Hamburg, 30.06.2017

Teil 2: Digitale Bildung, Cybersecurity und Grundeinkommen

Günther Oettinger: Seit Januar 2017 ist der CDU-Politiker EU-Kommissar für Haushalt und Personal. Zuvor hatte er das Amt des EU-Kommissars für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft und davor das des Kommissars für Energie inne. Von 2005 bis 2010 war Oettinger Ministerpräsident Baden-Württembergs (Foto: Stephan Persch)

OETTINGER ÜBER DIGITALE BILDUNG

Ich bin für einen Anspruch auf Weiterbildung. Die aktuell prägenden Trends Digitalisierung, Automatisierung und Globalisierung bleiben intakt. Und die technische Evolution lässt sich höchstens gestalten, aber sicher nicht aufhalten. Daher muss es uns gelingen, die Trends für möglichst alle Menschen begreifbar zu machen und sie in diesen Dingen weiterzubilden. Bildung kann eine Gegenbewegung zu Populismus, Protektionismus und Nationalismus starten, die ja von der Angst vor Veränderung durch Automation, Digitalisierung und Globalisierung leben. Aus diesem Grund sind für mich Persönlichkeitsbildung und berufliche Weiterbildung das A und O. Der ein oder andere Arbeitgeber stellt bereits heute Zeit und Geld für dieses Thema zur Verfügung. Manche Arbeitnehmer tun in dieser Hinsicht selbst etwas, aber noch viel zu wenige Tarifverträge verfügen über einen Passus zur digitalen Weiterbildung. Ich hoffe, das ändert sich bald. Und diese Weiterbildung muss von Profis angeboten werden – beispielsweise auch über digitale Hubs, die es ja zunehmend gibt. Es braucht neue digitale Kanäle, die eine Basisberatung liefern können. Heruntergebrochen auf den Kern des Problems aber benötigen wir Weiterbildungsgutscheine für alle.

OETTINGER ÜBER DATENSCHUTZ UND CYBERSECURITY

Ich persönlich halte das Thema Datensicherheit für noch wichtiger als den Datenschutz. In Sachen Cybersecurity agieren wir alle fahrlässig. In der Verkehrssicherheit oder für den Arbeitsschutz tätigen Sie, ich, Arbeit- und Gesetzgeber große Investments – es gibt klare Regeln und eine hohe Sensibilität. Im Vergleich dazu tun wir beim Thema Cybersecurity so gut wie nichts. Wenn Sie Ihr neues mobiles Apple- oder Samsung-Gerät kaufen, hätten Sie die Möglichkeit, es auf ein Top-Cybersecurity-Level nachrüsten zu lassen – das tun die meisten aber nicht. Ich vergleiche das Ganze gern mit einem Haus. Den perfekten Einbruchsschutz gibt es nicht. Aber wenn Sie die Tür offen lassen, ist die Wahrscheinlichkeit eines Einbruchs größer, als wenn Sie sie abschließen. Noch geringer wird die Wahrscheinlichkeit, wenn Sie eine Sicherheitstür haben. Die Technik, um den unerlaubten Zugang zu Ihren Daten, deren Diebstahl oder die Störung von Systemen und Industriespionage zu erschweren, ist längst da.

OETTINGER ÜBER EIN BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN

Die ganze Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen täuscht am Ende nur etwas vor. Die im Zuge einer solchen Einführung jährlich anstehenden Verhandlungen, ob man das Grundeinkommen nun um drei, um fünf oder um zehn Prozent aufstocken sollte, würden den Staat in zunehmenden Maße finanziell handlungsunfähig machen. Zudem würde eine Gesellschaft, die als zweitälteste Bevölkerung der Welt eine miserable Demografiekurve hat, Gefahr laufen, dass der Innovationsmotor gelähmt wird. Gerhard Schröders Agenda 2010 beispielsweise würde schon im heutigen Deutschland unmöglich umzusetzen sein. Wir müssen immer erst in gewaltige Krisen geraten, um unsere Reformbereitschaft zu entdecken.

Teil 1: Digitale Bildung? Gutscheine für alle!

Teil 2: Digitale Bildung, Cybersecurity und Grundeinkommen

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