Zwickmühle: Die Wahl zwischen Pflege- und Firmenverantwortung fällt schwer

Schwerer Stand

Benötigt ein Angehöriger dauerhaft Hilfe, pflegen ihn oft Partner und Verwandte. Was aber, wenn auch ein Unternehmen zu führen ist? Herantasten an ein Dilemma.

4,7 Mio. Pflegebedürftige erwartet das Bundesgesundheitsministerium bis 2060

Rudolf Schäfer und seine Frau Susanne Speer entwerfen und handeln mit Holzschmuck. Seit mehr als 20 Jahren vertreibt das Unternehmen „Edler Holzschmuck“ den Schmuck auf Messen im gesamten Bundesgebiet. Seit 2015 gibt es zusätzlich einen eigenständigen Laden in Travemünde, der ein noch größeres Sortiment führt. Dort hilft außerdem eine fest angestellte Verkäuferin, das Geschäft am Laufen zu halten. „Wir designen den Großteil der Schmuckstücke selbst und stellen auch die Prototypen her“, sagt Susanne Speer, Geschäftsführerin von Edler Holzschmuck. „Die Herstellung der Kleinserien geschieht dann aber nicht mehr direkt bei uns.“ Das ginge auch gar nicht. Denn im Schmuckhandel haben Anfassen und Anprobieren noch hohen Stellenwert, weshalb der größte Anteil der Ware auf Messen umgesetzt wird, wo das Ehepaar viele Tage im Jahr präsent ist.

DER TAG, DER ALLES VERÄNDERTE

Rudolf Schäfer ist durch einen früheren Autounfall körperlich eingeschränkt und arbeitet deshalb in Teilzeit. 2014 macht ein Folgeschaden des Unfalls eine Operation erforderlich. Dabei kommt es zu Komplikationen. „Mein Mann hatte bei der Operation einen Schlaganfall, der nicht erkannt wurde“, erzählt Susanne Speer. Erst viel zu spät wird dieser festgestellt und Rudolf Schäfer in eine geeignete Klinik verlegt – trotz ihrer ständigen Kommunikation mit der Station.

Noch heute überlegt die Schmuckhändlerin, zu klagen. Kliniken, Personal, Kostenträger – immer wieder sei sie von dem fehlenden Einsatz und mangelnder Unterstützung enttäuscht worden. „Dabei geht es um die Pflegequalität und das Potenzial, Maßnahmen zu ergreifen, die zur Erhaltung oder zur Wiederherstellung der Mobilität und der Gesundheit insgesamt nötig wären“, ärgert sich Susanne Speer. „Es ist unglaublich schwer, gute Chancen zu nutzen, die eigentlich möglich wären, wenn der Kostenträger nicht ständig in die Gegenrichtung arbeiten würde. Da geht das größte Potential verloren.“

FOLGENREICHER ENTSCHLUSS

Sie entscheidet sich, das Unternehmen zunächst Unternehmen sein zu lassen. „Wir haben gesagt: Das Wichtigste ist, dass mein Mann so weit und so schnell wie möglich wieder gesund wird. Was man machen kann, wollen wir auch umsetzen“, sagt die Unternehmerin. Täglich fährt sie von Hamburg nach Kassel, wo sich Rudolf Schäfer einer Reha-Behandlung unterzieht, und wieder zurück zur gemeinsamen Tochter. Es ist eine harte, entbehrungsreiche Zeit.

Inzwischen lebt Rudolf Schäfer wieder bei seiner Familie. Susanne Speer stand damit vor einer doppelten Herausforderung: den Betrieb zu leiten – und sich um ihren pflegebedürftigen Mann zu kümmern. Viele Unternehmer dürften das Dilemma kennen. „Kommt man selbst in die Situation, dass Familienmitglieder gepflegt werden müssen, funktioniert das sicher bis zu einem gewissen Grad zu Hause“, sagt Ulrich Krantz, Mitglied des Vorstands des Seniorenresidenzenanbieters K&S (siehe Interview). „Aus meiner Sicht überfordert es aber auch viele Familien, insbesondere wenn man den Beruf weiter ausüben möchte“, so Krantz. Pflege und Firma für alle Beteiligten zufriedenstellend zu vereinbaren sei dann häufig unmöglich.

Susanne Speer informierte sich unter anderem im Internet über die Pflegemöglichkeiten. Professor Dr. Bernd Reuschenbach, Psychologe und Gerontologe der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, empfiehlt, es nicht dabei zu belassen: „Angehörige sollten die vielfältigen Beratungsangebote nutzen, die es in jedem Bundesland gibt.“ Zudem sei es sinnvoll, professionelle Pflegekräfte nach der besten Versorgungssituation zu befragen. „Es ist ein Trugschluss, zu vermuten, dass allein Ärzte gut über die Pflegesituation informieren können.“

HELFENDE HÄNDE

Nach den Erfahrungen, die Susanne Speer in der Klinik machte, kam die Unterbringung ihres Mannes in einer stationären Pflegeeinrichtung für sie nicht infrage. Doch auch die Suche nach einem geeigneten Pflegedienst gestaltete sich schwierig: „Die Mitarbeiter vieler Anbieter sind den ganzen Tag über unterwegs und kommen nur für eine kurze Betreuung vorbei“, sagt sie. „Wir benötigen aber jemanden, der 24-Stunden-Pflege bietet. Der Hausarbeiten erledigt, die am Tag anfallen, Essen kocht, sich während der Nacht kümmert und sich wirklich mit meinem Mann beschäftigt.“

Dann stieß sie auf Die Pflegeagentur, deren Mitarbeiter diese Anforderungen abdecken. Friedrich Hering, Geschäftsführer von Die Pflegeagentur, sieht in der Betreuungsdauer ein zentrales Kriterium guter Pflege: „Wir bringen viel Zeit mit, decken außer der Behandlungspflege alle Bereiche ab und haben nahezu keine Fluktuation“.

BEKANNTE UMGEBUNG

Susanne Speers Wahl deckt sich mit dem Bedürfnis vieler Patienten. „Unabhängig vom beruflichen Hintergrund besteht grundsätzlich ein großer Wunsch nach einer Versorgung zuhause“, sagt Reuschenbach. Zudem sei es dem Psychologen zufolge speziell für Unternehmer selten notwendig, Angehörige in einem Heim versorgen zu lassen. „Mit einem entsprechenden Wohlstandsniveau ist es leichter, eine ansprechende bauliche Situation für die Pflege zu schaffen und – über die Leistung der gesetzlichen und privaten Pflegeversicherung hinaus – private Pflege zu organisieren, zum Beispiel in Form privat finanzierter Haushalts- und Pflegehelfer“, so Reuschenbach.

Darüber hinaus gibt es Hilfe vom Staat. „Der Gesetzgeber fördert die Umsetzung des Wunsches nach häuslicher Pflege durch vielfältige Unterstützungsangebote, etwa den Aufbau nachbarschaftlicher Hilfsangebote, Tagespflege, Demenzbegleitung oder Nachtpflege“, sagt er. Susanne Speer kann darüber nur den Kopf schütteln: Die staatlichen Zuschüsse decken ihre Kosten für den Lebensunterhalt bei Weitem nicht.

QUAL DER WAHL

Obwohl im Fall von Susanne Speer und ihrem Mann ein ambulanter Betreuungsdienst die Lösung war, gibt es manchmal keine Alternative zu einer Unterbringung in einem Pflegeheim. Das muss nicht per se schlecht sein. Es gibt sehr gute Einrichtungen, nur bedarf es einiger Recherche, sie ausfindig zu machen. So sollte etwa auf hervorragende Pflegenoten geachtet werden. Reuschenbach nennt weitere Kriterien guter Unterkünfte für Pflegepatienten: „Wichtig erscheinen mir nicht nur schöne Räumlichkeiten und gutes Essen, sondern eben auch die individuellen Aktivierungen der Personen.“ Begegnungen, Spiele und Gespräche tragen beispielsweise wesentlich zur Lebensqualität der Bewohner bei.

Krantz will eben das in den Unterkünften von K&S anbieten: „Unser Idealbild eines Hauses umfasst immer auch eine Art integrierten Marktplatz – mit Cafeteria, Friseur, Seniorensport, wechselnden Kulturveranstaltungen und mehr. Dort sollen sich Angehörige mit ihren Kindern treffen, aber auch der Sparkassenmitarbeiter von nebenan seinen Kaffee trinken.“ Es ist wohl der wichtigste Fakt im Pflegediskurs: Ohne Menschlichkeit und Nähe geht es nicht.

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