß, dass ich noch besser werden kann.

Frank Sportolari

Geboren in Chicago, ging Sportolari nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in den USA und Großbritannien nach Deutschland, das Land seiner Vorfahren mütterlicherseits. Bei UPS arbeitet er seit 1986, über Stationen in Spanien, Italien und Belgien kam er 2011 als Germany District Manager zurück nach Deutschland.