Mobile Revolutionäre

Chinas digitale Wirtschaft wächst rasant. Längst expandieren Alibaba und Co. rund um den Globus. Davon profitieren jetzt auch deutsche Unternehmen. Die Hintergründe des Erfolgs.

Mobile only: Neun von zehn chinesischen Internetnutzern gehen mit dem Smartphone online (Foto:iStock.com/PixelEmbargo)

Das klang fast nach einer Drohung Richtung Westen. „Amerika und Europa haben in Zukunft viel zu verlieren, und sie sorgen sich zu sehr davor. Ihr hier in Afrika habt nichts zu verlieren.“ Der Multimilliardär Jack Ma besuchte im Juli erstmals Kenia. Im übervollen Hörsaal der Universität von Nairobi hingen die Zuhörer an seinen Lippen. Der Gründer des chinesischen E-Commerce-Riesen Alibaba berichtete von Misserfolgen, Erfolgsrezepten und der Riesenchance, die das Internet jungen Menschen weltweit bietet.

Das Netz hat Ma und seinen Mitstreitern zu immensem Reichtum verholfen. Wie kein Zweiter verkörpert der kleine Mann den großen Digitalboom in China. Nirgendwo rund um den Globus sind mehr Menschen online als im Reich der Mitte, 2016 war es schon mehr als die Hälfte der knapp 1,4 Milliarden Einwohner. Die Mittelschicht wächst und gibt ihr Geld vermehrt online aus. Dieser rasch expandierende Markt nährt die Internet-Imperien von Baidu, Alibaba und Tencent. Die als „BAT-Ökonomie“ bezeichneten Konzerne dominieren Chinas Internet mit digitalen Plattformen, strecken dabei ihre Fühler in alle Bereiche der Digitalwirtschaft aus. Und sie expandieren zunehmend global. Chinas Marktführer setzen Trends, welche die Tech-Riesen im Silicon Valley mittlerweile übernehmen.

Eine Triebfeder des beispiellosen Booms ist die Regierung. Peking pusht die digitale Wirtschaft als Wundermittel gegen langsameres Wachstum. Ein positiver Nebeneffekt ihres Drangs in die Welt für deutsche Unternehmen: Ihnen eröffnen sich ganz neue Zugänge zu Chinas riesigem Markt.

Innovativer Taktgeber statt Copycat

Dreh- und Angelpunkt der chinesischen Digitalkultur ist das Smartphone. Neun von zehn Chinesen gehen mobil online. Viele besitzen weder PC noch Laptop, haben das Desktop-Zeitalter einfach übersprungen. Trends wie Virtual Reality, Livestreaming oder Same-Day-Delivery gehören bei den internet- und technikaffinen Chinesen zum Alltag.

Tencent und Co. machen diese Kultur zu Geld. Die Plattform WeChat vereint als mobiler Alleskönner Messengerdienst, Online-Spiele, E-Commerce und Bezahldienst. Das ist praktisch, besonders auf dem Smartphone. Mit 940 Millionen aktiven Nutzern ist WeChat nach dem Instant-Messenger QQ bereits die zweite Erfolgs-App von Tencent. Der Konzern verdient vor allem an Transaktionen innerhalb seines riesigen digitalen Ökosystems. Werbeerträge? Zubrot. Das unterscheidet Tencents Geschäftsmodell etwa von Google oder Facebook. Anfang August erreichte der Konzern eine Marktkapitalisierung von rund 378 Milliarden US-Dollar. Zwar können die Chinesen damit Facebook oder Alphabet – Marktkapitalisierung Anfang August rund 493 respektive 649 Milliarden US-Dollar – noch nicht ganz das Wasser reichen.

Viel wichtiger ist jedoch: Längst nutzen die US-Unternehmen chinesische Impulse für ihre Produkte, integrieren zum Beispiel Chatbots oder Livestreaming in ihre Apps. „China ist mittlerweile nicht mehr Copycat, sondern Taktgeber bei Innovationen in der Internetökonomie“, sagt Jost Wübbeke. Er leitet das Programm Wirtschaft und Technologie beim Mercator Institute for China Studies (MERICS), Europas größtem China-Thinktank. Im Ranking der „50 Smartest Companies 2017“ des „MIT Technology Review“ rangieren BAT, quasi rückwärts buchstabiert, auf den Plätzen acht (Tencent), 41 (Alibaba) und 50 (Baidu). Ein weiterer Pfeiler des Booms sind die besonderen Bedingungen des Internets in China. Ebay, Google oder Facebook scheiterten entweder an der Zensur oder verstanden es nicht, die Bedürfnisse der chinesischen Nutzer besser zu bedienen als heimische Anbieter.

Teil 1: Mobile Revolutionäre

Teil 2: Global ambitionierte Allrounder

Teil 3: Boom in der zweiten Reihe

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