Schöne neue Industriewelt

Alle reden über Industrie 4.0 , doch 40 Prozent der deutschen Firmen fühlen sich nicht auf das Thema vorbereitet. Woran liegt das? Wie bekommen Unternehmenslenker die Herausforderungen in den Griff? Zwei McKinsey-Berater geben Antworten.

Macht Erfolg nachlässig? Deutsche Mittelständler sind Weltmarktführer in unzähligen Marktsegmenten. Sie haben jahrelang mit hohen Produktionskosten zu leben gelernt, sind technologisch führend und nah an den Wünschen ihrer Kunden. Wenn sich die Märkte weiterentwickelten, marschierten heimische Unternehmen oft vorneweg. Schwer zu glauben, dass dies bei der nächsten Revolution in der Produktion anders sein sollte.

Und doch sind die Zahlen alarmierend: Nur sechs von zehn Unternehmen in Deutschland fühlen sich gut auf Industrie 4.0 vorbereitet. In den USA liegt dieser Anteil bei 80 Prozent. Auch in der Forschung und Entwicklung geben die Zahlen Anlass zur Sorge: Deutsche Unternehmen investieren nur 14 Prozent ihres jährlichen Forschungsetats in für Industrie 4.0 relevante Themen – US-Unternehmen geben mehr als doppelt so viel Geld in diesem Bereich aus, wie eine aktuelle McKinsey-Studie belegt.

Handelt es sich bei Industrie 4.0 nur um einen Modebegriff, einen überbewerteten Hype, der so schnell verschwinden wird, wie er aufgetaucht ist? Nein. Die Digitalisierung wird die Wertschöpfung in der industriellen Produktion entscheidend verändern.

Dafür sprechen drei Gründe, die alle technologischer Natur sind:

1. Die Daten

Die Preise für Sensoren, Datenspeicher und Netzwerktechnologie sind in den vergangenen Jahren dramatisch gesunken. Dadurch ist die Menge verfügbarer Daten exponentiell gestiegen. Sie in der Produktion zu nutzen sichert entscheidende Effizienzvorteile.

2. Die Analyse

Große Datenmengen können heute viel schneller analysiert und konkret nutzbar gemacht werden. Autohersteller können durch die Analyse der Daten im Online-Fahrzeugkonfigurator herausfinden, für welche Ausstattungsvarianten Kunden sich ernsthaft interessieren. Ein Anbieter hat nach dieser Analyse die Wahlmöglichkeiten von vorher 27 Millionen auf die 13.000 relevanten reduziert – mit bedeutenden Kosteneinsparungen in Entwicklung und Produktion.

3. Die Verknüpfung von digitaler und echter Welt

Touchscreens halten Einzug in die Fabrik. Fortschritte in der „erweiterten Realität“ ermöglichen in der Industrie ganz neue Anwendungen. Datenbrillen zeigen Lagerarbeitern, welche Ware sie wo als Nächstes aus dem Regal nehmen müssen – so sind 40 Prozent weniger Fehler in der Logistik möglich. In der Fertigung revolutionieren neue Verfahren wie der 3-DDruck die Abläufe. Moderne Leichtbauroboter können viel flexibler in der Produktion eingesetzt werden – und nehmen ihren menschlichen Kollegen gefährliche und gesundheitsgefährdende Aufgaben ab.

Kleine Tippelschritte

Für sich betrachtet sind diese Trends bereits bekannt. Wenn ein Unternehmen sie aber klug kombiniert, erhält die Produktion eine neue Dimension. Dafür muss keineswegs der gesamte Maschinenpark über Nacht ausgetauscht werden – die Veränderungen hin zu Industrie 4.0 folgen Schritt für Schritt. 40 bis 50 Prozent der Produktionsanlagen, so die McKinsey-Analyse, müssen auf dem Weg zur digitalen Fabrik ersetzt werden. Der Rest kann über Sensoren oder Software nachgerüstet werden.

Mit Blick auf die internationale Konkurrenz ist dennoch keine Zeit zu verlieren. Viele Unternehmen fangen erst jetzt an, sich ernsthaft mit Industrie 4.0 auseinanderzusetzen. Was bedeutet es für mich, welche Kosten kommen auf mich zu, können sich das nur Konzerne leisten? Oft werden neue Technologien wie das Internet der Dinge oder der 3-D-Druck eher als Risiko für das angestammte Geschäft gesehen – und nicht als Wachstumsbeschleuniger. Unternehmen unterschätzen immer wieder die Chancen neuer Geschäftsmodelle.

Dabei gibt es schon heute spannende Beispiele: der Maschinenbauer, der seine Maschinen nicht mehr verkauft, sondern die Nutzungszeit der Maschine vermietet – als sogenanntes Pay per Use. Oder die Medizintechnikfirma, die ihre Hardware konkurrenzlos günstig zur Verfügung stellt – und dann die Daten, die mit diesen Geräten gewonnen werden, gewinnbringend vermarktet.

Die Digitalisierung der Industrie wird bestehende Geschäftsmodelle infrage stellen. Sie eröffnet aber Möglichkeiten: nicht nur für neue Anbieter mit innovativen Geschäftsmodellen, auch für etablierte Unternehmen, die ihre Marktkenntnisse und Erfahrungen durch die Digitalisierung konstruktiv nutzen. Mit ihrem Fokus auf Qualität, ihren gut ausgebildeten Mitarbeitern und ihrer Exportorientierung hat die deutsche Wirtschaft exzellente Voraussetzungen, in Industrie 4.0 international führend zu sein. Sie muss die Chance jetzt ergreifen.

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