Das Portal für Unternehmer, Gründer und Investoren
 

Hamburg, 30.06.2017

Auf dem Weg zum KI-TÜV

 

Persönlicher denn je: KI unterstützt Ärzte bei der Diagnose (Bild: fotolia/Tatiana Shepeleva)

DR. DATA IM EINSATZ

Auch in der Medizin kommen smarte Maschinen an. In einer aktuellen Befragung von Ärzten durch Bitkom und den Ärzteverband Hartmannbund schätzt ein Drittel der Befragten, dass sie 2030 KI-gestützte Diagnoseverfahren nutzen werden. In der Krebstherapie erkennt der Computer heute auf MRT-Bildern Dinge, die Ärzten jahrzehntelang verborgen blieben. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, setzt auf die intelligente Unterstützung: „Die Datenmenge, die via KI analysiert, und die Korrelationen, die hergestellt werden können, sind ein echter Quantensprung.“ Laut Bitkom-Befragung erwarten 47 Prozent der Mediziner im Jahr 2030 Operationsroboter im täglichen Einsatz. „Dank einer verbesserten Prävention und individueller Therapien werden die Menschen länger gesund bleiben“, erklärt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder.

Beim Datenschutz in diesem sensiblen Bereich müsse man abwägen, sagt Wess: „Wenn ich ein Band am Handgelenk habe, das mich rechtzeitig zum Arzt schickt, bevor ich einen Herzinfarkt bekomme, dann wäre es mir vollkommen egal, welche Daten ich weggebe, denn ich hätte einen absoluten Nutzen.“ Baas stellt jedoch klar: „Die Hoheit über seine Daten muss der Patient stets selbst behalten.“

SCHÖNE NEUE KI-WELT?

Maschinelles Lernen sorgt für Bewegung in der Wirtschaft. Google prescht voran und disruptiert gleich das eigene Geschäftsmodell. Denn durch sprachgesteuerte Software fällt das grafische Interface als Plattform für die Werbeeinnahmen weg. KI steckt in fast allem, was Google anpackt, sei es der Google Assistant, der Bilderdienst oder das selbstfahrende Auto. Auch wenn smarte Maschinen nicht alle Unternehmen so umkrempeln werden, bieten die neuen Technologien doch viele Chancen. Mit der Open-Source-Software der großen Player können Start-ups neue KI-basierte Anwendungen entwickeln. Immer mehr junge Player beraten etablierte Konzerne zum maschinellen Lernen. Die lernenden Maschinen personalisieren und verbessern den Kundenservice von Dienstleistern.

Haben deutsche Unternehmen eine Chance gegen die Top-Player aus dem Silicon Valley? Borth glaubt daran: „Google und Facebook sind natürlich direkt am Endkunden dran und deshalb sichtbarer. Hier in Deutschland sind wir aber gerade im weniger sichtbaren B2B-Bereich sehr gut.“ Trotzdem müsste noch mehr in Forschung und Entwicklung investiert werden, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Auch KI-Pionier Wess prognostiziert, dass Deutschland von der Digitalisierungswelle mehr profitieren wird als die USA. An der Schwelle hin zu intelligenten Produkten könnten deutsche Unternehmen ihre Stärke in der Güterproduktion ausspielen. Laut einer Befragung von Crisp Research beschäftigten sich 2016 bereits 64 Prozent der Unternehmen in Deutschland mit den Möglichkeiten des maschinellen Lernens (siehe Grafik).

Wie auch andere technische Revolutionen verändert maschinelles Lernen die Arbeitswelt. Berufsprofile wandeln sich, manche Jobs werden der Automatisierung zum Opfer fallen, es entstehen neue Berufsbilder. Die Unternehmensberatung Accenture erwartet drei zukünftige KI-Jobprofile: Der Trainer wird die KI-Systeme schlau machen, der Explainer die Ergebnisse der smarten Software auswerten und aufbereiten. Schließlich wird der Sustainer darauf achten, dass die smarten Technologien ethische Grenzen einhalten. Wess vermisst in der derzeitigen Umbruchphase eine entsprechende politische Debatte, beispielsweise zum bedingungslosen Grundeinkommen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg fordert mittlerweile ein solches Grundeinkommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist anderer Meinung: „Das System eines bedingungslosen Grundeinkommens halte ich für keine gute Idee, weil es eine Abkehr vom bisherigen Bedarfsprinzip eines solidarischen Sozialstaates bedeutet.“

Borth fokussiert sich auf die junge Generation: „Jeder spricht über drei Millionen US-amerikanische LKW-Fahrer die durch selbstfahrende Laster ihre Jobs verlieren. Aber keiner spricht darüber, dass diese Fahrer irgendwann in Rente gehen und heute keiner mehr diesen Job möchte.“ Deshalb müsse man besonders in entsprechende Bildung investieren. Das DFKI hat zusammen mit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften den ersten deutschsprachigen Online-Kurs zum maschinellen Lernen entwickelt, an dem rund 5.000 Interessierte teilnahmen. Weitere Bildungsangebote sollen folgen. EU-Kommissar Günther Oettinger fordert eine Weiterbildungsinitiative mit einem digitalen Bildungsgutschein.

AUF DEM WEG ZUM KI-TÜV

Auch die ethische Dimension des maschinellen Lernens beschäftigt immer mehr Menschen. Google, Facebook und Co. etwa arbeiten seit 2016 in einer KI-Partnerschaft an sozialen und ethischen Best-Practice-Regeln für KI. IBM-Managerin Suh erinnert daran, smarte Maschinen einzusetzen, um große gesellschaftliche Probleme ökonomisch sinnvoll zu lösen. Wissenschaftler Borth erklärt: „Wir müssen die Ziele und Grenzen der KI-Technologie diskutieren. Das muss im gesellschaftlichen Konsens entschieden werden, nicht in irgendeinem Unternehmen im Silicon Valley oder von einer isolierten politischen Person.“

Diesem Ziel verschreibt sich auch die Politikwissenschaftlerin Lorena Jaume-Palasí mit ihren Kollegen von der NGO AlgorithmWatch. Die Initiative setzt sich seit 2016 für eine interdisziplinäre und sachliche Debatte ein, welche die ethischen Aspekte der intelligenten Maschinen nicht vernachlässigt: „Bei der ethischen Dimension von KI gibt es keine ‚One size fits all‘-Lösung. Ethische Aspekte hängen stark vom Kontext ab.“ Die Verantwortung für die neuen Technologien sei komplex, da die Algorithmen, die codierten Handlungsanweisungen der smarten Maschinen, nicht nur von ihren Entwicklern, sondern auch von den Mitarbeitern in Unternehmen und letztendlich den Nutzern beeinflusst werden. Der Microsoft-Chatbot Tay habe beispielsweise erst in der Auseinandersetzung mit Twitternutzern rassistische Parolen erlernt. Ähnlich sieht es der Berliner Philosophieprofessor Michael Pauen: „Nicht die Algorithmen sind verantwortlich, sondern die Menschen, die sie programmieren, kaufen und einsetzen.“ Es müsse sich eine Kultur für den Umgang mit intelligenten Maschinen entwickeln.

„Die größte Gefahr ist, dass KI-Systeme beim Lernen unsere Vorurteile übernehmen“, stellt Wess fest. Das DFKI arbeitet bereits mit der Volkswagen-Stiftung an einem Klassifikationssystem, einer Art KI-TÜV. Unternehmen müssten sich mit ihren smarten Maschinen dann an diese Compliance-Regeln halten. Auch der TÜV NORD arbeitet an Sicherheitsstandards für KI-Systeme, zum Beispiel im Rahmen einer Teststrecke für automatisiertes und vernetztes Fahren in Berlin. Der Bundestag hat autonomes Fahren bereits gesetzlich reguliert.

DIE NETZE WACHSEN WEITER

Heutige neuronale Netze simulieren das Gehirn einer Biene. Dank besserer Grafikkarten und Big Data wachsen sie weiter. 2028 könnte rein rechnerisch die Leistung des menschlichen Gehirns simuliert werden. „Aber diese neuronalen Netze hätten dann wohl immer noch kein echtes Bewusstsein, wären also noch keine starke KI“, sagt Wess. Auch Borth glaubt nicht daran: „Wir haben ja noch nicht einmal hundertprozentig verstanden, wie das menschliche Gehirn und unser Bewusstsein funktionieren.“ Ist eine starke KI realistisch? „Da ändert sich meine Meinung auch jeden Tag“, sagt Wess. Aber selbst ohne künstliches Bewusstsein sind lernende Maschinen nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Suh ermutigt alle, die neuen Technologien anzunehmen und zu gestalten: „Wegrennen können wir vor der Entwicklung nicht.“

Teil 1: Smarter Partner

Teil 2: Auf dem Weg zum KI-TÜV

Nach oben

Das interessiert andere Leser

  • Wo der Kunde König ist
    Wo der Kunde König ist

    Diese 15 Unternehmen haben den Kunden-Innovationspreis abgeräumt.

  • Ideenschmieden der Topmanager
    Ideenschmieden der Topmanager

    Eine Reise ins Silicon Valley ist nicht alles: Vier Konzernlenker verraten, woher sie neue Ideen nehmen.

  • Wer sie verpasst, verliert

    Der deutsche Mittelstand muss die Chancen der Digitalisierung nutzen. Hagen Rickmann, Geschäftsführer Geschäftskunden Telekom Deutschland, im Interview.

  • Günther Oettinger im Interview
    Die Schweinsteigers der Industrie

    Günther Oettinger, EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft, bezieht Stellung zur Digitalisierung und sagt, was Bastian Schweinsteiger damit zu tun hat.

  • Immer mehr Firmen leasen Software, anstatt sie zu kaufen.
    Pro und contra Software-Leasing

    Mehr IT-Sicherheit, weniger Personalaufwand, aber höhere Kosten – lohnt sich Software-Leasing für mein Unternehmen?

  • Jobgarantie Olympiasieg?

    Top-Athleten haben finanziell ausgesorgt? Von wegen. Im Schnitt müssen sie hierzulande mit 630 Euro im Monat auskommen.

  • Minderheitsinvestoren: Inhaber behalten das letzte Wort
    Geld und Macht

    Frisches Kapital für das eigene Unternehmen zu bekommen ohne an Einfluss zu verlieren – das klingt nach der Quadratur des Kreises. Minderheitsbeteiligungen versprechen genau das.

  • Futterhaus-Franchise
    Nachfolge per Franchise

    Franchise macht das Gründen leichter. So viel ist klar. Dass die Systeme auch helfen können, das eigene Unternehmen und die Nachfolge zu sichern, dürfte weniger bekannt sein.

  • Wladimir Klitschko gewährt einen Einblick in seine Pläne für die Karriere nach dem Sport.
    Wladimir Klitschko im Interview

    Der erfolgreichste Box-Schwergewichtler aller Zeiten über die Karriere nach der Karriere.

  • Nicolas Rädecke und Susanne Schnur von DUB.de auf dem Franchise Matching Day 2016.
    Franchise Matching Day mit großem Erfolg

    Rund 400 Besucher kamen zur größten deutschen Franchisemesse in Köln. Als Medienpartner stellte die Deutsche Unternehmerbörse DUB.de die neue DUB Franchisebörse vor.

  • Das neue DUB UNTERNEHMER-Magazin ist da

    Exklusiv am Kiosk, in Handelsblatt und in WirtschaftsWoche: Weltmeister Wladimir Klitschko verrät sein Erfolgsgeheimnis. Dazu: fünf Megatrends, die Sie kennen müssen.

  • Wer ein Unternehmen gründen oder kaufen will, braucht Geld – zu möglichst niedrigen Zinsen.
    Wenn die Hausbank Nein sagt

    Ihre Bank will Ihnen keinen Gründerkredit geben? Kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen! So kommen Sie trotzdem an günstiges Startkapital.

  • Wie fit sind die Krankenkassen?

    Der Chef der größten deutschen Krankenkasse spricht über Zukunftsszenarien – nicht alle sind rosig.

  • Colin Berr
    Gefragte Mentoren

    „Jedes Team braucht einen guten Mentor“, weiß der Milliardär und Entrepreneur Richard Branson. Warum das auch für kleine Unternehmen zutrifft.

  • Am Ziel vorbei

    Teamarbeit ist ein Erfolgsfaktor. Doch was tun, wenn das Zusammenwirken hakt? Das gängige Rezept: ein gemeinsamer Ausflug. Aber hilft das?

  • Unternehmerischer Erfolg mit System

    Wer sich selbstständig machen will, ohne auf eine strategische Unterstützung zu verzichten, sollte über Franchising nachdenken.

  • Ideen innen und aussen

    Beim Innovationsforum 2015 in Frankfurt am Main sprachen vier Konzernlenker darüber, welche Quellen sie anzapfen, um neue Ideen zu generieren.

  • Aufs große Spielfeld

    Günther Oettinger, EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft, sagt, was passieren muss, damit Europa nicht den Anschluss verliert.

  • Was bleibt, was kommt

    Ob Digitalisierung, Mobilität, Demografiewandel – Unternehmen stehen vor großen Herausforderungen. Wer erfolgreich sein will, muss sich dem globalen Wandel stellen.

  • Die Cloud im eigenen Unternehmen kann IT-Kosten sparen und die Nerven schonen.
    Weg mit dem Server

    Die Cloud im eigenen Unternehmen kann IT-Kosten sparen und die Nerven schonen – wenn sie richtig eingesetzt wird. Zwei Experten sagen, wie sie am besten eingeführt wird.

  • Über den Erfolg der Fintechs, Online-Strategien der Banken und das Ende des klassischen Beratungsgeschäfts.
    Roboter statt Banker

    Prof. Dr. Martin Hellmich über den Erfolg der Fintechs, Online-Strategien der Banken und wie Mittelständler von den neuen Angeboten profitieren.

  • 7 Tipps für eine gelungene Franchise-Vertragsunterzeichnung.
    Erst Verträge schließen, dann Geld verdienen

    Vertragslaufzeit, Einkaufsbedingungen Gebührenhöhe – Franchisenehmer müssen sich mit dem Kleingedruckten befassen. 7 Tipps für eine gelungene Vertragsunterzeichnung.

  • Die Entdeckung Europas

    Aus AG wird SE - Immer mehr deutsche Firmen werden ihrer Rechtsform nach europäisch. Die Vorteile: mehr Flexibilität beim Management, aber auch bei Mitbestimmung und Verlagerungen.

  • Mischung mit System

    Geldanlegen wie die Profis - das war lange Zeit nur vermögenden Investoren vorbehalten. Doch jetzt mischen Multi-Asset-Fonds den Markt auf.

  • Werben Sie jetzt auf der DUB-Franchisebörse

    Seit Jahren suchen Unternehmer in spe bei DUB.de Ihr eigenes Unternehmen. Bieten Sie finanzstarken Interessenten ein neues Zuhause unter Ihrem Dach.

  • Alles im Fluss

    Istanbul steht auf der Liste der beliebtesten Spots für Städtetrips ganz oben. Mit einem privaten Guide kann man die Stadt abseits der Touristenströme entdecken.

  • Welches Preisschild trägt ein Lebenswerk?

    Über Jahre hat Kirsten Schubert im Unternehmen ihres Vaters mitgearbeitet. Bis er unerwartet starb. Statt trauern zu können, musste sie die Firma verkaufen. Ein Erfahrungsbericht.

  • Anstand zahlt sich aus
    Anstand zahlt sich aus

    Der Gründer des Club of Hamburg, Frank Breckwoldt, erklärt, warum sich Wertschätzung und Verbindlichkeit gegenüber Mitarbeitern, Kollegen und Kunden lohnen.

  • Unternehmer per System

    Mit Franchising kann der Traum von der unternehmerischen Selbstständigkeit schnell wahr werden. Richtig angepackt, können beide Seiten profitieren.

  • Deckung oben halten

    Abischerung ist oft nicht das Erste, an das Entrepreneure denken. Doch die Altersvorsorge, die Deckung betrieblicher Risiken zählen.

DUB-Unternehmensbörse

Bei der Deutschen Unternehmerbörse können Sie Verkaufsangebote und Kaufgesuche inserieren.
Jetzt nach Verkaufsangeboten für Unternehmen suchen!
Suchen
Jetzt Newsletter bestellen
DUB-Themennewsletter
monatlich & gratis
Was Unternehmer wissen müssen
DUB-Börsennewsletter
wöchentlich & gratis
Die neusten Angebote und Gesuche auf einen Blick