Markenzeichen: Roter Knopf im Kopf

Seit 90 Jahren gibt es Tipp-Kick nahezu unverändert. Dank der Leidenschaft und Genügsamkeit der Eigentümer überlebt der Hersteller des zeitlosen Kult-Spiels.

Das Spiel mit den kleinen Gussfiguren kennt jeder - zumindest, wenn er in der Ära vor Gameboy und Playstation groß geworden ist. Der Druck auf den roten Knopf auf dem Kopf löst über eine mechanische Verbindung zum Bein die tollsten Schüsse auf den Kasten des Gegners aus. An seiner Faszination hat das Spiel mit dem eckigen, schwarz-weißen Ball trotz des elektronischen Overkills in deutschen Kinderzimmern nichts eingebüßt.

Aber wer kennt schon das Unternehmen hinter dem Spiel, die Edwin Mieg oHG? Man muss sich schon ein wenig durch das Industriegebiet in Schwennigen kämpfen, bis der braune Flachbau auftaucht. Ein paar Stufen, und schon kommt einem Eigentümer Mathias Mieg entgegen. Der 52-Jährige hat ein Kästchen in der Hand, auf dem "Weltmeister 2014" steht. Eine der Heimarbeiterinnen hat es ihm kurz vorher gebracht. Darin ist ein Tipp-Kick-Spieler lackiert im schwarz-rot geringelten Auswärtstrikot der Nationalmannschaft, das Lahm & Co. vor zwei Wochen beim 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien trugen. "Vielleicht sollten wir es ins Programm nehmen", sinniert Mieg. Der Firmenchef ist gerührt. "Unsere Leute haben so viel Herzblut bei ihrer Arbeit", sagt Mieg, "ohne das geht es nicht." Er führt das Unternehmen gemeinsam mit Cousin Jochen in der dritten Generation. Beide sind im kleinen Betrieb Mädchen für alles.

Immer wieder schnell zu reagieren, kleine Neuerungen zu finden ist für die Miegs wichtig. Es wird von der Weltmeistermannschaft 2014 auch wieder eine Kollektion geben, wie schon 1954, 1974 und 1990 schon. Der kleine Spielwarenhersteller mit einstelligem Millionen-Euro-Umsatz muss dabei trickreich sein, um sich nicht mit Markengiganten wie Adidas anzulegen. "Die drei Streifen und das Fifa-Logo dürfen wir nicht benutzen. Sonst bekommen wir Ärger", sagt der gebürtige Schwenninger.

"Es geht bei uns nicht um Wachstum. Bei uns geht es ums Bestehenbleiben", betont Cousin Jochen Mieg. Aber das ist auch eine Leistung. Das kleine Besprechungszimmer beherbergt das Firmenmuseum gleich mit. Die Vitrinentür klemmt. Mathias Mieg gelingt es dennoch, eine der ersten Figuren aus den 20er-Jahren herauszuholen. "Die ist noch aus Blei gegossen, aber in den Maßen unverändert zu heute", sagt Mieg.

Die Firmengeschichte begann vor gut 90 Jahren mit einer Absage: 1923 sollte der junge Schwenninger Exportkaufmann Edwin Mieg die indische Verkaufsniederlassung der Firma Junghans-Uhren übernehmen. Aber er bekam den Job nicht und kehrte der Schwarzwälder Uhrenindustrie den Rücken.

Edwin Mieg wollte sein eigener Herr sein und entwickelte eine Spielidee. Schon mit dem Prototyp wurde wie heute gespielt. 1926 stellte Mieg sein Spiel auf der Treppe vor der Leipziger Messe vor. Geld für einen Stand hatte er nicht, aber er verkaufte mehrere Hundert Spiele. Eine kleine klassische deutsche Erfolgsgeschichte sollte ihren Anfang nehmen. In den 30er-Jahren baute er ein "Fabrikle". Nach dem Tod des Gründers übernahmen seine Söhne Peter und Hansjörg. Im WM-Jahr 1954 kam es zum großen Durchbruch. Peter Mieg entwickelte den Torwart "Toni", der auf Knopfdruck auf die Seite fallen konnte. 180 000 Spiele wurden im Jahr des ersten deutschen WM-Titels verkauft.

In Jahren mit Fußball-Großereignissen läuft das Geschäft gut. Im Jahr der Heim-WM 2006 stellten die Miegs den Rekord von 200 000 Spielen auf, auch weil viele Unternehmen Tipp-Kick als Werbegeschenk entdeckten. Heute macht das Firmengeschäft die Hälfte des Umsatzes aus. In diesem Jahr rechnet Mathias Mieg mit einem Absatzplus von 30 bis 50 Prozent. Mit 70 000 verkauften Exemplaren wäre er schon zufrieden. Nach dem Titelgewinn in Brasilien hofft Mieg jetzt auf einen Schub: "Vielleicht schon vor dem Weihnachtsgeschäft", sagt er. Tipp-Kick erzielt wie alle Spielwarenhersteller mehr als 80 Prozent des Umsatzes im Weihnachtsgeschäft und leidet unter dem Fachhändler-Sterben.

Zusammengebaut und grundiert werden die Figuren von neun Beschäftigten auf Maschinen, die schon viele Jahre auf dem Buckel haben. Zum Lackieren werden sie nach Tunesien verschickt. "Mit der Besteuerung der Minijobs gaben viele unserer Heimarbeiter auf", sagt Mieg.

In den Jahren ohne großes Fußballereignis kämpfen die Schwenninger mit kleinerem Absatz und roten Zahlen. Einfallsreichtum ist gefragt. Am Spiel können und wollen die Miegs nichts ändern. "Man darf die Marke nicht verändern, sonst wird etwas Beliebiges daraus", sagt Mieg. So konzentriert er sich auf das Drumherum, wie etwa Flutlichtmasten. Für das WM-Jahr brachte er eine Stadionuhr auf den Markt, die die Nationalhymnen der Teams spielt. Ab Herbst gibt es erstmals einen Schiedsrichter. Bei Druck auf den roten Knopf im Kopf ertönt ein Pfiff.

Den Sprung in die digitale Welt haben die Miegs nicht aus eigener Kraft geschafft. Aber dafür wird Samsung seine neue intelligente TV-Generation mit einer Tipp-Kick-App versehen, bei der die Koreaner das Spiel digital umgesetzt haben. "Damit werden wir auf Hunderttausenden Bildschirmen präsent sein", freut sich Jochen Mieg. Lizenzgebühren bekommen die Schwenninger, die selbst keine Werbung schalten können, nicht. "Für uns ist es wichtig, auf diese Art zurück in die Köpfe zu kommen", hofft Mieg auf digitale Impulse fürs analoge Geschäft. Geht es nach den beiden Miegs, bleibt das Unternehmen trotz des harten Wettbewerbs in der Spielzeugbranche in Familienbesitz. Aber zur Sicherheit haben die beiden ihren Kindern auf den Weg gegeben, erst mal ohne die Firma auf eigenen Beinen zu stehen.

 

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