Kolumne

Illusion von Freiheit

Die Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ überspitzt New Work. Sie zeigt eine von Technologisierung und Performance-Optimierung geprägte Arbeitswelt.

Crowdworker erledigen Kleinst­aufträge. Das Honorar ist meist niedrig

Viel Arbeit, wenig Geld: Crowdworker erledigen Kleinst­aufträge. Das Honorar ist meist niedrig (Illustration: Fire Dept./Anika Dallmer)

In „Black Mirror“ mühen sich die Darsteller um positive Bewertungen der Kollegen für ihren sozialen Index. Oder sie strampeln sich auf dem Ergometer ab, um virtuelles Geld zu verdienen. Das sind reale Szenarien für manchen Nutzer einer Crowdworker-Plattform für Akkordarbeit in der Cloud – wie Clickworker oder Amazon Mechanical Turk. Sie werben mit der großen Freiheit des Crowdworkings: Zugang zu unbegrenzt vielen Arbeitgebern rund um den Erdball. Die Online-Plattformen vermitteln Kleinstaufträge – die Kategorisierung von Bildern und Videos für Centbeträge etwa, oder ­digitale Projektarbeit wie Grafik- oder Webdesign. Kehrseite der Medaille: Die digitale Arbeitsvermittlung kennt weder Landesgrenzen noch Arbeitsverträge oder Datenschutz. So werden Bildschirme per Screenshot regelmäßig abfotografiert und Bewertungen gesammelt, die den Traum der großen Freiheit jäh beenden können.

Im Gespräch mit Programmierern auf einer Entwicklerkonferenz in San Francisco erfuhr ich kürzlich von Preisdumping durch die Konkurrenz aus Bangladesch und gedeckelte Löhne, wenn die Internetkonzerne sich auf der Plattform absprechen. Eine junge Texterin erzählte mir zuletzt von ihrem frustrierenden ersten Tag auf einer deutschen Clickworker-Plattform, der mit 80 Cent Einnahmen zu Ende ging, nachdem mehrfach Projekte abgebrochen wurden, weil sie – laut der Software – Kategorisierungsfehler gemacht hätte.

Die helle Seite der neuen Freiheit verkörpern digitale Nomaden, die überall und jederzeit ihren Laptop herausholen können oder sich in Coworking-Spaces zusammen­finden. Auch digitale Schwarmorganisationen werden in der neuen Arbeitswelt erst möglich und avancieren zu gesellschaftlichen Vorzeigemodellen. Prominentes Beispiel ist Buurtzorg, eine niederländische Pflege-NGO als lockeres Netzwerk zwischen gleichberechtigten Kollegen ohne hierarchische Strukturen. Agile Pflegeteams organisieren sich über eine nutzerfreundliche Softwareplattform und tauschen sich kollaborativ aus.

New Work hat zwei Seiten: Auf der einen werden Höherqualifizierte anspruchsvoll arbeiten – mit vernetztem interdisziplinärem Denken und hoher technischer Kompetenz. Auf der anderen, der dunklen Seite, wird es mehr Crowdworker geben, die global vernetzt sind, um standardisierte, schlecht bezahlte Kleinstaufträge abzuwickeln. Wir bewegen uns auf polarisierte Organisationen zu: mit klarer Trennung zwischen Hochqualifizierten mit agiler Freiheit und Entscheidungsbefugnis und digitalen Tagelöhnern, die ausführen auf Basis automatisierter Befehle und dabei vom System überwacht werden. „Black Mirror“-Autor Charlie Brooker würde sagen: „Die größten Innovationen der Menschheit treffen auf ihre dunkelsten Instinkte.“

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